Die sechs Menschen und die drei Heloiden bereiteten sich auf ihre Aufträge, auf die Flüge mit dem Ring und dem Weißen Pfeil, vor. Die Menschen zogen Schutzanzüge an und die Heloiden ihre Skaphander. Jeder, auch die Menschen, bekam ein Sprechfunkgerät und große Taschen mit Medikamenten und Verbandmaterial mit.
Der Weiße Pfeil stieß in den blauen Himmel hinein. Sil flog in südöstlicher Richtung auf das Zentrum des Bebens zu. Unten wellte sich endlos das weite, dürre Land der Sandwanderer.
Zusehends wurde die Sicht trüber. Eine blauschwarze Wolkenwand quoll in der Ferne heran. Der Weiße Pfeil stieg höher und überflog diese dicke Schicht. Sie zog schnell nordwärts. Ein starker Wind schien sie vor sich her zu treiben.
Die genauen Berechnungen der Bebenmessungen hatten ergeben, daß sein Zentrum inmitten eines Meeres südlich des Zweistromlandes zu suchen war.
Dieses Meer hatte nur durch eine schmale Meerenge mit den riesigen ozeanischen Wasserflächen der südlichen Planetenschallkugel Verbindung. Die Luftaufnahmen der plastischen Karte zeigten es deutlich.
Jetzt mußte das Bebenzentrum bald erreicht sein. Ob sich ein Vulkan gebildet hatte? Sil überflog das Zentrum. Die Wolkenschicht unter ihm blieb unverändert. Weder Rauch, Flammengarben noch Glutschein waren zu erkennen. Sollte sich der automatische Navigator geirrt haben? Der Weiße Pfeil umkreiste das Zentrum und schraubte sich vorsichtig in die dicke Wolkendecke hinab. Sil konnte nichts mehr sehen, weder durch das Panzerglas des Kabinendaches noch auf dem Bildschirm. Um ihn war nur brodelnde, von Blitzen durchzuckte Finsternis. Die Geräte aber meldeten eine weite Wasserfläche. Sil wagte sich tiefer hinunter. Heftige Luftströmungen und Wirbel rissen an dem Raketenflugzeug und schüttelten es. Endlich wich die Finsternis einer fahlen, schwefelgelben Dämmerung. Sil erblickte ringsum eine quirlende, brodelnde Wasserfläche, gepeitscht von Regengüssen. Riesige Wogen rollten nordwärts. Der Sturm riß ihre Schaummähnen hoch in die Luft. Von einem Vulkan war jedoch weit und breit nichts zu sehen.
Sil ließ die Rakete wieder steil aufwärts steigen. „Ich habe das Erkundungsziel verfehlt“, berichtete Sil der, „Kua“.
„Das Bebenzentrum hat sich in Richtung der Meerenge verlagert“, sagte ihm Gohati. Sil flog südwärts. Die Rakete erreichte die Küste des Meeres der zwei Ströme. Sil folgte ihr.
Aufmerksam durchforschte er ihren Saum nach der Meerenge, um sich zu orientieren. Er fand sie nicht. Hatte er sich abermals verflogen?
Sil rief die „Kua“ und ließ sich von ihr einweisen. Nach kurzer Zeit sagte Gohati: „Jetzt mußt du über ihr sein!“
Sil starrte hinab. Wo war die Meerenge? Ein hochgewölbter Bergrücken trennte breit und wuchtig das Meer der zwei Ströme von dem Ozean.
„Nein, die Meerenge ist nicht da!“ rief Sil zurück. Also auch die Peilung der „Kua“ war falsch.
„Nicht da oder nicht mehr da?“ fragte Gohati zurück.
Sil zögerte mit der Antwort. Sollte sich bei dem Beben der Meeresboden gehoben haben? War die Meerenge von hochquellenden Gesteinsmassen versperrt worden?
„Ich prüfe noch!“ rief Sil zurück.
Mehrmals überflog er den Felsriegel, der die Wasser voneinander trennte, und maß das Niveau der beiden Meeresspiegel. Dann wandte sich der Weiße Pfeil jäh nordwärts und schoß mit aufheulendem Triebwerk im Tiefflug davon, mitten in die schwarze Zone der Stürme, Gewitter und Regenschauer hinein.
Der Boden hatte sich in diesem Teil des Meeres der zwei Ströme wirklich gehoben, und zwar so stark, daß die Fluten erheblich angestiegen waren. Aber wenn der Abfluß zu den Weltmeeren versperrt wäre, hätte das Wasser nur einen Ausweg, den nach Norden. Es würde das ganze Zweistromland überfluten und jenen Teil der Planetenbewohner, die nach vielen hunderttausend Jahren endlich am Anfang der Zivilisation standen, vernichten. Die Menschenfreunde mußten vor dem Untergang bewahrt werden. Irgendwo auf diesem tosenden Meer mußte eine Flutwelle sein, vom Südsturm mit gesteigerter Kraft vorangetrieben. Sie mußte er finden. Nur an ihr ließ sich erkennen, wieviel Zeit noch blieb, um die Menschen zu warnen.
