„Nenne ein Argument, das unwiderleglich ist.“
„Genau darum geht es. Die Zeit ist reif, die Dinge beim Namen zu nennen. Mittelbarer Druck genügt nicht mehr, Kommandant. Du mußt direkt agieren.“
„Den Stäben den Kampf ansagen?“
„Ja.“
„Mit einem massierten Schlag?“
„Ja.“
„Interessant. Du hältst die Austilgung vernunftbegabter Geschöpfe, die sich vernunftwidrig verhalten, für das beste Mittel, zu ihnen Kontakt aufzunehmen?
Sollen wir auf dem Planeten als Archäologen einer von uns ausgerotteten Zivilisation landen?“
„Nein. Du mußt dem Planeten selbst einen sideralen Schlag androhen. Sie haben gesehen, wie ihr Mond in Stücke ging.“
„Aber das wird doch nur ein Bluff. Wenn wir die Forderung nach dem Kontakt erneuern, können wir nicht die potentiellen Partner vernichten. Man braucht nicht besonders scharfsinnig zu sein, um das zu durchschauen. Sie werden alles für eine leere Drohung halten — mit Recht!“
„Es braucht keine völlig leere Drohung zu sein.“
„Den Eisring angreifen?“
„Kommandant, warum führst du, statt dich schlafen zu legen, nächtelange Gespräche mit einer Maschine, wenn du selber weißt, was zu tun ist?“
Der Reproduktor schwieg. Steergard steckte ein neues Kristall in den Schlitz.
„Nur noch ein wenig Geduld“, bat er. „Das ist schon das letzte Gespräch.“
Das Kontrollämpchen leuchtete blau, wieder ließ GOD sich vernehmen.
„Ich habe eine gute Nachricht für dich, Kommandant. Ich habe die Stabilität der Sphäromachie untersucht und bis an die Grenze der Prognosezuverlässigkeit in die Zukunft extrapoliert. Ungeachtet der Zahl der Gegner und des Diameters, den der Kampfraum erreicht, wird diese Zivilisation zugrunde gehen. Das einfachste Modell dafür ist ein Kartenhaus. Man kann es nicht beliebig hoch bauen, es wird irgendwann zusammenfallen — das ist so selbstverständlich, daß man dazu keine Berechnungen braucht.“
„Ein Kartenhaus? Und konkreter?“
„Die Holenbach-Theorie. Bei der Zunahme des Wissensstandes gibt es keine Personen, die unersetzbar wären. Hätte es Planck, Fermi, Lise Meitner, Einstein und Bohr nicht gegeben, so wären die Entdeckungen, die zum Bau der Atombombe führten, von anderen gemacht worden. Das von den Amerikanern errungene Monopol währte nur kurz und wurde gekontert. Mit Nukleargeschossen können sich die Gegner Jahrzehnte in Schach halten, sich an Zielgenauigkeit und Zerstörungskraft zu überbieten suchen. Die Siderologie bietet diese Chancen nicht. Zur Erkenntnis der nuklearen Reaktionen, der kritischen Masse und des Bethe-Zyklus geht es über eine Reihe von Schritten, die Sideraltechnologie hingegen wird auf einen Schlag erworben: Vor der Entdeckung des Holenbach-Intervalls weiß man nichts, hinterher aber alles! Solange die Rüstung umkehrbar, zwischen Krieg und Frieden die Verhandlung möglich ist, kann derjenige, der den nuklearen Trumpf entdeckt hat, sich dessen als höchster Farbe bedienen, aber er braucht sie nicht auszuspielen.
Wer in der Phase der kosmischen Sphäromachie als erster die Siderologie entdeckt, setzt sie unverzüglich ein. Der Grund: Der Raum der Kriegsspiele, potentiell symmetrisch für konventionelle und atomare Bewaffnung, verliert mit dem Eintritt des sideralen Faktors die Zone seiner Stabilität. Auf dem Planeten kann man die Siderologie nicht als Druckmittel einsetzen. Die nichtexplosiven thermonuklearen Reaktionen haben sich wegen thermischer Plasmalecks und ungenügender Stabilität der sie bündelnden Felder lange Zeit der Kontrolle entzogen, jahrzehntelang galten alle Bemühungen um Erfolg als aussichtslos. Die Schwierigkeiten bei der Beherrschung der Gravitation sind ähnlich, allerdings in astronomischem Maßstab. Man kann nicht klein anfangen, erst aus der Uranpechblende das Isotop der Wertigkeit 235 heraussortieren, dann eine Kettenreaktion in überkritischer Masse in Gang setzen, Plutonium herstellen und damit den Zünder für die Hydrotrithbomben bekommen. Als Testplatz braucht man einen ganzen Himmelskörper. Der Phase der Siderologie geht die der Teratronaanma-lonen voraus. Darum habe ich mich gewundert, daß die Physiker sich darüber wunderten, was GABRIEL getan hat. Hätten die Quintaner ihn erwischt, wären sie bei seiner Demontage auf die Fährte Holenbachs gestoßen. GABRIEL sollte sich durch Teratron einschmelzen. Ich merke an, daß ich vorgeschlagen habe, ihm eine autodestruktive Ladung einzubauen.“
„Warum hast du das nicht genauer erklärt?“
„Ich bin nicht allwissend. Ich arbeite mit den Daten, die ich von euch bekomme. Deine Physiker, Kommandant, haben es für unmöglich gehalten, daß GABRIEL abgefangen wird, weil kein Objekt der Sphäromachie auch nur ein Zehntel seiner Antriebskraft aufgebracht hätte.
