Für die Quinta jedoch war nicht zu bezweifeln, daß es dort vernunftbegabte Wesen gab. Die kritische Frage war nicht, ob sie aus dortigen Reptilien oder einer Art entstanden waren, wie es sie auf der Erde nie gegeben hatte. Kritisch war der Typ ihrer Fortpflanzung. Gehörten sie aber weder zu den Plazentariern noch zu den Beuteltieren, so wurde ihre Zweigeschlechtlichkeit durch die Genetik bewiesen, derzufolge die biologische Evolution einer Vermehrung in dieser Form den Vorzug gibt.
Das, was der rein biologische, in den Fortpflanzungszellen enthaltene Code der Nachkommenschaft verleiht, eröffnet keine Chancen einer Kulturgenese, denn dieser Code macht Veränderungen der Arten nur in einem Tempo möglich, das auf Jahrmillionen berechnet ist. Die Beschleunigung der Gehirnzunahme erfordert eine Reduzierung der Instinkte, wie sie biologisch vererbt werden, zugunsten von Lehren, wie man sie von den Eltern erwirbt. Ein Wesen, das zur Welt kommt und dank dem angeborenen genetischen Programm „alles oder fast alles“ fürs Überleben Notwendige weiß, kann sich vortrefflich zu helfen wissen, wird aber die Lebenstaktiken nicht radikal umzustellen vermögen. Wer das aber nicht kann, ist nicht vernunftbegabt. Am Anfang waren also auch hier die Zweigeschlechtlichkeit und unweigerlich die Jagd. Um diese Anfänge aber wuchs eine Protokultur. So ist deren zweigliedriger Keim und Kern beschaffen.
Wie aber prägt er die Protokultur, wie offenbart er sich? In der auf diese Glieder gerichteten Aufmerksamkeit: dem Gebrauch des Geschlechts und dem Gebrauch der Jagd. Bevor die Schrift entstand, bevor man Methoden fand, die eine Benutzung des Körpers in nur tierischer Form hinter sich ließen, übertrug die von der Jagdkunst geforderte Geschicklichkeit die realen Abläufe in Bilder — noch keine Symbole, sondern als magische Aufforderung an die Natur, das Ersehnte zu geben. Als Abbilder, gemalt, weil sie malbar waren, in Stein gehauen als Ebenbilder dessen, was in Stein zu hauen ging und was man erwünschte. Und so weiter. GOD folgte diesen Voraussetzungen und führte die gestellte Aufgabe aus: Ein in einer Bilderfolge konkretisierter Mythos sollte auf sexuelle und jagdliche Abläufe gestimmt werden, eine Erzählung, eine Mitteilung, ein Schauspiel. Die Akteure: die Sonne, ein Tanz vor dem Hintergrund von Regenbögen, Verneigungen. Das aber war der Epilog: Am Anfang stand der Kampf. Wer kämpfte da? Geschöpfe, nicht deutlich zu sehen, aber aufrechter Haltung. Genau solche.
Überfall und Kämpfe, beendet durch einen gemeinsamen Tanz.
Der Solaser wiederholte dieses „planetare Schauspiel“ in einigen Varianten drei Tage und drei Nächte lang, mit kurzen Pausen, die Ende und Anfang signalisieren sollten. Die Kollimation war so fokussiert, daß sich das Bild an dem Wolkenhimmel des Planeten über jedem Kontinent, bei Tag und bei Nacht, in Blickweite zeigte, also mit der Beschränkung auf den zentralen Teil des Wolkenbildschirms. Harrach und Polassar blieben bei ihrer Skepsis. Nehmen wir an, es wird gesehen und sogar verstanden. Na und? Haben wir nicht ihren Mond zertrümmert? Das war eine weniger fröhliche, dafür um so aussagekräftigere Vorstellung. Nehmen wir dennoch an, sie betrachten es als Geste der Friedfertigkeit. Wer? Die Bevölkerung? Was gilt während eines hundertjährigen Krieges im All die Meinung der Bevölkerung? Sind die Pazifisten auf der Erde jemals tonangebend gewesen? Was können sie tun, um sich bemerkbar zu machen — nicht gegen uns, sondern wenigstens gegen ihre eigenen Regierungen? Bringe den Kindern die Überzeugung bei, daß der Krieg etwas Häßliches ist. Was kommt dabei heraus?