Sil rief die „Kua“. Er schilderte Gohati seine Beobachtungen und gab seine furchtbare Vermutung durch.
Gohati berief erneut eine Beratung der Kosmonauten ein. Sie dauerte nur kurze Zeit. Tivia und Kalaeno, die mit dem Ringflügler bereits nahe einer Stadt gelandet waren, und Sil im Weißen Pfeil nahmen über Sprechfunk daran teil.
Der Kommandant gab in wenigen Worten die Lage wieder.
Dann sagte er: „Zehntausende Menschenwesen werden von der Sturmflut bedroht. Wir könnten viel Unheil verhindern. Wir müssen die Städte und Ansiedlungen überfliegen und sie warnen. Unsere sechs Vertrauten und wir müssen dort landen, um den Menschen jene Hügel und Hochflächen im Land zu zeigen, die voraussichtlich nicht überflutet werden.“
Sil meldete sich. Er hatte die Wasserwand erreicht, die als Sturzwelle nordwärts wanderte. „Am Abend trifft sie auf das Festland“, berichtete er. Er gab genau ihre jetzige Position, ihre Bewegungsrichtung, Geschwindigkeit und Fluthöhe an.
„Gibt es bei euch schon Anzeichen eines Unwetters?“ fragte Gohati den Ring im Zweistromland.
„Bis jetzt war es klar. Aber nun beginnt die Eintrübung. Es ist sehr schwül geworden“, meldete Tivia.
„Wir kommen mit dem Atomicer und bringen drei Tepis mit“, rief Gohati ihr zu. Dann ordnete er an: „Fertigmachen zum Abflug! Tepis mit Schwingflügeln und Energiepatronen für den Antrieb ausrüsten! Sinio bleibt als Steuerwache hier!“
Die Stadt Ur am rechten Ufer des Pu-rat-tu nahe dem Meer der zwei Ströme war voller Unruhe. Vor einer Stunde hatte die Erde das letzte Mal gegrollt. Doch die Menschen wagten noch nicht, in ihre Häuser zurückzukehren. Viele der Lehmhütten waren von den Stößen der Erde zusammengefallen. Die fester gebauten Häuser der Lu-guls hatten breite Risse in ihren Mauern. Die Brunnen der Stadt waren fast alle verschüttet.
Zahlreiche Menschen waren verletzt. Allen saß die Angst vor dem Zorn der Götter und geheimes Grauen in den Herzen.
Die Sonne stand noch nicht am Mittag, als ein fliegender Ring über die Stadt schaukelte und vor einem der Tore auf das Land herabfiel. „Die Himmelssöhne!“ riefen sich die Menschen zu.
Noch nie waren die Himmelssöhne in Ur gewesen. Doch viel Kunde war von ihnen in der letzten Zeit aus E-rech nach Ur gekommen. Die Berichte wußten nichts Schlechtes von den Himmelssöhnen zu sagen, aber viel Wundersames. Besonders die Soldaten des Gal-Uku-Patesi dachten noch mit Schrecken an die Belagerung von E-rech, bei der das Feuer der Himmelssöhne die beiden Heere voneinander getrennt hatte.
„Das Grollen und Beben der Erde hat ihr Kommen angekündigt“, flüsterten sich die Menschen zu, scheue Blicke um sich werfend. Die Ungewißheit schlich durch die Gassen und ließ die Angst der Menschen noch größer werden. Sie drängten sich in dichten Gruppen und vergaßen, über ihre zerstörten und beschädigten Hütten zu klagen.
Der Gal-Uku-Patesi ging durch die Straßen der Stadt, um das Ausmaß der Zerstörungen festzustellen. Hofbeamte und Priester umgaben ihn. Palast und Tempel waren unversehrt geblieben. Jetzt nahm er die Stadtmauer in Augenschein. Da wies einer der Leibwächter zum Himmel auf den fliegenden Ring über der Stadt. Der Gal-Uku-Patesi blieb betroffen stehen. Er überlegte, was das zu bedeuten habe. Da eilte ein Bote von einem der Stadttore herbei und meldete die Landung des fliegenden Hauses der Götter. Der Hohepriester riet, zu diesem Tor zu gehen und die Himmelssöhne zu empfangen.
Schon auf halbem Wege kam ihnen eine der eigentümlichen großen und unförmigen Gestalten der Himmelssöhne entgegen, begleitet von sechs Menschen. „Der berühmte Ia-du-lin ist unter ihnen“, raunten sich die Hofbeamten zu.
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