Die in Begleitung eines Polizisten weggefahren war. Die vielleicht gerade jetzt nach Hause zurückkehrte. Wo der Eindringling unter Umständen auf sie wartete.
Tom verschüttete seinen Kaffee, als er aufsprang.
Archer versuchte ihn zu beruhigen. »Sie tun wahrscheinlich nichts anderes, als sie so lange auszufragen, wie sie bereit ist, stillzusitzen und mitzuspielen. Sicherlich macht sie gerade vor irgendeinem verschlafenen Cop eine Aussage, während wir hier herumdiskutieren. Ihr kann bestimmt nichts passieren.«
Tom hoffte es. Aber wie lange wäre sie bereit, Fragen zu beantworten? Durchaus möglich, dass sie selbst auch einige Fragen auf der Zunge hatte.
Er konnte seine Erinnerung an den Hausflur vor Lawrence Millsteins Wohnungstür nicht verdrängen. All das Blut.
»Fahren Sie mich nach Hause«, bat er Archer. »Wir warten dort auf sie.«
Archer hob die Augenbrauen bei dem Wort »nach Hause«, aber er suchte in der Tasche nach den Autoschlüsseln.
Sie fuhren durch die engen Straßen der Lower East Side. Die Stadt wirkte verlassen, dachte Tom, das Straßenpflaster und die Ladenfronten glänzten vom Regen, und aus den Gullyöffnungen stieg Dampf auf. »Dort ist es«, sagte er, und Archer fuhr vor dem Haus an den Bordstein.
Der Regen trommelte laut auf das Dach des alten Wagens.
Tom streckte die Hand nach dem Türgriff aus. Archer hielt ihn fest.
»Ist er etwa in der Nähe?«, fragte Tom.
»Ich glaube nicht. Aber er kann hinter der nächsten Ecke lauern, einen halben Block entfernt. Hören Sie, was geschieht, wenn sie nicht zu Hause ist?«
»Dann warten wir auf sie.«
»Wie lange?«
Tom zuckte die Achseln.
»Und wenn sie dort ist?«
»Dann nehmen wir sie mit.«
»Was? Zurück nach Belltower?«
»Dort ist sie in Sicherheit… jedenfalls sicherer als hier.«
»Tom, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.«
Er öffnete die Tür. »Ich habe keine bessere.«
Er drückte auf den Klingelknopf.
Niemand öffnete. Dann stieg er die Treppe hinauf — diese alten schmutzigen Stufen, die unter seinen Füßen protestierten.
Es musste gegen vier Uhr morgens sein, schätzte Tom. Das Licht der Glühbirne über dem Absatz war fahl und unangenehm.
Er öffnete die Tür und wusste sofort, dass die Wohnung leer war.
Er knipste die Beleuchtung an. Joyce war nicht zu Hause, und er vermutete — hoffte inständig —, dass sie auch noch nicht dagewesen war. Nichts hatte sich seit dem Morgen verändert. Zwei Kaffeetassen standen auf dem Küchentisch mit eingetrockneten braunen Resten. Er ging ins Schlafzimmer. Das Bett war noch nicht gemacht. Der Regen trommelte gegen das Fenster, ein einsames Geräusch.
Die Zeitung vom Vortag lag aufgeschlagen auf der Armlehne des Sofas, und Tom betrachtete sie mit einem Anflug von Sehnsucht. Wenn er nur einen Tag zurückgehen könnte, dann könnte er alles ändern, Joyce in Sicherheit bringen, vielleicht sogar Lawrence Millstein das Leben retten — er wüsste ja, was passieren würde.
Aber der Gedanke war absurd. Hatte er das nicht längst bewiesen? Mein Gott, da stand er, im Besitz von fast dreißig Jahren Vorausschau, und er konnte noch nicht einmal sich selbst helfen. Es war alles ein Traum gewesen. Ein Traum von etwas, das »die Vergangenheit« genannt wird, eine Fiktion, sie existierte nicht. Nichts war vorhersagbar, nichts lief zweimal auf die gleiche Weise ab, jegliche Sicherheit löste sich bei näherem Hinsehen auf.
Die Geschichte war ein Ort, an dem Dramen auf einer Geisterbühne aufgeführt wurden, so wie Joyces alter Freund sich den D-Day vorgestellt hatte. Aber das stimmte nicht, dachte Tom. Dies war Geschichte: eine Adresse, eine Wohnung, eine Stadt, in der Menschen wohnten. Geschichte war dieses Zimmer. Nicht sinnbildlich, kaum etwas Besonderes, nur dieser leere Raum, den er zu lieben gelernt hatte.
