Wie das Mikrotom Schnittserien erstarrter Gewebe herstellt, die man dann nacheinander unterm Mikroskop betrachten kann, ermöglicht das Nukleoskop Aufnahmen, die Schicht für Schicht die innere Atomstruktur eines Himmelskörpers zeigen, wie es weder durch Funkortung noch durch Neutrinolotung erreichbar ist.
Für den Radar ist der Planet überhaupt nicht durchsichtig, für den Neutrinostrom indessen allzusehr. Nichts als die magnetkohärente, vielpolige Spinoskopie erlaubt daher den Blick ins Innere kosmischer Körper — jedenfalls sofern sie, wie Monde und Planeten, erkaltet sind.
Gelesen hatte Tempe darüber genug. Die ferngebündelten Magnetpotentiale ordnen die Spins der Atomkerne entlang einer Kraftlinie, und nach Abschaltung des Feldes geben die Kerne die ihnen aufgezwungene Energie wieder ab. Jedes Element des Periodensystems schwingt in einer nur ihm eigenen Resonanz. Das im Rezeptor fixierte Bild wird zum nuklearen Porträt eines Querschnitts, auf dem Sextillionen Atome die Rolle der Pünktchen auf dem gewöhnlichen Druckraster übernehmen. Die Hochleistungsnukleoskopie hat den Vorteil, daß sie den durchleuchteten materiellen Objekten und also auch Lebewesen keinen Schaden tut, und sie hat den Nachteil, daß sich beim Einsatz solcher Energie die Quellen, von denen sie ausgestrahlt wird, nicht verbergen lassen.
Den Anweisungen der Physiker folgend, filterte GOD aus den Querschnittaufnahmen jeder Schicht die Spinogramme der Elemente, die für eine technologische Nutzung besonders geeignet sind. Diese Selektion ging von einer Prämisse aus, die nicht völlig zuverlässig, aber die einzig verfügbare war: einer — zumindest teilweisen — Analogie quintanischer und irdischer Technosphäre. In die Tiefe des durchleuchteten Planeten reichte ein sich undeutlich abzeichnendes Netz von Metallen der Vanadium-, Chrom- und Platingruppe, darunter Osmium und Iridium.
Dicht unter der Oberfläche liegende Kupferstränge schienen auf Stromkabel hinzudeuten. Die Spinogramme des vom Lunoklasmus betroffenen Gebiets erwiesen chaotische Mikroherde der Verwüstung, und der Querschnitt des sternförmigen Gebildes, das man an Bord „Meduse“ nannte, sah wie ein Trümmerfeld mit Spuren von Aktiniden aus. Dort fand sich auch Kalzium. Für die Ruinen von Wohngebäuden war es zuwenig, sedimentäre Versteinerungen wies der Boden überhaupt nicht auf, und so kam die Vermutung zustande, es handle sich um die Überreste von Millionen Lebewesen, die vor oder nach dem Tod radioaktiv verseucht worden sein mußten — ein beträchtlicher Prozentsatz des Kalziums war nämlich dessen Isotop, das nur in den Skeletten strahlenbelasteter Wirbeltiere entsteht. Diese Entdeckung, die zwar lediglich ein unsicheres Indiz bot, ließ bei ihrer ganzen Grausigkeit doch auch ein Quentchen Zuversicht zu. Bisher hatte man nicht wissen können, ob die Bevölkerung der Quinta aus lebenden Wesen oder womöglich aus nichtbiologischen Automaten, Erben einer erloschenen, ehemals lebendigen Zivilisation bestand. Die makabre Hypothese war nicht auszuschließen, daß der Rüstungswettlauf, nachdem das Leben ausgetilgt und in seinen Resten in Bunker und Höhlen verdrängt worden war, von den mechanisierten Erben fortgesetzt wurde. Ebendies hatte Steergard seit den ersten Zusammenstößen am meisten befürchtet, obwohl er über diese Konzeption nie auch nur ein Wort verlauten ließ. Er hielt einen Ablauf historischer Vorfälle für möglich, wo bei einer über Jahrhunderte reichenden Ausdehnung der Kampfhandlungen die lebendigen Streitkräfte durch Maschinen ersetzt werden — nicht nur, wie man sich bereits überzeugen konnte, im All, sondern auch auf dem Planeten selbst. Kriegsautomaten, die keinen Selbsterhaltungstrieb besaßen und für den Kampf bis zur Selbstvernichtung vorgesehen waren, würden sich nicht so leicht dazu bringen lassen, Verhandlungen mit einem kosmischen Eindringling zu führen. Selbsterhaltung sollte das Ziel der Militärstäbe zwar selbst dann sein, wenn sie voll computerisiert sind, aber mit der ausschließlichen Direktive, im Laufe der strategischen Aktivitäten die Vorherrschaft zu erringen, würden auch sie sich nicht in die Rolle von Gesprächspartnern drängen lassen.
