In dem Tonfall sagte sie manchmal Gute Nacht. Jeden Abend kam sie in mein Zimmer, beugte sich über mein Bett, richtete Laken und Steppdecke, küsste ihre Fingerspitzen und berührte damit meine Stirn. Und zu neunzig Prozent tat das genauso gut, wie es klingt. Doch an manchen Abenden — Abenden, an denen sie vielleicht schon ein bisschen getrunken hatte —, da dronhte sie über mir mit einem unbändigen Geruch nach Schweiß und Alkohol, einem Geruch, den sie abstrahlte wie ein Kohleherd die Wärme, und obwohl sie dieselben Worte sagte, dasselbe »Gute Nacht, Scotty, schlaf gut«, klang es wie auswendig gelernt und ihre Fingerspitzen fühlten sich kalt und rau an. An solchen Abenden zog ich mir das Bettzeug über den Kopf und zählte die Sekunden ( einundzwanzig, zweiundzwanzig ), bis ihre Schritte auf dem Flur verstummt waren.
Jetzt klang sie genauso. Ihre Augen waren zu rund und der Mund war zu einem Strich gepresst und ich hatte das Gefühl, nur näher herangehen zu müssen, um denselben widerlichen Gestank wahrzunehmen, den ein Strand bei Ebbe verströmt.
Sie putzte weiter, und ich schlich mich ins Wohnzimmer, machte den Fernseher an und glotzte in die syndizierte Neuauflage von Seinfeld , bis mich Mutters Bemerkung über Chuffy wieder einholte. [18] Seinfeld (mit dem Komiker Jerry Seinfeld) ist eine der erfolgreichsten TV-Serien aller Zeiten.
Mutter hatte Chuffy nie gemocht. Sie tolerierte ihn, doch Chuffy gehörte meinem Vater und mir, nicht ihr. Vielleicht hatte Chuffy auf den Küchenboden gepinkelt. Hätte das nicht ihre Reaktion erklärt? Wo steckte Chuffy eigentlich? Normalerweise saß er um diese Zeit auf dem Sofa und erwartete, dass man ihm die Ohren kraulte. Ich rief nach ihm.
»Das Tier ist ekelhaft«, sagte meine Mutter aus der Küche. »Lass es, wo es ist.«
Ich fand Chuffy oben, eingesperrt in der Toilette des Elternschlafzimmers, Hinterteil und Beine roh geschrubbt, wahrscheinlich mit einem Brillo-Stahlschwämmchen, wie wir sie für stark verschmutztes Kochgeschirr benutzten. Da wo kein Fell mehr war, blutete Chuffy aus einem Dutzend Wunden, und als ich ihn trösten wollte, schlug er mir die Zähne in den Unterarm.
Die Zeit hatte ihn stiefmütterlich behandelt, den Vorort in Maryland, wo mein Vater lebte. Aus der halbbäuerlichen Gegend war ein Nest aus Geschäftszeilen, Sexshops und Hochhäusern mit Arbeiterwohnungen geworden. Die umzäunte Gemeinde existierte noch, aber das Pförtnerhaus war verwahrlost und mit arabischen Graffiti besprüht. Das Haus an der Provender Lane, in dem ich aufgewachsen war, das Haus hinter den klumpigen Schneebarrieren, war kaum noch wiederzuerkennen. Eine der Dachrinnen hatte sich gelöst und die Schindeln dahinter hingen alarmierend durch. Es war nicht mehr das Haus, an das ich mich erinnerte, aber es schien das Haus zu sein, das zu meinem Vater passte — heruntergekommen und ungastlich.
Ich parkte, stellte den Motor ab und blieb sitzen.
Natürlich war es töricht gewesen, hierher zu kommen. Ich war einem dieser verwegenen Impulse gefolgt… große Gefühle, nichts dahinter. Ich hatte mich aufgeschwungen, meinen Vater zu besuchen, bevor ich das Land verließ ( und er das Zeitliche segnete ) — doch was genau sollte das bringen? Was hatte ich ihm zu sagen und was er mir? Was?
Ich langte schon nach dem Zündschlüssel, als er auf die knarrende Holzveranda kam, um seine Abendzeitung zu holen. Die Verandabeleuchtung ließ ihn in der blauen Dämmerung ganz gelbsüchtig erscheinen. Er blickte herüber, bückte sich nach der Zeitung und blickte wieder herüber. Schließlich kam er in Pantoffeln und Unterhemd bis zur Bordsteinkante. Er keuchte infolge der ungewohnten Anstrengung.
Ich fuhr die Scheibe herunter.
Er sagte: »Ich dachte mir, dass du es bist.«
Der Klang seiner Stimme weckte eine Vielzahl unerfreulicher Erinnerungen. Ich schwieg.
»Komm schon rein«, sagte er. »Ist kalt hier draußen.«
Ich verriegelte den Wagen hinter mir und aktivierte die Sicherheitsautomatik. Weiter unten auf der Straße verfolgten drei Asiaten mit ausdrucksloser Miene, wie ich meinem todgeweihten Vater zur Haustür folgte.
