Er betrachtete Ben etwas eingehender. Ein Sonnenstrahl war durch das große Fenster auf den Zeitreisenden gefallen, und Tom glaubte für einen kurzen Moment, die Konturen des Schädels unter der Haut sehen zu können. Eine optische Täuschung, hoffte er. »Ich glaube, ich nehme doch ein Bier. Wollen Sie auch eines?«
»Nein danke«, sagte Ben.
Tom holte das Bier aus dem Kühlschrank und riss den Verschluss auf. Willkommen in der Zukunft, weg mit dem altmodischen Flaschenöffner.
Ein Herdrost fiel hinter ihm klappernd auf den Fußboden, und eine Brigade Maschinenkäfer begann, ihn zur Kellertreppe zu schaffen.
Das Leben ist schon seltsam, dachte Tom.
»Sie brauchen das Metall«, erklärte Ben. »Um mehr von ihresgleichen herzustellen. Es ist zwar nicht sehr gut für die Haushaltsgeräte, aber wir befinden uns im Augenblick in einer ernsten Notlage.«
»Das können sie? Sich reproduzieren?«
»Wenn ausreichend Rohmaterial vorhanden ist, ganz gewiss.«
»Sie kommen eben aus der Zukunft«, sagte Tom.
»Sie sind tatsächlich meiner eigenen Zeit ein wenig voraus. Ich fand sie zuerst etwas abstoßend, als ich mit diesem Grundprinzip vertraut gemacht wurde. Aber sie sind äußerst nützlich, und man kann sie leicht verbergen.«
»Können sie den Tunnel reparieren?«
»Genau das tun sie gerade… neben anderen Dingen.«
»Aber Sie sprachen von einer ›ernsten Notlage‹. Demnach ist noch nichts repariert, und dieser sogenannte Eindringling…«
»Könnte sich entschließen, Ihnen hierher zu folgen. Genau dagegen schützen wir uns, ja.«
»Aber er hat es noch nicht versucht. Vielleicht tut er es auch nicht.«
»Schon möglich, ich hoffe es. Wir müssen trotzdem Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.«
Tom nickte. Das war vernünftig. »Wie gut sind wir geschützt?«
Ben schien über die Frage nachzudenken. »Es gibt keinen Zweifel, dass wir ihn aufhalten können. Was mir Sorgen macht, ist, dass es vielleicht zu lange dauert.«
»Ich verstehe nicht.«
»Soweit ich es rekonstruieren kann, ist der Mann ein gepanzerter Rekrut, ein Deserteur aus den Territorialkriegen gegen Ende des nächsten Jahrhunderts. In gewissem Sinn ist er eigentlich nicht unser Feind; der Feind ist seine Rüstung.«
»Ich hab ihn in New York gesehen«, sagte Tom. »Er schien nicht besonders gepanzert gewesen zu sein.«
»Es ist eine Art kybernetische Rüstung, Tom. Dünn, flexibel, sehr raffiniert, sehr wirkungsvoll. Sie schützt ihn vor den meisten konventionellen Waffen und interagiert mit seinem Körper, um seine Reflexe zu verbessern und seine Aggression zu konzentrieren. Wenn er die Rüstung trägt, dann ist das Töten ein fast sexueller Drang. Er will und er kann nicht anders.«
»Widerlich.«
»Noch viel schlimmer als widerlich. Aber seine Stärke ist zugleich auch seine Schwäche. Ohne seine Rüstung ist er mehr oder weniger hilflos. Er hat dann vielleicht noch nicht einmal die Absicht, uns zu schaden. Die Tatsache, dass er den Tunnel zur Flucht benutzt hat, deutet an, dass seine Loyalität nicht so unerschütterlich ist, wie seine Armeeärzte es gerne gehabt hätten. Wenn wir die Rüstung ausschalten können, neutralisieren wir die Bedrohung.«
»Gut«, sagte Tom. Er nahm einen Schluck Bier. »Können wir das?«
»Ja, wir können, und zwar auf zwei Arten. Erstens, wir haben angefangen, spezialisierte kybernetische Helfer zu bauen — winzig kleine, nicht größer als ein Virus. Sie können in seinen Blutkreislauf eindringen und die Rüstung angreifen… sie von innen beschädigen und vom Körper trennen.«
»Warum haben sie das nicht schon längst getan?«
»Dies sind nicht die Einheiten, denen er ausgesetzt war. Sie wurden ausdrücklich für diesen Zweck gebaut. Er hatte den Vorteil der Überraschung auf seiner Seite, und den hat er nun nicht mehr.«
»Wenn er also hier auftaucht«, schlussfolgerte Tom, »wenn er die Luft einatmet…«
