Doch das für AMS zuständige Gen war nie zum Roten Planeten gelangt und die Medikamente, die Jason einnahm, waren dort unbekannt. Und auch wenn Wun versicherte, dass meine Bedenken unbegründet waren, konnte ich nicht umhin zu bemerken, dass er dabei kaum einmal lächelte. Also versuchten wir, auf Nummer sicher zu gehen: Eine Woche vor der ersten Injektion hatte ich begonnen, Jasons AMS-Medikation zurückzufahren. Nicht abzusetzen, nur zu reduzieren.
Die Strategie schien aufgegangen zu sein. Als wir im Großen Haus eintrafen, zeigte Jason trotz der geringeren Medikamentation nur leichte Symptome, sodass wir die Behandlung optimistisch angingen.
Drei Tage später hatte er Fieberschübe, gegen die ich wenig ausrichten konnte. Am nächsten Tag war er die meiste Zeit bewusstlos. Noch einen Tag später färbte sich seine Haut rot und entwickelte Blasen. Am Abend begann er zu schreien.
Trotz des Morphiums, das ich ihm gab, schrie er immer weiter. Kein Schreien aus vollem Hals, eher ein Stöhnen, das sich periodisch zu großer Lautstärke steigerte, ein Laut, den man eher von einem kranken Hund erwarten würde als von einem Menschen. Es geschah völlig willkürlich. In Phasen der Klarheit machte er dieses Geräusch nicht und konnte sich auch nicht erinnern, es gemacht zu haben, obwohl sein Kehlkopf von der Anstrengung schmerzhaft entzündet war.
Carol vermittelte tapfer den Anschein, damit klarzukommen. In manchen Teilen des Hauses waren Jasons Klagerufe fast nicht zu hören — die hinteren Schlafzimmer, die Küche —, und dort hielt sie sich die meiste Zeit auf, las oder lauschte dem lokalen Radiosender. Doch die Belastung war offenkundig, und es dauerte nicht lange, da begann sie wieder zu trinken.
Ich sollte vielleicht nicht »begann sie« sagen. Tatsächlich hatte sie nie damit aufgehört. Aber sie hatte es immerhin auf ein Minimum beschränkt, das es ihr erlaubte zu funktionieren — in heikler Balance zwischen den Schrecken des plötzlichen Entzugs und den Lockungen eines veritablen Rausches. Dass sie überhaupt so lange durchgehalten hatte, lag in der Liebe zu ihrem Sohn begründet, wie sehr diese Liebe in den Jahren zuvor auch geschlummert haben mochte. Es waren seine Schmerzensschreie, die sie aus der Bahn warfen.
In der zweiten Woche hing Jason an einem Tropf, und ich behielt seinen steigenden Blutdruck im Auge. Er hatte einen relativ guten Tag gehabt, trotz seines erschreckenden Aussehens: schorfig überall, wo nicht das rohe Fleisch hervortrat, die Augen versunken im geschwollenen Gesicht. Er war noch geistesgegenwärtig genug gewesen zu fragen, ob Wun schon seinen ersten Fernsehauftritt gehabt hätte — noch nicht, er war für die folgende Woche vorgesehen —, aber als der Abend anbrach, war er in Bewusstlosigkeit zurückgefallen, und das Stöhnen, das ein paar Tage ausgesetzt hatte, fing wieder an, lauter als je zuvor und schmerzhaft für jeden, der es hörte.
Schmerzhaft vor allem für Carol, die in der Tür des Wohnzimmers erschien, mit Tränenspuren auf den Wangen und heller, glasiger Wut in den Augen. »Tyler«, sagte sie, »du musst dem ein Ende machen!«
»Ich tue, was ich kann. Aber er spricht nicht auf Opiate an. Vielleicht sollten wir lieber morgen darüber sprechen.«
»Kannst du ihn nicht hören?«
»Natürlich kann ich ihn hören.«
»Und — bedeutet das nichts? Bedeutet dieses Geräusch dir gar nichts? Mein Gott! Es würde ihm besser gehen, wenn er nach Mexiko zu irgendeinem Quacksalber gegangen wäre. Hast du überhaupt irgendeine Vorstellung, was du ihm da injiziert hast, du verdammter Kurpfuscher?«
Das Schlimme war, dass sie nur Fragen wiederholte, die ich mir selbst längst stellte. Nein, ich wusste nicht, was ich ihm da injiziert hatte, nicht in einem auch nur halbwegs wissenschaftlichen Sinne. Ich hatte den Versprechungen des Mannes vom Mars geglaubt, aber mit dieser Rechtfertigung durfte ich bei Carol schwerlich auf Verständnis hoffen. Die Prozedur war schwieriger, schmerzhafter, als ich mir zu erwarten gestattet hatte. Vielleicht funktionierte sie falsch. Vielleicht funktionierte sie überhaupt nicht.
