„Die Luftschleuse scheint mir ziemlich klein zu sein.“
„Die Fracht geht nicht durch diese Öffnung.
Möchten Sie sich mal ansehen, wie wir das machen?“
Ich verabredete mich mit ihm für den nächsten Vormittag. Und lernte dazu.
Die Laderäume der Forward sind so riesig, daß man sich in ihnen eher verloren vorkommt, als daß Klaustrophobie aufkommen kann. Aber auch die Lade-räume der Beiboote können sich sehen lassen. Einige Frachtstücke, die zum Versand kommen, sind sehr groß, besonders Maschinen. Auf diesem Flug sollte in Botany Bay ein Westinghouse-Turbogenerator ausgeladen werden, der so groß war wie ein Haus. Ich fragte Tom, wie um alles in der Welt man denn dieses Ding vom Fleck bekommen wollte.
Er grinste. „Mit Schwarzer Magie.“ Vier seiner Frachtarbeiter legten ein Netz aus Metalldraht um das Gebilde und befestigen einen koffergroßen Metallkasten daran. Tom inspizierte die Anordnung und sagte: „In Ordnung — gebt Saft drauf!“
Der Führer der Gruppe gehorchte — und das metallene Ungetüm begann zu beben und hob sich um eine Winzigkeit. Ein tragbares Antigrav-Gerät, im Prinzip einem AAF-Antrieb ähnlich, doch nicht in eine Karosserie eingebaut, sondern offen anwendbar …
Mit äußerster Vorsicht wurden Seile und Hebel eingesetzt, um das riesige Frachtstück vorsichtig durch ein großes Luk in den Bauch des SteuerbordBootes zu bugsieren. Tom wies mich darauf hin, daß das riesige Monstrum zwar frei schwebe und von der künstlichen Schwerkraft des Schiffes abgekoppelt sei daß es aber dennoch in der Masse so träge sei wie vorher und einen Menschen so mühelos zermalmen könne, wie wir Menschen sonst ein Insekt zerquetschen. „Die Männer sind aufeinander angewiesen und müssen sich absolut aufeinander verlassen können. Ich bin für alles verantwortlich — aber es würde einem Toten nichts mehr nützen, wenn ich die Schuld auf mich nähme; sie müssen auf sich selbst und auf ihre Kollegen aufpassen.“
Seine eigentliche Aufgabe lag darin, zu überwa-chen, daß jedes Frachtstück planmäßig verladen und festgezurrt wurde, um sich bei ruckhafter Beschleunigung nicht loszureißen, außerdem mußte er darauf achten, daß auf beiden Seiten die riesigen Frachtluken wirklich vakuumdicht verriegelt wurden, sobald ein Ladevorgang abgeschlossen war.
Tom zeigte mir auch die Passagierräumlichkeiten des Bootes.
„In Botany Bay steigen mehr Kolonisten aus als bei jedem anderen Halt“, erklärte er. „Wenn wir weiterfliegen, wird die Dritte Klasse so gut wie leer sein.“
„Sind es ausnahmslos Australier?“ fragte ich.
„O nein. Ein großer Teil kommt von dort, etwa ein Drittel aber nicht. Sie haben jedoch eines gemeinsam; sie sprechen fließend Englisch. Botany Bay ist die einzige Kolonie, die Sprachanforderungen stellt. Man will dafür sorgen, daß auf dem ganzen Planeten nur eine Sprache gesprochen wird.“
Davon hatte ich schon gehört. „Warum?“
„Man meint wohl, daß dadurch die Wahrscheinlichkeit von Kriegen geringer ist. Mag ja sein — aber einige der grausamsten und blutigsten Auseinandersetzungen auf der Erde sind Bürgerkriege gewesen.
Bei denen gab es kein Sprachproblem.“
Ich hatte keine Meinung dazu und äußerte mich also nicht. Wir verließen das Boot durch die PassagierLuftschleuse, und Tom schloß die Öffnung hinter uns. Im gleichen Augenblick fiel mir ein, daß ich mein Halstuch verloren hatte. „Tom, haben Sie’s gesehen? In der Kabine der Auswanderer hatte ich es noch.“
„Wir werden es schon finden.“ Er drehte sich um und öffnete die Luftschleuse noch einmal.Das Tuch befand sich dort, wo ich es zwischen zwei Bänken hatte fallen lassen. Ich warf es Tom spielerisch um den Hals, zog sein Gesicht dicht an das meine heran, dankte ihm und ließ dann meine Dankbarkeit so weit ausufern, wie er es wagte — weit genug, aber doch nicht wieder ungehörig weit, da er noch im Dienst war.
