„Die Details sind mir bekannt. Wenn das Knochen waren, dann von Millionen.
Gebirge von Leichen.“
„Der kritische Ort ist die große Agglomeration, sicherlich ein Wohnsitz der Quintaner“, sagte der Mönch. Er schien bleicher als gewöhnlich.
„Um eine Menagerie mit einem Durchmesser von fünfzig Meilen dürfte es sich ja wohl nicht handeln? Folglich ist es zu einem Genozid gekommen. Der Friedhof eines Völkermords ist kein besonders günstiger Schauplatz für ein beispielloses Rreignis unserer Geschichte. Den Vätern des SETl-Projekts ging es nicht darum, Kontakt mit einer Vernunft auf einem Schlachtfeld aufzunehmen, das mit den Leichen der Gastgeber übersät ist.“
„Die Lage ist viel schlechter“, antwortete Steergard. „Nein, bitte lassen Sie mich ausreden. Ich wiederhole: Es ist viel Schlimmeres passiert als eine Katastrophe, die durch das Zusammentreffen von niemandem beabsichtigter Zufälle ausgelöst worden ist. Jene Spektrallinien können von Kalziumisotopen aus Skeletten stammen. Wir können das nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen. Ich sagte, der Planet könne unser Ultimatum vor Ablauf der Frist beantworten, allerdings nicht mit Signalen. Aus dortiger, von extremem Argwohn geprägter Sicht konnte eine Gegenoffensive die Priorität gewinnen. Ich habe jedoch nicht angenommen, daß man in voller Absicht den kavitierten Mond auf sich selber stürzen läßt. Wir sind Völkermörder im Sinne der Maxime eines italienischen Ketzers geworden, der gesagt hat, daß von einem Übermaß an Tugend die Mächte der Holle siegen.“
„Wie soll ich das verstehen?“ fragte Arago konsterniert. „Gemäß den Kanons der Physik. Wir haben die Zertrümmerung des Mondes als Nachweis unserer Überlegenheit angekündigt und ihnen versichert, diese siderale Operation werde ihnen keinen Schaden bringen. Da sie über Fachleute für Himmelsmechanik verfügen, wußten sie, daß sich ein Planet mit geringstem Energieaufwand sprengen laßt, wenn der in seinem Kern vorhandene Druck verstärkt wird. Sie wußten, daß nur eine genau im Zentrum der Mondmasse konzentrierte Explosion die Umlaufbahn der entstehenden Trümmer nicht verändert. Hatten sie unsere Sideratoren von der Sonnenseite des Mondes oder auf einer Tangente zur Umlaufbahn von vorn her abgefangen, so wären die Trümmermassen auf eine höhere Bahn gestoßen worden. Nur wenn unsere Geschosse auf der der Quinta zugewandten Halbkugel abgefangen wurden, konnten- und mußten sogar — die Folgen der exzentrischen Kavitation auf den Planeten selbst gezogen werden.“
„Wie soll ich das glauben? Wollen Sie behaupten, man habe dort unten mit Hilfe unserer Hilfe Selbstmord begehen wollen?“
„Nicht ich, sondern die Tatsachen sagen das aus. Ich gebe zu, daß eine solche Interpretation ihres Verhaltens nach vernunftlosem Wahnwitz aussieht, aber der rekonstruierte Ablauf der Katastrophe offenbart deren Rationahtät. Wir haben den Lunoklasmus begonnen, als die Sonne in Heparien auf und in Norstralien unterging. Die ballistischen Raketen, die gegen unsere Sideratoren gerichtet waren, wurden in dem Teil Hepariens gestartet, der sich noch jenseits des Terminators befand, also dort, wo noch Nacht war. Sie brauchten fünf Stunden, um ins Periselenium zu gelangen und auf unsere Raketen zu treffen. Damit wir sie nicht rechtzeitig zerstören konnten, flogen sie auf einer elliptischen Bahn, von der sie etwa zwölf Minuten vor dem Lunoklasmus zum Mond niedergehen konnten. Es läßt sich nicht anders bezeichnen: Diese Geschosse lauerten den unseren auf und hielten sich dabei auf dem Ellipsenstück, das von der Quinta am weitesten entfernt und dem Mond am nächsten war. Sie alle griffen unsere Kavitatoren an, die schutzlos waren, da wir eine derartige Gegenaktion nicht für möglich gehalten haben. Ich habe selbst zunächst geglaubt, die Katastrophe sei durch falsche Berechnungen der Quintaner verursacht worden. Die Analyse des Ablaufs schließt jedoch einen Fehler aus.“
„Nein“, sagte Arago. „Das kann ich nicht begreifen. Obwohl… Moment… Heißt das, daß die eine Seite versucht hat, den Schlag wie einen Prallschuß gegen die andere zu richten?“
„Auch das wäre noch nicht das Schlimmste“, antwortete Steergard. „Aus der Sicht eines Generalstabs ist während des Krieges jedes Manöver vorteilhaft und ehrenwert, wenn es den Gegner trifft. Da ihnen aber weder die Leistung unserer Kavitatoren noch die Zeit, in der der Lunoklasmus erfolgen würde, und ebensowenig die Anfangsgeschwindigkeit der Mondtrümmer bekannt sein konnten, mußten sie damit rechnen, daß die Streuung der Gesteinsmassen auch ihr eigenes Territorium erfassen würde… Hochwürden wundern sich? Sie glauben mir nicht?