Chuffy erholte sich von seinen Verletzungen, kam aber nie wieder in Reichweite meiner Mutter. Dagegen waren die Verletzungen meiner Mutter dauerhaft und lähmend. Irgendwann während ihres Verfalls erklärte man mir, sie leide an einer Folge von Schizophrenie, die erst im Erwachsenenalter ausbreche; dabei handle es sich um eine neurologische Erkrankung, um einen Fehler irgendwo in den mysteriösen, aber natürlichen Gehirnabläufen. Ich glaubte das nicht, weil ich aus unmittelbarer Erfahrung wusste, dass das Problem nicht nur einfacher, sondern auch schrecklicher war: Eine gute Mutter und eine schlechte Mutter teilten sich seit geraumer Zeit ein und denselben Körper. Und dass ich die gute Mutter liebte, machte es möglich, ja unumgänglich, die schlechte zu hassen.
Oje, und sie vermengten sich. Gab die gute Mutter mir morgens einen Abschiedskuss, konnte es sein, dass, wenn ich (spät und widerstrebend) von der Schule heimkam, die wahnsinnige das Sagen hatte. Als Teenager hatte ich keine engen Freunde, denn wenn man Freunde hat, muss man sie auch mit nach Hause bringen können; und als ich das zum letzten Mal versucht hatte, als ich einen schüchternen rothaarigen Jungen namens Richard mitbrachte, der mir in Erdkunde geholfen hatte, da hielt sie ihm zwanzig Minuten lang eine Standpauke über die Gefahr von Videomonitoren für seine künftige Zeugungsfähigkeit. Was sie tatsächlich sagte, klang anschaulicher. Am Tag darauf verhielt Richard sich reserviert und teilnahmslos, als hätte ich mir Gott-weiß-was herausgenommen. Ich könne nichts dafür, wollte ich ihm erklären, genauso wenig wie meine Mutter. Wir waren die Opfer eines unheimlichen Spuks.
Weil sie nicht an ihre Krankheit glaubte, schrieb sie alles meiner Schwäche zu, nicht der ihren, und ich weiß nicht mehr, wie oft sie im Laufe meiner Teenagerzeit verlangt hat, ich solle endlich damit aufhören, sie »so« anzusehen — das heißt mit solcher Panik in den Augen. Eine der Ungereimtheiten paranoider Schizophrenie ist, dass sie ihre dunkelsten Erwartungen mit beinahe mathematischer Genauigkeit erfüllt. Sie dachte, wir — also Vater und ich — hätten uns verbündet, sie in den Wahnsinn zu treiben.
Nichts von alledem ließ Vater und mich näher zusammenrücken. Im Gegenteil. Er verleugnete die Diagnose fast so hartnäckig wie meine Mutter, nur direkter. Er fand wohl immer, er habe unter seiner Würde geheiratet, habe seinen Schwiegereltern in Nashua, New Hampshire, einen Gefallen getan, ihnen die launische und verstockte Tochter abzunehmen. Vielleicht hatte er ja erwartet, die Heirat würde sie bessern. Irrtum. Mutter hatte ihn enttäuscht — und er sie wohl auch. Doch er stellte nach wie vor hohe Anforderungen an sie. Er tadelte sie für jede irrationale Handlung, als sei sie zu moralischen und ethischen Urteilen fähig — was sie durchaus war, aber nur sporadisch. Also büßte die gute Mutter für die Sünden der schlechten. Die schlechte mochte verbittert und garstig sein, die gute konnte verschüchtert und zaghaft sein. Die gute Mutter konnte auf den Zustand der Bußfertigkeit reduziert werden, und Vater vollzog regelmäßig diese alchimistische Wandlung an ihr. Er schrie sie an, schlug sie manchmal, demütigte sie regelmäßig, derweil ich mich in meinem Zimmer verkroch und mir eine Welt vorgaukelte, in der es weder ihn noch die ungebetene Pseudo-Ma gab. Wo die gute Ma und ich ein zufriedenes Leben führten, so wie sie es zumindest einmal gewollt hatte, während mein Vater fortfuhr, sein irrationales Schattenweib an irgendeinem entlegenen Ort zu bekriegen — sagen wir, in einer Gefängniszelle oder in einem Irrenhaus.
Später, mit sechzehn und nachdem ich den Führerschein gemacht hatte, aber noch bevor sie in das Heim in Connecticut eingewiesen wurde, wo sie ihre letzten Jahre verbracht hat, da machte Vater mit uns einen Ausflug nach New York City. Er muss wohl geglaubt haben — wie verzweifelt muss er gewesen sein, um nach diesem Strohhalm zu greifen? —, dass ein Urlaub ihr gut tun würde, ihr »den Kopf durchpusten« würde, wie er gerne sagte. Also beluden wir den Wagen, ließen das Öl wechseln und den Tank füllen und machten uns wie eigensinnige Pilger auf den Weg. Mutter bestand darauf, die hintere Sitzbank für sich allein zu haben. Ich saß vorne, als Navigator, und blickte ab und zu über die Schulter, um Mutter anzuflehen, nicht an den Lippen zu pflücken, auf denen sich bereits Blut zeigte.
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