„Der Gorilla hat keinen Schwanz“, bemerkte Kirsting. „Dann nimm ein Krokodil.
Hör doch auf mit der Wortklauberei! Uns bleibt nichts übrig als eine Demonstration der Stärke. Wer eine bessere Idee hat, soll sie mitteilen.“ Keiner sagte ein Wort, bis Steergard fragte: „Hast du einen konkreten Plan?“
„Ja.“
„Nämlich?“
„Die Kavitation des Mondes. Maximale Wirkung bei einem Minimum an Schäden. Vom Planeten aus sehen sie es, spüren aber nichts davon. Ich denke schon lange darüber nach. GOD hat mir jetzt die Berechnungen geliefert. Der Mond zerfällt so, daß seine Reste auf der Umlaufbahn bleiben. Der Massemittelpunkt ändert sich nicht.“
„Wie das?“ erkundigte sich der Dominikaner. „Weil die Bruchstücke auf der gleichen Bahn um die Quinta kreisen wie der Mond. Mit diesem bildet der Planet ein binäres System, und da er bedeutend schwerer ist, befindet sich das Rotationszentrum dieses Systems nahe bei ihm. Die Zahlen habe ich mir nicht gemerkt. Jedenfalls bleibt die dynamische Masseverteilung unverändert.“
„Aber nicht die von der Gravitation bedingten Gezeiten“, wandte Nakamura ein. „Hast du das in Betracht gezogen?“
„GOD hat es gemacht. Die Lithosphäre wird nicht beben, höchstens seichte seismische Herde können aktiv werden. Ebbe und Flut der Ozeane werden schwächer.
Weiter nichts.“
„Und welchen Nutzen soll das bringen?“ fragte Arago. „Das wird nicht nur eine Demonstration der Stärke, sondern eine Information. Vorher schicken wir eine Warnung. Soll ich auf Einzelheiten eingehen?“
„Kurz“, sagte der Kommandant.
„Ich möchte nicht, daß mich jemand für ein Ungeheuer ansieht“, sagte mit absichtlicher Gelassenheit der Erste Pilot. „Bereits zu Beginn haben wir den anderen das logische Rechnen übermittelt, dazu Konjunktionen des Typs „Wenn A, dann B“, „Wenn nicht A, dann C“ und so weiter. Wir erklären ihnen: „Wenn ihr unsere Signale nicht beantwortet, zerstören wir euren Mond, und das wird die erste Warnung vor unserer Entschlossenheit sein. Wir verlangen Kontakt.“ Und noch mal alles, was der Botschafter ihnen signalisiert hat: daß wir mit friedlichen Absichten gekommen sind, daß wir neutral bleiben, falls sie untereinander einen Konflikt austragen. Pater Arago kann sich alles durchlesen.
Diese Verkündigungen hängen in der Steuerzentrale, und jedes Besatzungsmitglied hat ein Exemplar erhalten.“
„Ich habe es gelesen“, sagte Arago. „Und was geschieht dann?“
„Das machen wir von ihrer Reaktion abhängig.“
„Meinst du, daß wir ihnen eine Frist setzen sollen?“ fragte Rotmont. „Das wäre ein Ultimatum.“
„Nenne das, wie du willst. Wir brauchen keinen genauen Termin zu geben, sondern nur deutlich genug zu erklären, wie lange wir uns noch zurückhalten.“
„Gibt es außer einem Rückzug noch andere Vorschläge?“ fragte Steergard. „Nein?
Wer ist für das Projekt Harrachs?“
Polassar, Tempe, Harrach, El Salam und Rotmont hoben die Hand. Nakamura zögerte, dann folgte er ihrem Beispiel. „Seid ihr euch darüber klar, daß sie vor dem Termin eine Antwort geben können, aber nicht mit Signalen?“ fragte Steergard.
Sie saßen zu zehnt um die Platte, die wie ein großer Mittelfußtisch auf dem Gebälk der Träger stand, die den oberen Gravitationssteuerraum von der darunter liegenden Navigationszentrale trennten. Diese war jetzt leer, über den entlang der Wände angebrachten Pulten flimmerten bald stärker, bald schwächer die Monitore und erfüllten den Raum mit wechselndem Licht und Schatten.
„Das ist durchaus wahrscheinlich“, ließ sich Tempe vernehmen. „Ich kann Latein nicht so gut wie Pater Arago. Wäre ich hierhergeflogen, weil mir nichts anderes einfiel, hätte ich nicht mit ja gestimmt. Aber wir sind hier nicht einfach nur zehn Raumfahrer. Wenn der HERMES nach all den Bemühungen um einen friedlichen Kontakt angegriffen worden ist, so bedeutet dies, daß ein Angriff gegen die Erde erfolgt ist, denn diese hat uns hierhergeschickt. Deshalb hat die Erde das Recht, durch uns zu sagen: Nemo me impune lacessit.“
Siderale Operationen als Erscheinungen von astronomischer Dimension können wegen der bei ihnen freigesetzten Gewalten für den Beobachter kein so tiefgreifendes und er-schütterndes Erlebnis sein wie eine Überschwemmung oder ein Wirbelsturm.
