»Das ist noch ein halbes Jahr hin«, sagte Sue. »Dann sind wir längst wieder zurück.«
Kryptisch. Doch schließlich schien sie bereit, zu erläutern, was sie neulich schon angedeutet hatte.
Wir saßen in der geräumigen, aber weitgehend verwaisten Cafeteria, zu viert am einzigen Fenster mit Blick auf die Schnellstraße. Ich, Sue, Morris Torrance und ein junger Mann namens Raymond Mosely.
Ray Mosely war ein postgraduierter Physiker vom MIT, der mit Sue an der naturwissenschaftlichen Bestandsaufnahme arbeitete. Er war fünfundzwanzig, schmerbäuchig, ungepflegt und strahlte wie ein neues Zehncentstück. Und er war schüchtern. Er war mir wochenlang aus dem Weg gegangen, wohl weil ich ein fremdes Gesicht war, und begann eben erst zu kapieren, dass ich mich nicht zwischen ihn und Sue Chopra drängen wollte.
Sue war immerhin ein Dutzend Jahre älter als er und ihre sexuelle Vorliebe galt nun einmal nicht unsereinem, schon gar nicht zaghaften jungen Physikern, die eine längere Unterhaltung über Wechselwirkungen zwischen Myonen für eine Aufforderung zu sexuellen Intimitäten hielten. Sue hatte ihm das wiederholt erklärt. Und Ray, sollte man meinen, hatte diese Erklärungen auch akzeptiert. Doch er schickte ihr nach wie vor verträumte Blicke über den klebrigen Tisch und beugte sich Sues Meinungen mit der Loyalität des Verliebten.
»Erstaunlich ist«, begann Sue, »was uns die Chronolithen seit Chumphon alles nicht verraten haben.
Ein bisschen beschreiben können wir sie, mehr nicht. Wir wissen zum Beispiel, dass man ein Kuin-Monument auch dann nicht ins Wanken bringen kann, wenn man sein Fundament freilegt, denn es verharrt in ein und demselben Abstand vom Gravitationszentrum der Erde und auch sonst in ein und derselben Lage, selbst wenn das bedeutet, dass es — ja — schwebt. Wir wissen, dass ein Kuin-Monument außergewöhnlich reaktionsträge ist; wir wissen, dass es einen bestimmten Brechungsindex hat; aus Untersuchungen wissen wir, dass die Objekte eher modelliert als herausgemeißelt sind, und so weiter und so fort. Aber nichts von alledem hat mit einem richtigen Verständnis zu tun. Wir verstehen diese Objekte so, wie ein mittelalterlicher Theologe ein Auto verstanden hätte. Das Objekt ist schwer, die Polsterung wird bei direkter Sonnenbestrahlung heiß, bestimmte Teile sind scharfkantig, bestimmte schön glatt und fließend. Manche Details sind vielleicht wichtig, die meisten sicher nicht; aber bewerten lassen sie sich nur mit Hilfe einer umfassenden Theorie. Und genau die fehlt uns.«
Der Rest von uns nickte verständig, wie wir es gewöhnlich taten, wenn Sue sich anschickte, eine These zu entwickeln.
»Aber manche Details sind interessanter als andere«, fuhr sie fort. »Zum Beispiel: Wir haben hinreichende Beweise, dass es in den Wochen vor dem Erscheinen eines Chronolithen zu einem allmählichen, schrittweisen Anstieg der örtlichen Strahlenbelastung kommt. Nicht gefährlich, aber eindeutig messbar. Ein Punkt, mit dem die Chinesen beschäftigt waren, als sie sich aus der Kooperation mit uns verabschiedeten. Auch die Japaner hatten einen Glückstreffer. Rings um die Fusionsreaktoren von Sapporo/Technics unterhalten sie routinemäßig ein Netz aus Strahlungssensoren. Tage, bevor der Chronolith auftauchte, versuchte Tokio die Quelle der ganzen Streustrahlung zu orten. Beim Auftauchen des Chronolithen waren die Messwerte am höchsten, danach fielen sie ganz rasch auf die normalen regionalen Werte zurück.«
»Was bedeutet«, sagte Ray Mosely, als sorge er sich um die Dummen am Tisch, »dass wir das Erscheinen eines Chronolithen zwar nicht verhindern, aber mit einer gewissen Sicherheit voraussagen können.«
»Um die Menschen zu warnen«, sagte Sue.
