„Durch die Destruktion sämtlicher Kampfmittel im gesamten Raum der Zeta?“
„Ja.“
„Wie stehen die Chancen des Kontakts bei solch einer Operation?“
„Minimal bei optimistischsten Voraussetzungen: daß unsere siderale Leistungsaufnahme störungsfrei verläuft; daß die Quintaner tatenlos zuschauen, während wir eine Haut nach der anderen von ihrer automachischen Zwiebel im All schälen; daß sie, all dieser Schalen beraubt, ihre Rüstung stagnieren lassen. In den Kategorien der Spieltheorie wäre das ein Wunder, etwa wie bei jemandem, der einen Hauptgewinn in der Lotterie macht, obwohl er gar kein Los gekauft, gar keine Zahlen gesetzt hat.“
„Stelle die Varianten dar, wie man die Technosphäre ohne Wunder entwaffnen kann.“
„Die Kurve wird mindestens zwei Antiklinalen aufweisen. Entweder leisten sie offensiven oder defensiven Widerstand, oder die pazifikatorische Destruktion der kalten Sphäromachie facht den ständig schwelenden Konflikt auf dem Planeten an und wir stoßen sie damit in den totalen Krieg.“
„Läßt sich die kosmische Automachie teilweise vernichten, ohne daß das Kräftegleichgewicht auf dem Planeten gestört wird?“
„Ja. Zu diesem Zweck müssen die Orbitalen Kampfmittel in ihrer Zugehörigkeit erkannt und vernichtet werden, das heißt, das kosmische Militärpotential aller Gegenspieler ist im gleichen Maße zu reduzieren, damit das dynamische Gleichgewicht der Kräfte der Gegner nicht angetastet wird. Das setzt zwei Bedingungen voraus: Wir müssen die Reichweite erkennen, in der sie ihre Waffen im Kosmos beherrschen, den Radius also, in dem ihre Führung effektiv ist, und wir müssen die Kampfsysteme zunächst außerhalb dieser Reichweite identifizieren, um sie zu vernichten, nach Zerstörung des automachischen Bereichs diese Zivilisation aber ihres Besitzstandes innerhalb der von ihr noch beherrschten Sphäre berauben. In abstracto ist es möglich, sie sozusagen nackt auszuziehen.
Wenn wir jedoch Fehler bei der Identifizierung dessen machen, wer in der inneren Sphäre, im Bereich der operativen Einflußnahme über welche Mittel verfügt, so entfachen wir einen Konflikt auf dem Planeten, da wir die eine Seite zugunsten der anderen schwächen. Damit stoßen wir die Antagonisten aus dem labilen Gleichgewicht des Wettrüstens m den totalen Krieg. Kommandant, du entfernst dich und mich von der Wirklichkeit. Du suchst doch den Erfolg?“
„Selbstverständlich.“
„Worin soll dein Erfolg bestehen? In dem Kontakt? In dieser Modellform ist ein solcher Erfolgsbegriff aber nicht bestimmbar! Er hängt nicht nur davon ab, ob der HERMES außer mit der Sphäromachie auch mit der ganzen Produktion von Kampfmitteln fertig wird, die unablässig in den Kosmos befördert werden. Wir werden einen indirekten Kampf führen, indem wir nicht die Quintaner, sondern deren Waffen bekämpfen. Woher nehmen wir die Gewißheit, daß sie beim Einsatz neuer Techniken nicht die Quellen beherrschen lernen, die uns nähren — die sideralen?“
„Geh davon aus, daß sie es nicht schaffen.“
„Ich gehorche. Neben den Faktoren, die — als wirre technologische Mengen Minimax-Entscheidungen zulassend und also logisch der Optimierungsrechnung folgend — nachprüfbar sind, entscheiden über die Reaktion der Quintaner auch irrationale Faktoren, von denen wir nichts wissen. Wir wissen jedoch, welches Gewicht gerade solche Faktoren in der Geschichte der Erde hatten.“ Hier brach die Aufzeichnung ab. Nach kurzem Schweigen hörten die Versammelten den nächsten Dialog zwischen Steergard und der Maschine.