Statt Genugtuung über seinen Einfall verspürte Tempe lähmende Sorge. Um sich ihrer zu entledigen, unternahm er einen Ausflug. Der HERMES war eigentlich ein menschenleerer Riese — der bewohnte Teil mitsamt den Steuerräumen und Labors steckte in einem Kern von der Größe höchstens eines sechsstöckigen Hauses. Es gab dort außer der Lastverteileranlage noch Krankenzimmer, einen unbenutzten kleinen Beratungsraum, unter diesem die Messe mit automatischen Küchen, weiterhin eine Erholungs- und Fitneßabteilung mit Trainingssimulatoren und einem Schwimmbecken, das allerdings nur gefüllt war, wenn das Raumschiff es erlaubte — wenn es nämlich einen ausreichenden Schub entwickelte, damit das Wasser nicht in ballongroßen Tropfen in der Luft herumschwebte. Es gab auch ein halbovales Amphitheater, das ebenfalls der Unterhaltung und Zerstreuung dienen sollte, aber niemals auch nur von einer Menschenseele aufgesucht wurde. Alle diese Bequemlichkeiten, die die Erbauer so bieder zum Wohle der Besatzung eingerichtet hatten, erwiesen sich als fünftes Rad am Wagen. Wem sollte es auch in den Sinn kommen, sich die raffiniertesten holographischen Spektakel anzusehen? Für die Crew schien dieser Teil des Mitteldecks nicht zu existieren — möglicherweise wurde er ignoriert, weil er angesichts der Ereignisse der letzten Monate der blanke Hohn war. Der Projektionssaal und das Schwimmbad sollten ebenso wie die Vergnügungsabteilung — dort fehlte es weder an einer Bar noch an Pavillons wie auf einem kleinstädtischen Lunapark — durch architektonische Raffinesse die Illusion eines Lebens auf der Erde verstärken, doch hatten hier — wie Gerbert behauptete — die Projektanten versäumt, sich mit Psychologen zu beraten: Unhaltbare Illusionen werden als Schwindel empfunden. Auch Tempe machte auf seinem Ausflug einen Bogen um diese Attraktionen.
Zwischen der Residenz der Kundschafter und dem Außenpanzer des Raumschiffs zog sich nach allen Richtungen ein Raum, der längs der Stringer und Holme von Bordwand und Kiel mit Schotten verbaut und mit einer Masse arbeitender und ruhender Aggregate vollgestopft war. Man betrat diesen Raum durch hermetisch schließende Klappen an beiden Enden des Decks, zum Heck hin jenseits der sanitären Anlagen, zum Bug hin vom Flur des oberen Steuerraums. Den Zutritt ins Innere des Hecks verwehrte ein dicht verschlossenes, kreuzweise verriegeltes Tor mit ständig brennender roter Leuchtschrift — dort ruhten in unzugänglichen Kammern in scheinbarer Erstarrung die Sideralumformer, Kolosse, in der Leere schwebend wie das legendäre Grab Mohammeds, getragen von unsichtbaren magnetischen Kissen.
Die Sperre zum Bugraum aber durfte durchschritten werden, und dorthin lenkte der Pilot seine Schritte. Er mußte durch den Steuerraum, und dort traf er Harrach bei einer Beschäftigung an, die ihn unter anderen Umständen belustigt hatte: Der diensthabende Kollege, der etwas trinken wollte, hatte die Büchse zu energisch geöffnet und jagte nun, schräg unter der Decke schwebend, einer gelben Kugel von Orangensaft hinterher, die sich wie eine große Seifenblase wiegte. Harrach trug einen Strohhalm im Mund, um das Getränk aufzusaugen, ehe es ihm ins Gesicht klatschte. Tempe blieb stehen, damit die Kugel durch den Luftzug nicht in Tausende Tropfen zerstob. Erst als Harrach der Fang geglückt war, schwang er sich mit geübtem Stoß in die gewünschte Richtung.
