Das Gesicht des Piloten wurde ernst. „Ich bin ein Feigling, weil ich mir nicht einzugestehen wage, daß ich nicht mehr an einen Erfolg des Kontakts glaube. Ich bin aber kein solcher Feigling, daß ich mich aus meiner Aufgabe herausmogeln möchte. Steergard hat die seine und rückt auch nicht von ihr ab.“
„Du hältst diese Aufgabe selber für unausführbar.“
„Nur anhand von Annahmen: Wir sollten Verständigung suchen, aber nicht kämpfen. Die anderen haben sich verweigert — auf ihre Weise, durch einen Angriff, und dies wiederholt. Auch eine so konsequente Absage ist eine Verständigung — als Äußerung eines Willens. Hätte der Hades die EURYDIKE verschlungen, würde Steergard bestimmt nicht versuchen, ihn in Stücke zu hauen. Mit der Quinta ist das anders. Wir klopfen an die Tür, weil die Erde es so wollte. Wird die Tür nicht aufgemacht, schlagen wir sie ein.
Vielleicht finden wir dahinter nichts, was den irdischen Erwartungen entspricht.
Das nämlich ist es, was ich befürchte. Wir aber sprengen diese Tür auf, weil wir anders nicht den Willen der Erde erfüllen können. Du sagst, das sei entsetzlich und sinnlos? Das stimmt. Wir haben eine Aufgabe bekommen. Sie sieht jetzt nach einer Unmöglichkeit aus. Hätten die Menschen seit der Steinzeit immer nur gemacht, was nach Möglichem aussah, säßen sie heute noch in Höhlen.“
„Also hast du doch noch Hoffnung?“
„Ich weiß nicht. Ich weiß nur, daß ich, wenn es notwendig wird, ohne Hoffnung auskommen kann.“ Er hielt inne, stutzte und zeigte sich verwirrt. „Doktor, du holst Dinge aus einem heraus, die man nicht sagt… Das heißt, eigentlich bin ich beim Kommandanten mit diesem „Nemo me impune lacessit“ ganz unnötig vorgeprescht und zu Recht dafür gerügt worden, denn es gibt Pflichten, die man erfüllt, mit denen man sich aber nicht brüstet, weil es dafür gar keinen Grund gibt. Was hat GOD dir über mich gesagt?
Depressionen? Klaustrophobie? Ein anankastischer Komplex?“
„Nein, das sind veraltete Begriffe. Du weißt, was der Gruppenkomplex nach Hicks ist?“
„Ich habe auf der EURYDIKE nur mal dran geschnuppert. Thanatophilie? Nein, so eine Art selbstmörderischer Desperation, nicht wahr?“
„So ungefähr. Das ist kompliziert und führt weit weg…“
„Hat er mich untauglich befunden für…“
„GOD kann niemanden absetzen, das dürftest du wissen. Er kann durch seine Diagnose jemanden disqualifizieren, mehr nicht. Die Entscheidung trifft der Kommandant in Absprache mit mir, und falls einer von uns einer Psychose verfällt, kann das Kommando von der übrigen Besatzung übernommen werden. Von Psychosen kann bisher keine Rede sein. Ich möchte nur, daß du nicht so sehr auf diese Landung brennst…“
Der Pilot löste den Gurt, schwebte sacht in die Höhe und hielt sich, um von dem künstlichen Zephir nicht fortgetrie-ben zu werden, an den Haselruten fest.
„Doktor… Ihr irrt euch alle beide — du und GOD…“
Der Luftstrom schob ihn so stark, daß sich der ganze Strauch bog. Um ihn nicht mit den Wurzeln herauszureißen, ließ Tempe ihn los. Schon zur Tür schwebend, rief er zurück: „Lauger hat auf der EURYDIKE zu mir gesagt: „Du wirst die Quintaner sehen!“ Darum bin ich mitgeflogen…“
Durch das Raumschiff ging ein Ruck. Tempe wußte sofort Bescheid. Die Wand des Gewächshauses kam auf ihn zugeschossen, er krümmte sich in der Luft wie eine fallende Katze, um den Stoß abzufangen, und rutschte an der Wand herunter auf den Boden, der den Füßen bereits festen Halt bot. Die Beuge der Knie zeigte den Schub an, der noch nicht sehr groß war. Jedenfalls war etwas passiert. Der Korridor war leer, die Sirenen schwiegen, aber von überallher drang die Stimme GODs.
„Jeder an seinen Platz! Die Quinta hat geantwortet. Jeder an seinen Platz! Die Quinta hat geantwortet…“ Ohne auf Gerbert zu warten, sprang Tempe in den nächsten Lift. Er fuhr eine Ewigkeit, die Lichter der einzelnen Decks glitten vorüber, der Pilot fühlte immer stärker den Druck, der ihn am Fußboden hielt.