Er dachte an Barbara, die sich niemals mit der Vergangenheit beschäftigt hatte, sondern nur an die Zukunft dachte… an die Zukunft, in der es keine Sicherheiten gab, sondern nur Möglichkeiten.
Es war überall das Gleiche, dachte Tom. Ob 1962 oder 1862 oder 2062. Jeder Flecken der Welt war übersät mit Gebeinen und Hoffnungen.
Er war unbeschreiblich müde.
Er trat hinaus auf den Flur und sperrte das Apartment ab, in dem sein Glück zu Hause gewesen war, das aber nun leer war. Es wäre besser, wenn er mit Doug im Wagen wartete.
Er verließ das Haus, als ein Taxi am Bordstein anhielt.
Er beobachtete, wie Joyce den Chauffeur bezahlte und in den Regen hinaustrat.
Ihre Kleider waren sofort durchnässt, und das Haar klebte an ihrer Stirn. Ihre Augen waren hinter den vom Regen beschlagenen Brillengläsern nicht zu erkennen.
Es hatte auch geregnet, als sie sich kennenlernten, erinnerte sich Tom, vor zwei Monaten im Park. Sie hatte damals etwas anders ausgesehen. Weniger müde. Weniger verängstigt.
Sie musterte ihn wachsam, dann überquerte sie die Straße. Er legte eine Hand auf ihre nasse Schulter.
Sie zögerte, dann warf sie sich in seine Arme. »Er war tot, Tom«, murmelte sie. »Er lag einfach da und war tot.«
»Ich weiß.«
»Oh Gott. Ich muss schlafen. Ich muss unendlich lange schlafen, nur noch schlafen.«
Sie ging in die Halle. Er hielt sie mit der Hand zurück. »Joyce, das darfst du nicht. Dort drin ist es nicht sicher.«
Sie machte sich von ihm los. Er spürte, wie ihr Körper sich plötzlich spannte, so als wappne sie sich gegen einen neuen Schrecken. »Wovon redest du?«
»Das Ding… der Mann, der Lawrence getötet hat… Ich glaube, er hatte es auf mich abgesehen. Er muss diese Adresse mittlerweile kennen.«
»Ich verstehe das nicht.« Sie ballte die Fäuste. »Was redest du da? Du weißt, wer Lawrence getötet hat?«
»Joyce, das alles zu erklären, würde zu weit führen.«
»Er wurde nicht erstochen, Tom. Er wurde auch nicht erschossen. Er wurde regelrecht verbrannt. Es ist nicht zu beschreiben. Ein riesiges Brandloch klaffte in seinem Körper. Weißt du das auch?«
»Wir können in Ruhe reden, wenn wir einen sicheren Ort gefunden haben.«
»Ist das Ganze noch immer nicht zu Ende? Oh Scheiße, Tom. Ich habe heute Nacht zu viel Hässliches gesehen. Erzähl mir jetzt keinen Scheiß mehr. Du musst ja nicht mit hineingehen, wenn du nicht willst. Aber ich muss schlafen.«
»Hör doch, hör mir zu. Wenn du die Nacht in dieser Wohnung verbringst, könnte es dir so ergehen wie Lawrence. Ich will nicht, dass es so kommt, aber das ist die Realität.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ich liebe dich! Ich weiß nicht mal, was du bist!«
»Komm, ich bring dich irgendwohin.«
»Was meinst du mit irgendwohin?«
»Weit weg von hier. Draußen wartet ein Wagen, und darin sitzt ein Freund. Bitte, Joyce.«
Archer schob den Kopf aus dem Seitenfenster des Ford und rief etwas gegen das Rauschen des Regens — die Worte waren nicht zu verstehen —, dann zog er den Kopf zurück und ließ den Motor aufheulen.
Tom fühlte, wie sein Herz heftig klopfte. Er zog Joyce hinter sich her zum Wagen.
Sie sträubte sich und hätte kehrtgemacht, doch ein qualmender Spalt klaffte plötzlich neben ihrer Hand im Beton. Tom starrte ein paar Sekunden lang verständnislos auf die verkohlte Mauer, ehe ihm die Bedeutung dieser Erscheinung klar wurde. Irgendeine Waffe hatte das bewirkt — eine Art Strahlenpistole. Das war zwar absurd, aber durchaus beängstigend. Archer lehnte sich über die Rückenlehne des Beifahrersitzes und stieß die hintere Tür des Wagens auf. Tom schob Joyce darauf zu. Diesmal sträubte sie sich nicht, jedoch war sie zu schockiert, um ihre Beine unter Kontrolle zu bekommen. Sie taumelte in den Wagen, und Tom folgte ihr. Diese Aktion schien eine Ewigkeit zu dauern, und der Regen trommelte auf das Wagendach wie Maschinengewehrfeuer.
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