Die ganze sonstige Koordination der Bewegungen geht bei Schwerelosigkeit zum Teufel, aber Tempe hatte die alte Erfahrung längst zurückgewonnen. Er brauchte keine bewußte Anstrengung, als er die Beine wie ein Bergsteiger in einen Felskamin einstemmte, um die beiden Schraubräder zu Öffnen, die die Klappe zuhielten. Wer sich nicht auskannte, hatte wahrscheinlich einen Purzelbaum geschlagen bei dem Versuch, diese Speichenräder loszudrehen, die an jene erinnerten, wie sie an Banktresoren verwendet werden. Rasch schloß Tempe wieder hinter sich die Klappe, denn obgleich die Bugschotten ebenfalls mit Luft gefüllt waren, wurde diese nicht erneuert und war von den bitteren Ausdünstungen der Chemikalien geschwängert wie in einem Industriebetrieb.
Der Pilot sah vor sich einen Raum, der sich nach hinten verengte, schwach erhellt von langen Reihen von Leuchtröhren, an der Bordwandseite von doppelten Gitterspreizen durchzogen. Ohne Hast tauchte er hinein, passierte, sich an den bitteren Geschmack in Mund und Rachen gewöhnend, die oxydierten Korpusse der Turbinen und Kompressoren, die Thermogravitatoren mit ihren Podesten, Umgängen und Treppen. Geschickt glitt er um die gewaltigen, dickwandigen Rohrleitungen, die wie Bogenpfeiler zu den Behältern mit Wasser, Helium oder Sauerstoff führten, mit ausladenden Kragen, mit Kränzen von Schrauben. Auf einem dieser Kragen ließ Tempe sich nieder wie eine Fliege. Das war er in der Tat: eine Fliege im Bauch eines stählernen Wals. Jeder der Behälter war höher als ein Kirchturm. Eine Leuchtröhre, die einen Defekt hatte, flimmerte regelmäßig, und in diesem schwirrenden Licht wurden die oxydierten Wölbungen bald dunkel, bald wieder hell wie mit Silber bestäubt. Tempe fand sich hier gut zurecht. Von den Schotten mit den Vorratsbehältern schwebte er nach vorn, wo in dem massiven Mantel der mittleren Etage im Licht eigener Lampen die Nukleo-spin-Aggregate glänzten. Sie waren an Ponalkränen aufgehängt, die Austrittsöffnungen verspundet. Plötzlich wehte ihn eisige Kälte an, und er erblickte die bereiften Heliumleitungen der Kryotronanlagen. Der Frost war so stark, daß sich Tempe vorsichtshalber am nächsten Griff festhielt, um nicht an diese Rohre zu kommen, an denen er augenblicklich festgefroren wäre. Er hatte hier nichts zu tun, und ebendeswegen kam er sich vor wie auf einem Ausflug. Vage wurde er sich einer Genugtuung bewußt, die diese düstere, menschenleere Ode, die von der Stärke des Raumschiffs zeugte, in ihm weckte. In den unteren Laderäumen waren Schreitbagger verankert, leichtere und schwerere Landefähren, reihenweise grüne, weiße und blaue Container für die Werkzeugabteilung und die Reparaturautomaten. Direkt am Bug standen zwei Großschreiter mit gewaltigen drehbaren Kapuzen anstelle der Köpfe. Durch Zufall oder Absicht geriet Tempe in den starken Luftstrom aus den Sieben der thermischen Ventilation, und er wurde zu den Backbordspanten des Innenpanzers getragen, die als Brückenpfeiler hätten dienen können. Er nutzte den Schwung geschickt, vielleicht ein bißchen zu kräftig aus, um sich abzustoßen. Wie ein Turmspringer flog er, den Kopf voran, eine verlangsamte Schraube drehend, auf das Geländer der blechgedeckten Buggalerie zu. Er liebte diesen Platz. Mit beiden Armen zog er sich auf das Geländer- vor sich haue er die ganze Million Kubikmeter des Laderaums im Vorderschiff.
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