Der HERMES hatte in seiner Beschleunigung bereits die irdische Schwerkraft überschritten, aber wohl nicht um mehr als eine halbe Einheit. Im oberen Steuerraum saßen bereits Harrach, Rotmont, Naka-mura und Polassar, alle tief in die Sitze versunken, die bei starker Gravitation benutzt wurden, jetzt die Kopfstützen aber aufgerichtet hatten. Steergard stand, fest auf das Geländer vor dem Hauptmonitor gestützt, und verfolgte mit den anderen die über die ganze Breite laufenden Schriftzüge.
GARANTIEREN EUCH SICHERHEIT AUF NEUTRALEM BODEN STOP
UNSER KOSMODROM LIEGT 46. BREITENGRAD 139. LÄNGENGRAD ENTSPRECHEND EURER MERCATORPROJEKTION STOP
SIND SOUVERÄN UND NEUTRAL STOP
NACHBARMÄCHTE SIND IN KENNTNIS GESETZT UND OHNE VORBEDINGUNG MIT LANDUNG EURER SONDEN EINVERSTANDEN STOP
NENNT PER NEODYM-LASER TERMIN DES EINTREFFENS EURER LANDEFÄHRE GEMÄSS DER VON EINER PLANETENUMDREHUNG BESTIMMTEN ZEIT IN BINÄRER NUMERIERUNG STOP
ERWARTEN EUCH STOP HEISSEN EUCH WILLKOMMEN STOP ENDE
Als Gerbert und der Mönch kamen, ließ Steergard den Text nochmals über den Bildschirm laufen, setzte sich und wandte sich an die Versammelten.
„Wir haben diese Antwort vor einigen Minuten bekommen, von dem angegebenen Punkt aus, mit Lichtblitzen im Sonnenspektrum. Kollege Nakamura, war das ein Spiegel?“
„Wahrscheinlich. Inkohärentes Licht — durch ein Wolkenfenster. Ein normaler Spiegel hätte dazu mindestens einige Hektar groß sein müssen.“
„Interessant. Und diese Blitze hat der Solaser empfangen?“
„Nein. Sie waren an uns gerichtet.“
„Sehr interessant. Wie groß ist jetzt der Winkel, in dem der HERMES vom Planeten aus sichtbar ist?“
„Ein paar Hundertstel einer Bogensekunde.“
„Es wird immer interessanter. Das Licht war nicht kollimiert?“
„Doch, aber nur schwach.“
„Wie durch einen Hohlspiegel?“
„Oder eine Reihe von Planspiegeln, die auf ziemlich großem Gelände entsprechend angeordnet waren.“
„Das heißt, daß sie wußten, wo sie uns zu suchen hatten. Aber wie und woher?“ Keiner sagte etwas. „Ich bitte um Meinungsäußerungen.“
„Sie haben uns bemerken können, als wir den Solaser abschössen“, sagte El Salam, der Tempe bisher unbemerkt geblieben war, weil er sich aus dem unteren Steuerraum zu Wort meldete.
„Das ist vierzig Stunden her, und danach sind wir ohne Antrieb geflogen“, widersprach Polassar.
„Lassen wir das jetzt. Wer glaubt an diese edle Gesinnung? Niemand? Das ist nun aber ganz erstaunlich!“
„Zu schön, um wahr zu sein“, hörte Tempe eine Stimme von oben. Auf der Galerie stand Kirsting. „Obwohl… andererseits… wenn das eine Falle sein soll, hätten sie eine stellen können, die weniger primitiv ist.“
Der Kommandant stand auf. „Wir werden uns davon überzeugen.“
Der HERMES flog jetzt so gleichmäßig, daß alle Gravimeter auf der Eins standen — als ruhe das Raumschiff im Dock auf der Erde.
„Ich bitte um Aufmerksamkeit. Kollege Polassar, schalten Sie GOD den Programmblock SG zu. El Salam löscht den Solaser und legt ihm die Maskierung an.
Wo ist Rotmont? Du machst zwei schwere Landefähren fertig. Die Piloten und Doktor Nakamura bleiben im Steuerraum. Ich nehme ein Bad und bin gleich wieder da. Ach so, Harrach und Tempe: Prüft mal nach, ob alles festsitzt, was zehn g nicht so gern hat. Niemand betritt ohne meine Erlaubnis die Navigation! Das war's.“ Steergard ging um die Pulte herum zur Tür. Als er sah, daß nur die Piloten ihre Plätze verlassen hatten, sagte er: „Die Ärzte bitte an ihre Plätze.“ Kurz darauf leerte sich der Steuerraum. Harrach hatte den Platz gewechselt, seine Finger liefen über die Tastatur, und er prüfte an den aufleuchtenden Schaltbildern der Interzeptoren den Zustand sämtlicher Aggregate vom Bug bis zum Heck.
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