Die physica de motibus coelestis ist der Kronzeuge in dieser Sache. Betrachten Sie den Sachverhalt bitte aus der Sicht von Generalstäblern in einem hundertjährigen Krieg. Über ihnen ist ein kosmischer Eindringling erschienen, der Myrtenzweige trägt, herzliche Beziehungen zu der fremden Zivilisation aufnehmen will und, statt Angriffe mit Angriffen zu vergelten, maßvolle Milde zu bewahren sucht. Er will nicht angreifen? Dann muß man ihn dazu zwingen! Wird die Bevölkerung des Planeten denn je erfahren, was wirklich los gewesen ist? Wie wird sie, nachdem sie massakriert wurde, an dem zweifeln können, was ihr die Regierenden sagen: Seht, der Eindringling ist ein rücksichtsloser Aggressor, dessen Grausamkeit keine Grenzen kennt. Hat er nicht die Städte zerstört! Hat er nicht alle Kontinente bombardiert und zu diesem Zweck den Mond zertrümmert? Die Opfer auf eigener Seite? Die gehen zu Lasten des Eindringlings. Wenn wir mitschuldig geworden sind, dann aus einem Übermaß edler Absichten, da wir eine solche Wendung der Dinge nicht vorausgesehen haben. Ein Rückzug nach alledem, was geschehen ist, hinterließe auf dem Planeten für unsere Expedition den Ruf des Versuchs einer mörderischen Invasion. Darum werden wir diesen Rückzug auch nicht antreten, Hochwürden. Das Spiel ging von Anfang an um einen hohen Einsatz.
Die anderen haben ihn jetzt so erhöht, daß sie uns damit zum Weiterspielen zwingen.“
„Kontakt also um jeden Preis?“ fragte der weißgekleidete Dominikaner.
„Um den höchsten, den wir uns leisten können. Ich habe Sie, Hochwürden, als den Apostolischen Gesandten mit der Bemerkung überrascht, an Bord sei es vorbei mit Demokratie und Abstimmung, vorbei die Zeit, da man einander von Pontius zu Pilatus schickte. Ich halte daher eine Erklärung für angebracht, warum ich das alleinige Kommando und damit die gesamte Verantwortung für uns und für die anderen übernommen habe und das Spiel zu Ende führen will. Wünschen Sie, daß ich das tue?“
„Bitte sehr.“
Steergard trat an einen der Wandschränke, öffnete ihn und sagte, während er in den Fächern kramte: „Der Gedanke an einen nicht ortsgebundenen, in den Kosmos beförderten Krieg kam mir, nachdem wir jenseits der Juno die Wracks aufgefischt hatten. Er kam nicht mir allein, ich habe ihn nach dem Grundsatz „primum non nocere“ für mich behalten, um die Crew nicht mit Defätismus zu infizieren. Aus der Geschichte der Expeditionen, seien es nun die des Kolumbus oder die der Polarforscher gewesen, ist bekannt, wie leicht eine isolierte Gruppe sogar der besten Leute unter dem Einfluß einer Person der Selbstgefährdung verfallen kann, vor allem, wenn diese Person jemand ist, auf den man seine Hoffnung setzt, als wäre er aus besserem Stoff als die übrigen. Daher habe ich die schlimmste Eventualität nur mit GOD erörtert, und hier sind die Aufzeichnungen dieser Diskussion.“
Einer Schachtel, die innen ausgeschlagen war wie ein Futteral für Edelsteine, entnahm er einige Speicherkristalle und steckte eines in den Schlitz des Reproduktors. Seine Stimme begann den Dialog.
„Wie läßt sich Verbindung mit der Quinta aufnehmen, wenn es dort Blöcke gibt, die seit Jahren im Kampf miteinander stehen?“
Читать дальше