Die Daten über seinen psychischen Zustand bekam der Betroffene nicht direkt von der Maschine, damit das Gefühl der vollkommenen Abhängigkeit vom Bordcomputer, das sogenannte Hicks-Syndrom, vermieden wurde, das zu dem beitragen konnte, was die psychiatrische Aufsicht vereiteln wollte: Verfolgungswahn und andere paranoidale Vorstellungen. Außer den Psychonikern wußte niemand, in welchem Grade jeder Mensch „psychisch durchsichtig“ für das Prüfprogramm war, das man den „Geist des Äskulap in der Maschine“ nannte. Es gab nichts Einfacheres, als es zu erfahren und sich davon zu überzeugen, doch war festgestellt worden, daß sogar die Psychoniker solche Informationen schlecht vertrugen, die von ihnen selber handelten. Um so schlimmer mußten sie auf die Moral einer Crew wirken, die sich auf einem langen, weiten Flug befand. GOD war — wie jeder Computer, der so programmiert ist, daß auch nicht die Spur einer Persönlichkeit in ihm entstehen kann — als ständig wachsamer Beobachter ein Niemand; in ihm war, wenn er seine Diagnosen stellte, vom Menschen nicht mehr wie in einem Thermometer, das das Fieber mißt. Die Feststellung der Körperwärme ruft freilich keine so projektiven Abwehrreaktionen hervor wie die Messung des Geisteszustands. Nichts ist uns naher, nichts halten wir der Umwelt so verborgen wie die intimsten Erfahrungen des eigenen Ich, bis sich plötzlich erweist, daß eine Apparatur, die toter ist als eine ägyptische Mumie, dieses Ich in allen Kämmerchen völlig zu durchschauen versteht. Für den Laien sieht das aus wie Gedankenlesen. Von Telepathie kann keine Rede sein — die Maschine kennt jeden ihrer Obhut Anvertrauten einfach besser als er sich selbst mitsamt zwei Dutzend Psychologen.
Auf der Grundlage der vor dem Start angestellten Untersuchungen baut sie sich ein Parametersystem, das die psychische Norm eines jeden Besatzungsmitglieds simuliert und das sie als Meßformel handhabt. Zudem ist sie auf dem Raumschiff durch die Sensoren ihrer Terminals allgegenwärtig, das meiste aber dürfte sie von ihren Schutzbefohlenen erfahren, wenn diese schlafen — anhand des Atemrhythmus, der Bewegungen der Augäpfel und selbst der chemischen Zusammensetzung des Schweißes. Jeder schwitzt nämlich auf unwiederholbare Weise, und vor dem Ölfaktometer eines solchen Computers kann sich der beste Spürhund verstecken. Außerdem besitzt der Hund neben seinem Geruchssinn keine diagnostische Ausbildung. So verhält sich das, denn den Ärzten ist es mit den Computern bereits ergangen wie den Schachspielern — sie sind geschlagen worden.
Man benutzt aber die Maschinen als Gehilfen und nicht als Doktoren der Medizin, denn Menschen wecken im Menschen größeres Vertrauen als Automaten.
Gerbert zerrieb, während er das alles ohne Eile erklärte, ein Haselblatt zwischen den Fingern und schloß mit den Worten, GOD habe den Piloten unauffällig bei dessen „Ausflügen“ begleitet und die letzten als Symptome der Krise diagnostiziert.
„Was für einer Krise?“ entfuhr es Tempe. „So nennt er den definitiven Zweifel an der Zweckmäßigkeit unserer Sisyphusarbeit.“
„Daß wir keine Chance haben, Kontakt zu bekommen?“
„Als Psychiater interessiert sich GOD nicht für die Chancen der Kontakte, sondern für die Bedeutung, die wir diesem Kontakt beimessen. GOD zufolge glaubst du inzwischen weder an den Erfolg deines Konzepts, dieses „Märchens“, noch an den Sinn einer Verständigung mit der Quinta, selbst wenn es dazu kommen sollte. Was sagst du dazu?“ Der Pilot verspürte eine Hilflosigkeit, als wäre er völlig gelähmt.