Schon ein Erdbeben, ein in stellarem Maßstab submikroskopischer Vorfall, überschreitet die Aufnahmefähigkeit der menschlichen Sinne. Wirkliches Grauen wie auch überwältigendes Entzücken wecken im Menschen die Ereignisse, die weder zu gigantisch noch zu geringfügig sind. Ein Stern läßt sich nicht erleben wie ein Stein oder ein Brillant. Der kleinste Stern schon, ein Ozean von Ozeanen ewiger Glut, wird bereits in einer Entfernung von einer Million Kilometern zu einer das Gesichtsfeld ausfüllenden Feuerwand, und in der Annäherung verliert er jegliche Gestalt, zerfällt in chaotische Wirbel gleichermaßen blendender Flammen. Nur aus großer Ferne schrumpfen die kühleren Trichter der Chromosphäre zu Sonnenflecken. Diese selbe Regel übrigens, die das Erleben der Größe vereitelt, wirkt auch unter den Menschen selbst. Man kann mit einem Individuum, einer Familie mitfühlen, die Vernichtung von Tausenden oder gar Millionen Geschöpfen verschließt sich in den Zahlen einer Abstraktion, deren existen-tieller Gehalt sich nicht erfassen läßt.
Daher ist die durch Kavitation erfolgende Zertrümmerung eines Himmelskörpers, eines Planeten oder Mondes, ein seltsam bescheidenes Schauspiel, das nicht nur mit schläfriger Langsamkeit abrollt, sondern durch den lautlosen und trägen Verlauf künstlich und vorgetäuscht erscheint, zumal man es, um bei der Beobachtung nicht umzukommen, durch ein Teleskop oder auf dem Bildschirm betrachten muß. Die Sideralchirurgen beobachten die fortschreitende Explosion durch Filter, die nacheinander vor die Öffnung der Objektive geschoben werden, damit man genau die einzelnen Phasen des Zerfalls verfolgen kann. Infolgedessen macht das selektiv in den monochromatischen Streifen des Spektrums betrachtete, einmal strohgelbe, dann wieder zinnoberrote Bild den Eindruck eines unschuldigen Spiels mit einem Kaleidoskop, nicht aber den einer alle menschlichen Begriffe übersteigenden Katastrophe.
Die Quinta schwieg bis zur Stunde Null. Die Kavitation des Mondes sollte durch achtzehn Geschosse verursacht werden, die auf evolventenförmigen Bahnen aus großer Entfernung zum Äquator geführt wurden.
Leider erwies sich, wie recht GOD gehabt hatte, als er diese Operation aus dem Bereich der sicher berechenbaren Unternehmungen herausnahm.
Wenn alle Sprengköpfe im gleichen Winkel auf der Kruste des wüsten Trabanten aufgetroffen wären, Tunnel hineingetrieben hätten, sich in dem schweren Kern getroffen und mit der programmierten Sekundengenauigkeit die dort noch nicht erstarrte, noch halbflüssige Masse in Gas verwandelt hätten — dann hätten sich die Mondtrümmer, neben denen die Ketten des Himalaya wie Krümel erschienen wären, auf der bisherigen Umlaufbahn verteilt, die Druckwelle der plötzlich freigesetzten Energie hätte auf dem Planeten nur mäßige Beben verursacht und den Ozean wie in einer Serie von langen Dünungen gegen die Festlandssockel geworfen.
Die Quinta hatte jedoch in die Operation eingegriffen. Die drei Geschosse des HERMES, die den Mond von der Seite des Planeten her anflogen, wurden von schweren ballistischen Raketen getroffen, verwandelten diese zwar in lodernde Gasknäuel, zündeten dabei aber vorzeitig ihre sidera-len Sprengladungen.
Infolgedessen kam es nicht zu der geplanten Zentrierung sämtlicher Schläge im Mondkern, und die Kavitation verlief exzentrisch. Ein Teil der südlichen Kruste mitsamt gewaltigen Felsmassen brach auf die Quinta nieder, während der Rest, etwa sechs Siebtel der Masse, auf eine höhere Umlaufbahn stieg. Dies rührte daher, daß die Sideratoren sich in Spiralen durch die Kruste in den Kern bohren, die auf der der Quinta zugewandten Seite den platzenden Mond also zum Planeten, die auf der abgewandten Seite zur Sonne hin treiben sollten. Da nun gerade die Raketen, die den Planeten vor dem Meteoritenhagel bewahren sollten, gerammt worden waren, stürzten an die einhundert Trillionen Tonnen Gesteinsmassen in vielerlei elliptischen Bahnen auf die Quinta. Ein Teil verglühte durch atmosphärische Reibung, die größten Trümmer jedoch, Trillionen Tonnen, fielen breitgestreut in den Ozean, und die äußersten bombardierten noch die Küste Norstraliens. Der Planet bekam die Mondtrümmer in die Seite wie eine in spitzem Winkel auftreffende Schrotladung. Zwei Hundertstelsekunden nach der Zündung der Kavitationssprengköpfe überzog sich der Mond mit einer gelblichen Wolke, so dicht, daß es aussah, als wüchse und schwölle er an. Dann — ungewöhnlich langsam, wie in einer Zeitlupenaufnahme — brach er in unregelmäßige Stücke auseinander, einer Orange gleich, die von unsichtbaren Krallen zerrissen wird.
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