Ich hatte Einwände, aber keine Beweise. Deine Physiker haben jene Unmöglichkeit aus der Luft gegriffen. Andererseits ist schwer zu sagen, ob es gut oder schlecht war, daß mein entfernter Verwandter, der in diesem GABRIEL steckte, diese Reaktionsschnelligkeit und diesen Einfallsreichtum entwickelt hat. Hätte er sich m den Sack stecken lassen, wäre keine Rede mehr gewesen von irgendeinem Kontakt, sondern nur noch von der Wahl zwischen Rückzug und sideralem Schlagabtausch, bei dem die Quinta dann ein uns ebenbürtiger Spieler gewesen wäre. Selbst wenn man einen sideralen Schlag gegen den HERMES ausschließt, hätten wir doch mit voller Kraft die Flucht durch den Schutt der zusammenbrechenden Sphäromachie anzutreten gehabt. Das, was sie in fünfzig oder hundert Jahren ohnehin zum Einsturz gebracht hätte, wäre sofort in Gang gekommen. Der Machtblock, der durch GABRIEL die siderologische Aufklärung erfahren hätte, wäre jedem Gegner zuvorgekommen, hätte nicht abgewartet, bis ihm jemand ebenbürtig wäre, sondern sofort zugeschlagen.“
„Das ist Spekulation.“
„Gewiß. Aber sie ist nicht aus der Luft gegriffen. Ich vermute, daß jemand willens war, den Mond als Testplatz in Besitz zu nehmen. Er wußte noch nicht, daß kein Plasmotron die Energie zu liefern vermag, die das Holenbach-Intervall aufschließt. Wer immer denjenigen vom Mond vertrieb, hatte seinerseits nicht die Kräfte, sich dort festzusetzen. Dem König war Schach geboten worden, aber dieser König war ein halbwüchsiger Infant. Der andere Machtblock bot ebenfalls Schach.
Ich weiß nicht, welcher Figur, jedenfalls einer solchen, durch die ein Patt entstand — auf dem Mond. Sonst ging das Spiel weiter.“
„Warum hast du das nicht früher in dieser Weise dargestellt?“
„Da du meine Ausführungen jetzt als Spekulation bezeichnet hast, hättest du sie vor dem Lunoklasmus als Hirngespinst abgetan. Wünschst du zu hören, in welcher Fassung ich die Geschichte der Quinta berichten würde?“
„Berichte!“
„Der Schlüssel zum kritischen Kapitel dieser Geschichte ist der Eisring. Bei voll beschleunigter Industrialisierung trug der Planet viele Staaten, allen voran eine starke Gruppe, die zusammenarbeitete und allen anderen weit voraus war. Es kam zur Eroberung des Weltraums und zur Nutzung der Kernenergie, gleichzeitig aber auch zu einer demographischen Explosion in den Staaten, die industriell schwächer waren und nur durch den Bevölkerungszuwachs zu den stärkeren gehörten. Die führenden Staaten entschlossen sich zu einer Vergrößerung des Siedlungsraums durch die Absenkung des Meeresspiegels. Die einzige Lösung war die Verbringung der Wassermassen in den Raum oberhalb der Atmosphäre. Die dazu verwendete Technik ist mir nicht bekannt, ich kenne nur solche, die nicht ausreichen würden. Diese Hunderte Kubikmeilen Wasser sind weder durch Raumschiffe noch direkt durch ein Pumpen- und Röhrensystem bewältigt worden. Ersteres hätte eine unaufbietbare Masse von Treibstoff und Transportgeräte erfordert, letzteres ist nicht realisierbar, denn ehe die aufwärts schießenden Wassermassen — keine Wasserfalle, sondern Wasserstiege — die erste kosmische Geschwindigkeit erreichen, verdampfen sie durch die atmosphärische Reibung und kehren in eben — diese Atmosphäre zurück.
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