»Klingt vielversprechend«, sagte ich. »Wenn ich weiß, wo ich suchen muss.«
»Ja«, gab Sue zu, »da liegt der Hase im Pfeffer. An vielen Stellen wird aber die Strahlenbelastung der Luft überwacht. Und Washington hat mit einer ganzen Reihe befreundeter Staaten die Überwachung größerer Ballungsgebiete organisiert. Für den Zivilschutz heißt das, wir können die Menschen rechtzeitig evakuieren.«
»Während wir«, setzte Ray hinzu, »daran interessiert sind, vor Ort zu sein.«
Sue bedachte ihn mit einem scharfen Blick, als habe er ihr die Pointe verhagelt. Ich sagte: »Ist das nicht ein bisschen riskant?«
»Um das Ereignis aufzuzeichnen, um an die exakten Daten der finalen Eruption zu kommen, um den eigentlichen Prozess zu sehen… wäre das von unschätzbarem Wert.«
»Hoffentlich aus einer gewissen Entfernung«, warf Morris Torrance ein.
»Wir können jede Gefahr für Leib und Leben minimieren.«
Ich sagte: »Und das passiert schon bald?«
»Wir brechen in ein, zwei Tagen auf, Scotty, und das bringt uns in Zeitdruck. Das kommt alles ein bisschen plötzlich, ich weiß. Aber unsere Vorposten sind bereits eingerichtet und wir haben Spezialisten vor Ort. Die Messdaten legen nahe, dass es in gerade mal fünfzehn Tagen zu einer gewaltigen Manifestation kommt. Die bevorstehende Evakuierung müsste heute Abend noch für Schlagzeilen sorgen.«
»Wohin geht also die Reise?«
»Nach Jerusalem«, sagte Sue.
Ich bekam vierundzwanzig Stunden für meinen geordneten Rückzug aus dem Büro samt Packen eingeräumt.
Stattdessen setzte ich mich ans Steuer.
Ich war zehn Jahre alt. Als ich eines Tages von der Schule nach Hause kam, war Mutter dabei, die Küche zu schrubben. Daran war nichts Ungewöhnliches. Aber dann tat ich etwas, das ich seit einiger Zeit häufiger tat: Ich beobachtete sie.
Meine Mutter war keine schöne Frau. Das habe ich wohl damals schon gewusst. (Oder besser »geahnt«.) Sie hatte ein hartes, schmales Gesicht und lächelte nur selten — was ihr Lächeln zu einem denkwürdigen Ereignis machte. Wenn sie gelächelt hatte, lag ich abends im Bett und durchlebte das Ereignis ein ums andere Mal. Sie war damals erst fünfunddreißig. Sie trug nie Make-up und konnte sich an manchen Tagen nicht einmal aufraffen, ihr Haar zu bürsten. Gott sei Dank war es dunkel und glänzte von Natur aus.
Kleider zu kaufen, war ihr verhasst. Sie trug alles, was sie hatte, bis es buchstäblich untragbar war. Manchmal, wenn sie mit mir einkaufen ging, schämte ich mich wegen ihres blauen Pullovers mit dem kleinen braun verschmorten Loch in der Seite, durch das ich den Träger ihres BHs sehen konnte; oder wegen der gelben Bluse mit dem Bleichfleck auf der rechten Schulter, der an eine Karte von Kalifornien erinnerte.
Sagte ich ihr das, starrte sie mich wortlos an, ging ins Haus zurück und zog sich um, was kaum einen Unterschied machte. Aber ich hasste es, so etwas zu sagen, weil ich mir dabei pingelig und weibisch vorkam, wie ein kleiner Junge, der sich nicht schmutzig machen will. Dem war aber nicht so. Ich wollte einfach nicht, dass man zwischen den Regalen im Supermarkt nach ihr schielte.
Als ich an diesem Tag heimkam, trug sie Bluejeans und eins von Vaters Hemden, das ihr viel zu groß war. Sie steckte bis zu den Ellbogen in gelben Gummihandschuhen, die — wie mir entging — eine Reihe tiefer blutender Schrammen verbargen. Das war ihr Putzdress. Und wie sie geputzt hatte. Die Küche stank nach Lysol und Salmiakgeist und einem halben Dutzend anderer Reiniger und Desinfektionsmittel, die sie im Schränkchen unter der Spüle hortete. Ihr Haar unter dem roten Kopftuch war zurückgebunden und ihre ganze Aufmerksamkeit galt den Bodenfliesen. Sie nahm mich erst wahr, als ich meine Butterbrotdose auf die Anrichte knallte.
»Bleib aus der Küche«, sagte sie tonlos. »Das hab ich dir zu verdanken.«
»Mir zu verdanken?«
»Er ist dein Hund, oder etwa nicht?«
Sie redete von Chuffy, unserem Springerspaniel, und ich begann mir Sorgen zu machen — mehr wegen des Tonfalls, nicht so sehr wegen der Worte.
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