Die Chance hingegen, als Lebewesen mit einem anderen Lebewesen übereinzukommen, stand höher als Null, aber der Optimismus, der sich aus der Prüfung der Spinogramme, der möglichen Diagnostizierung einer Hekatombe, dem aus dem Verhältnis des Kalziums zu seinem Isotop ableitbaren Schluß auf Skelette beziehen ließ, war eher bescheiden — und doch auch mehr als nur ein frommer Wunsch. Unter dem Vorbehalt, es handle sich meist nur um Vermutungen, bereitete Nakamura die kritischen Aufnahmen mit Erklärungen auf, die Piloten und der Kommandant hörten ihm zu. Mitten hinein schnurrte der Intercom. Steergard nahm den Hörer ab und meldete sich. Die anderen hörten jemanden sprechen, ohne die Worte unterscheiden zu können.
Als es im Hörer still wurde, schwieg sich auch Steergard eine Weile aus, ehe er sagte: „Schön. Jetzt gleich? Bitte sehr, ich warte.“ Er legte auf, wandte sich zu den anderen um und sagte: „Arago.“
„Sollen wir gehen?“ fragte Tempe.
„Nein, nein. Bleibt hier.“ Und wie gegen seinen Willen entrang sich seinen Lippen der Satz: „Zu einer Beichte wird das nicht werden.“
Der Dominikaner erschien ganz in Weiß, aber nicht im Ordenskleid. Er trug einen langen weißen Pullover, darunter aber — die dunkle Schnur, die sich von seinem Hals schlang, ließ es erkennen — das Kreuz. Als er der Versammelten ansichtig wurde, blieb er an der Schwelle stehen. „Ich wußte nicht, daß Sie eine Beratung abhalten, Astrogator…“
„Bitte nehmen Sie Platz, Hochwürden. Das ist keine Beratung, Die Zeit parlamentarischer Debatten und Abstimmungen ist vorbei.“ Das schien Steergard selber allzu obsessioneil geklungen zu haben, denn er setzte hinzu: „Mein Wille war es nicht, aber die Tatsachen sind härter als meine Wünsche. Setzt euch mal alle hin.“
Sie folgten der Aufforderung, denn sie war, obgleich mit einem Lächeln ausgesprochen, ein Befehl. Der Mönch war eigentlich auf ein Gespräch unter vier Augen vorbereitet gewesen, vielleicht hatten ihn auch Steergards Worte durch ihren kategorischen Klang betroffen gemacht.
„C'est le ton qui fah la chanson“, sagte der Astrogator, der die Ursachen für Aragos Zögern erriet. „Nur habe nicht ich diese Musik komponiert. Freilich, ich habe es versucht — pianissimo.“
„Und mit den Posaunen von Jericho nahm es ein Ende“, versetzte der Mönch. „Aber wollen wir es dieser musikalischen Periphrasen nun nicht genug sein lassen?“
„Selbstverständlich. Ich habe nicht die Absicht, mich im Kreise zu drehen. Vor einer Stunde ist Rotmont bei mir gewesen, und ich kenne den Inhalt der von GOD provozierten Unterhaltung, dieser… Exegese. Doch nein, belassen wir es bei der Unterhaltung. Sie betraf die Astrobiologie.“
„Nicht nur“, merkte der Dominikaner an. „Ich weiß. Darum frage ich, in welcher Eigenschaft ich den neuen Gast begrüßen darf: als Arzt oder als päpstlichen Nuntius?“
„Ich bin nicht Nuntius.“
„Mit oder ohne Willen des Heiligen Stuhls sind Sie es doch. In partibus infidelium. Und möglicherweise in partibus dae-monis. Ich sage das im Zusammenhang mit einem denkwürdigen Ausspruch, den nicht der Doktor der Astrobiologie, sondern der Pater Arago bei Ter Horab auf der EURYDIKE getan hat.
Ich war dabei, habe es gehört und mir gemerkt. Und jetzt höre ich Ihnen zu.“
„Ich sehe hier die gleichen Aufnahmen, die mir Rotmont erklärt hat. Es war tatsächlich GOD, der diesen meinen Überfall provoziert hat.“
„Die Kalzium-Hypothese?“ fragte der Kommandant. „Ja. Rotmont fragte ihn, ob die Linie, die sich in der Spektralanalyse bestimmter Punkte wiederholt, nicht etwa dieses Kalzium-Isotop ist. GOD konnte es nicht ausschließen.“
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