„Kann er uns hören?“
„Natürlich. Nun brauchst du dich aber nicht aufzuregen. Schließlich ist dir ja von dem, was ich hier gesagt habe, selber nichts unbekannt gewesen. Nein, warte, sag noch nichts. Du hast es gewußt und zugleich nicht gewußt, weil du es nicht-wissen wolltest. Das ist eine typische Abwehrreaktion. Du bist keine Ausnahme, mein Lieber. Schon auf der EURY-DIKE hast du mich mal gefragt, was das alles solle und ob man es nicht lassen könne. Erinnerst du dich?“
„Ja.“
„Na, siehst du. Ich habe dir erklärt, daß der Statistik zufolge Expeditionen mit ständiger psychischer Kontrolle mehr Erfolgschancen haben als solche ohne diese Kontrolle. Ich habe dir diese Statistiken sogar gezeigt. Das Argument ist unwiderleglich, also hast du das einzige getan, was alle tun: Du hast es ins Unterbewußtsein verdrängt. Und was ist nun mit der Diagnose? Stimmt sie?“
„Ja, sie stimmt“, sagte der Pilot. Mit beiden Händen griff er unter den Gurt, der sich über seine Brust spannte. Die Haselsträucher rauschten leise in einem sanften — künstlichen — Luftzug.
„Ich weiß nicht, wie es ihm möglich war… aber lassen wir das. Jawohl, es ist die Wahrheit. Ich weiß nicht, seit wann ich das mit mir herumschleppe. Ich… Es liegt nicht in meiner Art, in Worten zu denken. Worte sind für mich zu langsam, ich muß mich schnell zurechtfinden. Sicher eine alte Gewohnheit, noch aus der Zeit vor der EURYDIKE… Wenn es aber nun mal sein muß… Wir rennen mit dem Kopf gegen eine Wand. Vielleicht durchbrechen wir sie, aber was kommt dabei heraus? Worüber können wir mit den Anderen reden? Was können sie uns zu sagen haben? Ja, ich bin jetzt überzeugt, daß mir der Trick mit dem Märchen als Ausflucht eingefallen ist. Um auf Zeit spielen zu können… Es entsprang nicht der Hoffnung, sondern war wohl eher Eskapismus. Um vorwärts zu gehen, während man auf der Stelle tritt…“
Er hielt inne, suchte vergebens nach den rechten Worten. Ringsum wogte das Haselgesträuch. Der Pilot öffnete den Mund, sagte aber nichts.
„Wenn diese anderen sich aber einverstanden erklären, daß ein Kundschafter landet, wirst du fliegen?“ fragte der Arzt nach einer Weile.
„Klar!“ entfuhr es Tempe, und verwundert setzte er hinzu: „Warum denn nicht?
Deswegen sind wir doch hier…“
„Es kann eine Falle sein“, sagte Gerbert so leise, als wollte er diese Bemerkung vor dem allgegenwärtigen GOD verheimlichen.
So dachte wenigstens der Pilot, der das aber sogleich für Unsinn und in einer plötzlichen weiteren Reflexion für ein Symptom der eigenen Abnormität ansah, da er GOD damit das Böse oder zumindest Feindseligkeit zugeschrieben hatte. Als habe er gegen sich nicht nur die Quintaner, sondern auch den eigenen Computer.
„Es kann eine Falle sein“, wiederholte er wie ein verspätetes Echo. „Sicherlich…“
„Und du wirst fliegen, ohne Rücksicht auf Verluste?“
„Wenn Steergard mir die Chance gibt… Es ist noch nicht darüber gesprochen worden. Wenn wir überhaupt Antwort bekommen, landen erst mal Automaten dort. Genau nach Programm!“
„Nach unserem Programm“, stimmte Gerbert zu. „Die Anderen aber werden das ihre haben, nicht?“
„Klar. Sie schicken dem ersten Menschen blumenstreuende Kinder entgegen und rollen einen roten Teppich aus. Die Automaten rühren sie nicht an.
Das wäre aus ihrer Sicht zu dumm. Uns aber werden sie in den Sack stecken wollen…“
„Das denkst du und willst dennoch fliegen?“ Die Lippen des Piloten zuckten, es wurde ein Lächeln daraus. „Doktor, ich bin nicht versessen, ein Märtyrer zu werden, aber du haust zwei Dinge durcheinander: das, was ich denke, und das, wer uns hergeschickt hat und wozu. Es gehört sich nicht, den Kommandanten anzumachen, wenn er einen wegen einer Dummheit tadelt. Und, Doktor, glaubst du, er würde, wenn ich nicht wiederkäme, den Priester bitten, für mein Seelenheil zu beten? Ich wette meinen Kopf, daß er tun wird, was ich so dumm gesagt habe!“ Gerbert sah ihm verblüfft in das strahlende Gesicht. „Das wäre eine Vergeltung, nicht nur entsetzlich, sondern auch sinnlos. Dich bringt er nicht wieder zum Leben, wenn er zuschlägt. Außerdem hat man uns nicht zur Vernichtung einer fremden Zivilisation hierhergeschickt. Wie vereinbarst du das eine mit dem anderen?“
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