Jason gab einen klagenden Heulton von sich, der in einem Seufzen ausklang. Carol hielt sich die Ohren zu. »Er leidet, du verdammter Quacksalber! Sieh ihn dir an!«
»Carol…«
»Nichts mit Carol, du Schlächter! Ich ruf einen Rettungswagen. Ich ruf die Polizei.«
Ich ging zu ihr und fasste sie an den Schultern. Sie fühlte sich zerbrechlich und doch gefährlich lebendig an, ein in die Ecke getriebenes Tier. »Hören Sie, Carol.«
»Warum? Warum sollte ich dir zuhören?«
»Weil Ihr Sohn sein Leben in meine Hand gegeben hat. Hören Sie zu. Ich brauche jemanden, der mir hilft. Ich muss seit Tagen ohne Schlaf auskommen. Das geht nicht mehr lange, ich brauche jemanden, der eine Weile bei ihm sitzt, jemand, der etwas von Medizin versteht und kompetente Entscheidungen treffen kann.«
»Du hättest eine Krankenschwester mitbringen sollen.«
Hätte ich, aber das war nicht möglich gewesen, und darum ging es jetzt auch nicht. »Ich habe keine Krankenschwester. Sie müssen das für mich tun.«
Sie brauchte eine Weile, bevor sie begriff, was ich gesagt hatte. Dann schnappte sie nach Luft und wich einen Schritt zurück. »Ich?«
»Sie sind immer noch approbiert, soweit ich weiß.«
»Ich habe nicht mehr praktiziert seit — sind es Jahrzehnte? Jahrzehnte…«
»Sie sollen ja keine Operation am offenen Herzen durchführen. Ich möchte nur, dass sie seinen Blutdruck und seine Temperatur im Auge behalten. Könnten Sie das tun?«
Ihre Wut wich. Sie fühlte sich geschmeichelt. Sie hatte Angst. Sie dachte darüber nach. Dann richtete sie einen stählernen Blick auf mich. »Warum sollte ich dir helfen? Warum sollte ich mich zum Komplizen bei dieser, dieser Folter machen?«
Ich war noch dabei, eine Antwort zu formulieren, als eine Stimme hinter mir sagte: »Oh, bitte.«
Jasons Stimme. Ein Merkmal dieser marsianischen Kur war die geistige Klarheit, die kam und ging, wie sie es grad wollte. Ich drehte mich um.
Jason verzog das Gesicht und versuchte, sich aufzusetzen. Ohne Erfolg. Aber seine Augen waren klar. »Also wirklich«, sagte er zu seiner Mutter. »Mach bitte, was Tyler sagt. Er weiß schon, was er tut, und ich weiß es auch.«
Carol starrte ihn an. »Aber ich nicht. Ich habe nicht, ich meine, ich kann nicht…« Dann wandte sie sich ab und ging leicht schwankend, eine Hand gegen die Wand gestützt, aus dem Zimmer.
Ich blieb bei Jason sitzen. Am Morgen kehrte Carol zurück — sie wirkte im doppelten Sinne ernüchtert — und bot an, mich abzulösen. Jason war in einem friedlichen Zustand und brauchte eigentlich keine Pflege, dennoch übertrug ich ihr die Aufsicht und entfernte mich, um ein wenig Schlaf nachzuholen.
Ich schlief zwölf Stunden lang. Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, saß Carol immer noch da, hielt ihrem bewusstlosen Sohn die Hand und strich ihm mit einer Zärtlichkeit über die Stirn, die ich nie zuvor bei ihr gesehen hatte.
Die Erholungsphase begann anderthalb Wochen nach Beginn der Behandlung. Es gab keinen jähen Übergang, keinen magischen Moment. Aber die Phasen der Klarheit wurden länger, und der Blutdruck stabilisierte sich.
Am Abend, als Wun vor den Vereinten Nationen sprechen sollte, stöberte ich einen tragbaren Fernseher auf und stellte ihn neben Jason auf. Carol gesellte sich kurz vor Beginn der Übertragung zu uns.
Wun Ngo Wens Anwesenheit auf der Erde war am letzten Mittwoch offiziell verkündet worden. Sein Porträt beherrschte seit Tagen die Titelseiten, dazu gab es Livebilder, wie er, unter dem schützenden Arm des Präsidenten, über den Rasen des Weißen Hauses schritt. Das Weiße Haus hatte betont, dass Wun gekommen sei, um zu helfen, dass er aber keine Lösung für das Problem des Spins und nicht viel neues Wissen über die Hypothetischen anzubieten habe. Die Reaktion der Öffentlichkeit war entsprechend zurückhaltend gewesen.
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