„Hast du eine Simulation der Gesellschaftsstrukturen vorgenommen?“
„Ja.“
„In allen vorgegebenen Varianten dieser Strukturen und ihrer Konflikte?“
„Ja.“
„Wie groß ist der Koeffizient, der sich aus der Differenz dieser Strukturen für unser Spiel um eine Verständigung ergibt? Nenne das Intervall der statistischen Wägbarkeit oder die modale Distribution des Einflusses, den die Differenzen auf die Chancen des Kontakts nehmen.“
„Der Koeffizient ist gleich Eins.“
„Für alle Simulate?“
„Ja.“
„Das heißt, daß die gesellschaftlichen Unterschiede der Antagonisten keinerlei Rolle spielen?“
„Ja. Die durch den dauerhaften Konflikt angetriebene technomachische Evolution wird zu einer vom Gesellschaftstyp unabhängigen Variablen, denn sie wird nicht von gesellschaftlichen Strukturen, sondern von der Struktur des Konflikts geformt. Fassen wir es genauer: In den frühen Phasen des Konflikts prägen die gesellschaftlichen Unterschiede die Taktiken der psychologischen Propaganda, der Diplomatie, der Spionage und des Rüstungswettlaufs. Die Einteilung des Staatshaushalts in militärische und außermilitärische Posten ist Funktion des Fundus von Argumenten, deren Werte von der gesellschaftlichen Struktur abhängig sind. Das zunehmende Streben nach Vorherrschaft im Konflikt nivelliert die Unterschiede im Fundus der Argumente und macht damit die Strategien der Gegenspieler einander ähnlich. Es entsteht ein Spiegeleffekt. Man kann einen Spiegel nicht dahin bringen, ausschließlich lockere, ungezwungene Haltungen zu reflektieren, alle anderen aber zu verschlucken. Ist die Höchstgrenze der Effektivität einer Abrüstung überschritten, beseitigt der weitere Wettstreit um die Vorherrschaft jede Abhängigkeit der Strategien der Gegenspieler von deren gesellschaftlichen Unterschieden. Diese Abhängigkeit ist dem Einfluß der menschlichen Muskelkraft auf die Zündung einer ballistischen Rakete zu vergleichen. Im Paläolithikum, im Höhlenzeitalter oder im Mittelalter war der muskulösere Gegner dem schwächer gebauten überlegen. Im Atomzeitalter kann eine Rakete von jedem Kind abgefeuert werden, sofern dieses nur aufs rechte Knöpfchen drückt. Die Quintaner sind also nicht mehr Herren der von ihnen gewählten Strategie, im Gegenteil, sie werden von der Strategie beherrscht, die sich alle gesellschaftlichen Unterschiede, auf die sie traf, so unterworfen hat, daß sie nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Wäre es nicht dazu gekommen, so hätte der Konflikt mit dem Sieg einer der Seiten geendet. Die Aktivität der Sphäromachie spricht gegen eine solche Annahme.“
„Nenne die optimalen Spielregeln für einen Kontakt bei solch einer Diagnose.“
„Die Führungszentren des Planeten wissen, daß die Katastrophe durch das Abfangen unserer Kavitatoren verursacht worden ist. Niemand außer ihnen konnte eine solche Aktion unternehmen.“
„Soll das heißen, daß die Sphäromachie ihnen innerhalb des Radius gehorsam ist, der die Mondumlaufbahn von der Quinta trennt?“
„Nicht unbedingt. Der Operationsbereich muß keine ideale Kugelgestalt haben, seine Grenze zu dem entfremdeten Raum nicht scharf und glatt gezogen sein.“
„Ziehst du daraus Schlüsse auf die persönliche Zusammensetzung der Stäbe?“
„Ich verstehe diese Implikation. Gewisse Angehörige der Crew tragen sich mit Vorstellungen von nichtbiologischen Stäben, einem toten Planeten, auf dem nach dem Untergang der Quintaner Computer miteinander kämpfen. Das ist absurd, Computern fehlen zwar die Postulate der Autopräservation, aber sie handeln rational. Das bedeutet, daß sie sich an Minimax-Entscheidungen mit größtmöglichem Prognosevorlauf halten. Wenn die Funktion des Gewinns im Finale des Spiels die komplette Vernichtung ist, fällt der Minimax auf Null. Die Konzeption, die Computer seien übergeschnappt, verwerfe ich. Spektralanalysen und Spinogramme weisen übrigens auf das Vorhandensein lebender Wesen hin.“
„Na gut. Also?“
„In den Stäben gibt es Rechenmaschinen, aber auch Quintaner. Von den Folgen des Lunoklasmus sind sie nicht betroffen worden: In einem Konflikt von solcher Dauer und solchem Ausmaß ist nichts stärker geschützt als die Stäbe. Du weißt bereits, daß Verluste unter der Bevölkerung für die Regierenden kein Argument sind, das zur Aufnahme des Kontakts zwingt.“
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