»Beginnen die kleinen Maschinen sofort mit ihrer Arbeit. Aber er kippt nicht einfach um und stirbt. Er wird für einige Zeit weiterfunktionieren oder wenigstens zum Teil funktionsfähig bleiben.«
»Wie lange?«
»Das lässt sich unglücklicherweise nicht berechnen. Zehn Minuten? Eine halbe Stunde? Jedenfalls lange genug, um großen Schaden anzurichten.«
Tom ließ sich das durch den Kopf gehen. »Demnach sollten wir die Maschinenkäfer zurücklassen und von hier verschwinden. Wenn er auftaucht, sollen sie sich mit ihm befassen.«
»Das können Sie gerne tun, Tom, wenn Sie wollen. Ich kann es nicht. Ich habe eine Verpflichtung, das Anwesen zu schützen und die Reparaturarbeiten zu leiten. Außerdem haben wir Waffen, die den Eindringling aufhalten können, während die kybernetischen Helfer ihn bearbeiten. Es kommt darauf an, ihn auf diesem Gelände festzuhalten. Die kybernetischen Helfer, die er einatmet, sind nicht vollkommen autonom. Sie brauchen Anweisungen von außen, und wenn er sich über einen bestimmten Radius hinaus entfernt, dann verlieren sie die Fähigkeit zur Kommunikation und schaffen es vielleicht nicht, ihn vollständig zu entwaffnen. Er könnte ein ganz schönes Durcheinander erzeugen, wenn er einfach den Highway hinunterwanderte.«
Zweifellos traf das zu. »Doug und Catherine…«
»Haben freiwillig ihre Hilfe angeboten. Sie sind bewaffnet, und sie wissen, was zu tun ist, wenn der Alarm ertönt.«
Er stellte die grundlegende Frage. »Was ist mit Joyce?«
»Joyce macht einen schwierigen Anpassungsprozess durch. Sie hat sehr viel erlebt. Aber sie hat ihre Hilfe in Aussicht gestellt, sobald sie die Situation verarbeitet hat.«
»Dann kann ich mich ja nicht ausschließen«, sagte Tom.
Er fand Joyce im Garten in einem Liegestuhl, wo sie im Schatten der hohen Kiefern die Zeitung von Seattle las.
Es war recht kühl für August. Eine frische Brise wehte von Westen heran. In der Luft lag der Geruch von Kiefernharz, vom fernen Ozean und, ganz schwach und bitter, der Gestank der Papiermühle. Tom stand für einen Moment still da, nahm dies alles in sich auf und wollte sie nicht stören.
Er war gespannt, wie die Schlagzeilen lauteten. Dies war nicht genau die Gegenwart und auch nicht ganz die Zukunft.
Er war auf einem ziemlich verschlungenen Weg hierhergekommen, auf einer Straße, die zu kompliziert war, um Linearität zu vermitteln. Vielleicht wurde gerade ein neues Land okkupiert, oder irgendein Öltanker war auseinandergebrochen.
Sie sah von der Titelseite hoch und bemerkte, dass er sie beobachtete. Er ging über den Rasen auf sie zu.
Sie war ein Anachronismus mit ihrer bunten Brille und dem glatten Haar, und sie war schön im Schatten dieser hohen Bäume.
Ehe er einen Satz formulieren konnte, sagte sie: »Es tut mir leid, wie ich mich benommen habe. Ich war müde, und ich war verzweifelt wegen Lawrence, und ich wusste nicht, inwieweit du in die Sache verwickelt warst. Ben hat mir alles erklärt. Und vielen Dank, dass du mich hierher mitgenommen hast.«
»Leider nicht so weit außer Gefahr, wie ich es gehofft hatte.«
»Aber weit genug. Ich mache mir keine Sorgen. Wie geht es deiner Schulter?«
»Eigentlich ganz gut. Sind die Nachrichten interessant?«
»Ich rede mir ein, dass dies alles real ist. Ich habe auch ein wenig ferngesehen. Diesen Nachrichtensender über Satellit, wie heißt er noch? CNN.« Sie faltete die Zeitung zusammen und stand auf. »Tom, können wir irgendwohin gehen? Der Wald ist so schön. Doug sagte, es gebe dort viele Wege.«
»Ist es klug, das Haus zu verlassen?«
»Ben sagte, es wäre in Ordnung.«
»Ich kenne ein schönes Plätzchen«, sagte Tom.
Er ging mit ihr den Weg, den Doug Archer ihm vor einigen Monaten gezeigt hatte, vorbei an dem mit Moos bewachsenen Holzschuppen. Dessen Tür stand offen, und eine regelrechte Mückenwolke tanzte im Innern. Dann den Berghang hinauf bis in die offenen, felsigen Bastionen, wo das Land steil zum Meer abfiel.
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