Das bevorstehende Patt voraussehend, arbeitet jede Seite an der Produktion von Waffen, die erst taktische und dann auch strategische Autonomie entwickeln. Die Kampfmittel erlangen die Unabhängigkeit von ihren Erbauern, ihrem Bedienungspersonal und ihren Kommandozentralen. Wäre es die Hauptaufgabe dieser bereits in das All entsandten Waffen gewesen, ihre antagonistischen Pendants zu vernichten, so hätte ein derartiger, an einem beliebigen Ort des Raums begonnener Zusammenstoß eine Schlacht entzündet, die sich wie ein Steppenbrand ausgebreitet hätte — bis hinunter auf die Oberfläche des Planeten, was zum globalen Schlagabtausch höchster Kapazität und folglich zum Untergang geführt hätte. Daher durften sich diese Waffen nicht in Gefechte einlassen. Sie sollten einander in Schach halten, und falls sie sich vernichteten, dann heimlich, nicht wie Bomben, sondern wie Bazillen. Ihre Maschinenintelligenz suchte die Intelligenz der feindlichen Waffen zu lahmen oder — mit Hilfe von auf die Programme angesetzten Mikroviren — die Orbiter der anderen Seite zur „Desertierung“ zu veranlassen, was in der irdischen Geschichte eine ferne Entsprechung in den Janitscharen hatte: Dies waren Kinder, die die Türken den überfallenen Völkern raubten und in die eigenen Heere steckten. Das hier dargestellte Modell der Spharomachie ist stark vereinfacht. Alle Phasen ihrer Eskalation können begleitet sein von Kommandounternehmen, Spionage, Terroranschlägen, Infiltration, Verschleierungen und Manövern, die etwas vortäuschen, um den Gegner hinters Licht zu führen und zu einem Fehler zu veranlassen, der ihn sehr teuer zu stehen kommt oder für ihn sogar verderblich sein kann. Leitungsgebundener Nachrichtenverkehr und elektronische Impulsübertragung erlauben den Gegenspielern auf dem Planeten noch die Aufrechterhaltung einer gewissen stabsmäßig zentralisierten Leistungsfähigkeit, allerdings in einem Umfang, der um so weniger zu bestimmen ist, als er sich unter dem Einfluß der technischen Innovationen wandelt. In unserem Begriffs- und Wortschatz fehlt eine Bezeichnung für die Sphäromachie quintanischen Typs. Sie ist weder Krieg noch Frieden, sondern ein permanenter Konflikt, der die Gegner voll in Anspruch nimmt und ihre Ressourcen auslaugt. Ist die Sphäromachie demnach als eine kosmische Variante des Abnutzungskriegs anzusehen, in dem die Seite unterliegt, die weniger Rohstoffe, Energie und technischen Fortschritt aufzubieten hat? Auf diese konventionelle Frage gibt es eine unkonventionelle Antwort: Die Bewohner des Planeten verfügen weder über unendliche Reserven an fossilen Brennstoffen noch über unerschöpfliche Energiequellen. Obschon das eine wie das andere die Dauer des Konflikts begrenzte, gab es niemandem eine Siegesgarantie. Das Modell der letzten Phase war schlicht und einfach — ein Stern. Ein Stern verdankt seine Existenz bekanntlich den thermonuklearen Reaktionen bei der Umwandlung von Wasserstoff in Helium. Sie laufen in seinem Kern bei einem Druck und einer Temperatur ab, die in die Millionen der jeweiligen Maßeinheiten gehen. Nachdem der Wasserstoff im Zentrum ausgebrannt ist, beginnt der Stern zu schrumpfen. Seine Schwere preßt ihn zusammen. Dabei erhöht sich die Temperatur im Innern, wodurch wiederum die Zündung nuklearer Reaktionen des Kohlenstoffs möglich wird. Gleichzeitig geht rings um die innere Heliumkugel, die gewissermaßen die Asche des verbrannten Wasserstoffs ist, die Reaktion von dessen Resten weiter, und diese sphärische Feuerfront bläht sich in dem Stern immer mehr auf. Zuletzt wird das dynamische Gleichgewicht heftig gestört, und der Stern wirft explosiv die äußeren Gashüllen ab.
Ähnlich also, wie in einer alternden Sonne eine durch die Synthesefolge von Wasserstoff in Helium, von Helium in Kohlenstoff usw. geblähte Sphäre entsteht, bilden sich in der interplanetaren Kugel der Sphäromachie Oberflächen, die den jeweils erreichten Etappen des Wettrüstens entsprechen.