Er hatte meinen Dank verdient. Jene Tür verfügte über ein Kombinationsschloß. Und ich kannte jetzt die Kombination. Als ich von meiner Inspektion der Laderäume und des Landebootes zurückkehrte, war es beinahe Mittag. Wie üblich beschäftigte sich Shizuko mit irgend etwas (es kann doch eine Frau nicht total in Anspruch nehmen, dafür zu sorgen, daß eine andere gepflegt auftritt!)
„Ich möchte heute nicht zum Essen gehen“, sagte ich zu ihr. „Ich möchte kurz duschen, mir einen Morgenmantel anziehen und hier essen.“
„Was möchte Missy haben? Ich bestelle.“
„Bestellen Sie für uns beide.“
„Für mich?“
„Für Sie. Ich möchte nicht allein essen. Ich habe nur keine Lust, mich anzuziehen und in den Speisesaal zu gehen. Keine Widerrede; bestellen Sie über den Monitor.“ Ich marschierte zum Badezimmer.
Ich hörte, wie sie mit dem Bestellen begann, doch als ich die Dusche abstellte, stand sie schon wieder mit einem weichen Badetuch bereit, ein kleineres Handtuch um die Hüften gewunden, die perfekte Badesklavin. Als ich trocken war und sie mir in den Bademantel geholfen hatte, klingelte es im Lieferschacht. Sie öffnete die Schublade; währenddessen zog ich einen kleinen Tisch in die Ecke, in der ichmich mit Pete-Mac unterhalten hatte. Shizuko hob die Augenbrauen, sagte aber nichts; sie deckte den Tisch für das Mittagessen und stellte die Speisen darauf.
Ich programmierte das Terminal auf Musik und wählte wieder ein Band mit lautem Gesang: klassischen Rock.
Shizuko hatte nur für eine Person gedeckt. Ich drehte mich zu ihr um, damit sie mich trotz der Musik verstehen konnte. „Tilly, Sie stellen Ihren Teller auch hierher!“
„Was, Missy?“
„Nun hören Sie schon auf, Matilda! Die Farce ist aus. Ich habe alles vorbereitet, damit wir uns gründlich unterhalten können.“
Sie ließ kein Zögern erkennen. „Schön, Miß Freitag.“
„Nennen Sie mich lieber ›Marj‹, damit ich Sie nicht als ›Miß Jackson‹ anreden muß. Oder nennen Sie mich nur ›Freitag‹, was mein richtiger Name ist. Sie und ich müssen mal einiges klarstellen. Übrigens spielen Sie die Zofe wirklich perfekt, aber ab jetzt können Sie sich die Mühe sparen, wenn wir allein sind. Ich kann mich nach dem Baden allein abtrocknen.“
Sie hätte beinahe gelächelt. „Es macht mir aber großen Spaß, für Sie zu sorgen, Miß Freitag. Marj.
Freitag.“
„Also, vielen Dank! Essen wir.“ Ich löffelte ihr Sukiyaki auf den Teller.
Nachdem wir zu kauen begonnen hatten — beim Essen läßt sich wirklich besser reden —, fragte ich:
„Was springt für Sie dabei heraus?“
„Woraus, Marj?“
„Na, bei dem Auftrag, mich nicht aus den Augen zu lassen. Mich im Sternenreich der Palastgarde auszuliefern.“
„Das übliche Honorar. Zahlbar an meinen Chef.
Angeblich soll ich einen zusätzlichen Bonus bekommen, aber das glaube ich erst, wenn ich ihn ausgegeben habe.“
„Ich verstehe. Marjorie, ich verschwinde in Botany Bay. Und Sie werden mir dabei helfen.“
„Nennen Sie mich ›Tilly‹. Ach, ausgerechnet ich soll Ihnen helfen?“
„O ja. Denn ich werde Ihnen wesentlich mehr bezahlen, als Sie sonst erhalten würden.“
„Glauben Sie wirklich, Sie können mich so leicht auf die andere Seite herüberziehen?“
„Ja. Denn Sie haben nur zwei Möglichkeiten.“ Zwischen uns lag ein großer Servierlöffel aus rostfreiem Stahl. Ich griff danach und drückte die Löffelschale zusammen. „Sie können mir helfen. Oder Sie können tot sein. Ziemlich schnell sogar. Wie entscheiden Sie sich?“
Sie griff nach dem verbogenen Löffel. „Marj, Sie brauchen gar nicht so dramatisch zu tun. Wir finden schon eine Möglichkeit.“ Mit den Daumen glättete sie das zerdrückte Metall. „Wo liegt denn das Problem?“
Ich starrte auf den Löffel. „›Deine Mutter war ein Reagenzglas …‹“
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