Im Zentrum, also auf der Quinta, hält sich noch ein Minimum an Kommunikation der Militärbünde jeder Seite. Draußen wirken die sich gegenseitig in Schach haltenden Systeme autonomer Waffen. Ihre Selbständigkeit unterliegt jedoch einer von den Stabsprogrammierern vorgenommenen Beschränkung, damit sie, indem sie den Kampf aufnehmen, keine Kettenreaktion in Gang setzen, die die Flamme des Krieges auf den Planeten trüge.
Die Programmierer geraten jedoch immer mehr zwischen zwei Feuer. Sie müssen, je raffiniertere selbständige Waffen der Gegner in den Raum schickt, ihren eigenen Kampfsystemen um so größere Souveränität für Angriffs- und Abwehrhandlungen einräumen. Sowohl die Rechen- als auch die Analogsimulation einer Sphäromachie nach mindestens hundertjähriger Kriegführung führt nicht zu eindeutigen Aussagen. Auf die vom Computer durchgespielten Varianten gestützt, hielten die Urheber des Modells es jedoch für möglich, daß bei der Programmierung der Autonomie von Kampfmitteln eine Restriktionsschwelle existiert, oberhalb derer die Waffen von bloß selbständigen zu eigenmächtigen werden. Dieses Bild entfernt sich vom Modell des Sterns und nähert sich dem einer natürlichen Evolution. Die autonomen Waffen sind wie niedere Lebewesen, die mit einer vom Selbsterhaltungstrieb im Zaum gehaltenen Aggressivität ausgestattet sind.
Eigenmächtige Waffen sind wie Primaten, die sich einen erfinderischen Geist erworben haben und aus lediglich listigen oder pfiffigen Untergebenen zu Initiatoren neuer Taktiken werden. Solche Waffen entziehen sich selbst der indirekten Kontrolle ihrer Erbauer. Mit der Feststellung, daß diese Erbauer zwischen zwei Feuer gerieten, meinten die Verfasser des Modells, daß die Katastrophe allen gleichermaßen droht, ob sie die Intelligenz ihrer Waffen nun zügeln oder spornen mögen. So oder so büßt die Sphäromachie im Zuge ihrer Eskalation die dynamische Stabilität ein. Ihr künftiges Schicksal ist nicht eindeutig vorauszusagen und geht über die Interessen der Seiten hinaus, die den Kampf aufgenommen haben. Dieser Zustand lag allerdings noch in weiter Ferne.
Die auf der EURYDIKE beobachteten Blitze konnten Geplänkel weit fortgeschrittener Kampfeinheiten an der Peripherie des Zeta-Systems gewesen sein. Ihre Kollision in einer Entfernung von Milliarden Meilen von der Quinta bedeutete, daß authentische Schlachten an Fronten geschlagen werden konnten, die in astronomischer Ferne von dem Planeten lagen. Dort durfte der Krieg dann schon „heiß“ werden, und er konnte in der Zukunft unabsehbare Sprünge mitten in die Sphäromachie bringen. Im Grunde durfte kein Kenner der Strategie, die die Clausewitzsche abgelöst hatte, ein siegreiches Finale der Auseinandersetzungen erwarten. Gleichwohl befanden sich die solcherart erfahrenen Strategen in der Zwangslage von Spielern, die, da sie ihr gesamtes Kapital zum Einsatz gemacht hatten, nicht einfach vom Tisch aufstehen konnten. Darin bestand die Spiegelsituation. Die einstige Hauptfrage, wer den Wettlauf begonnen habe, war inzwischen ohne jede Bedeutung. Friedlichkeit oder Aggressivität der Absichten der kämpfenden Seiten können sich im Konflikt nicht mehr offenbaren. Die Aussichten stehen für alle Spieler schlecht, und das Spiel kann nicht anders enden als mit einem Pyrrhussieg. Welche Chancen boten sich nun innerhalb einer solchen Konstellation für den Kontakt? Das wußten die Verfasser der Denkschrift nicht. Solange sich auf dem kosmischen Schachbrett schwarze und weiße Figuren von analoger Stärke bewegen, lassen sie sich auf gar keinen Kampf ein, sondern halten sich nur gegenseitig in Schach. Völlig neue und unbekannte hingegen werden einer Diagnose durch Kampf unterzogen. Es handelt sich um Scharmützel, wie sie früher von Plänklertruppen geführt wurden. Der HERMES war möglicherweise nicht von dem Planeten, dessen Staaten, Stäben oder Mächten, sondern als „Fremdkörper“, als ein Objekt angegriffen worden, das groß, technischen Ursprungs und unbekannt zugleich war. Er würde also nicht überfallen wie ein Passant von Banditen, sondern wie Krankheitskeime von schützenden Lymphozyten innerhalb eines Organismus.
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