Sehr merkwürdig, höher und höher zu schweben und dabei scheinbar wie in einem gewaltigen Treppenhaus abwärts zu steigen.
Nun, das war getan. Hier war sie. Kein Enkidu, kein Gilgamesch — nur Horden von häßlichen kleinen Später Toten, die wie besessen durch die überfüllte Straße drängten. Und die Luft war kalt, und es blies ein schneidender Wind. Es war hier sogar noch windiger als in Troja, und außerdem stank die Luft, war schwerbeladen von Staub und Rauch, so daß sie fürchtete, es würde ihr die Haut wundscheuern, wenn sie noch länger in dieser Luft verweilte. Die hohen Häuser waren allerdings wirklich beeindruckend, mächtige schimmernde Türme, die aussahen, als wohnten dort Götter. Aber sie fand den Ort erregend, sein Tempo, den harten heftigen Pulsschlag. Sie wußte, sie würde hier zurechtkommen.
Doch zunächst mußte sie irgendwie Enkidu finden…
Das Haus gleich vor ihr schien eine Art Regierungsgebäude zu sein, oder vielleicht ein sakraler Ort. Es erhob sich als breiter niedriger Bau aus grauem Stein an der Kreuzung zweier großer Durchgangsstraßen auf einem hohen platzähnlichen Postament mit breiten Stufen. Auf der Treppe saßen, trotz der Kälte, Menschen und lasen oder redeten, oder sie begafften einfach nur die anderen, die drunten auf der Straße vorübergingen. An den Flanken der erhöhten Plaza sah sie die steinernen Bilder zweier Idole, Löwengottheiten, die auf eigenen niedrigen Piedestalen ruhten.
Dort drin fand sie vielleicht zuständige Ortsbeamte, konnte ihre Bedrängnis erklären, sich eine Unterkunft besorgen lassen…
Von den Stufen her rief sie jemand an.
»He, Baby! Meinste nicht, du brauchst ‘nen Mantel bei dem Wetter?«
Sie streifte den Mann mit einem raschen Blick. Schlecht gekleidet, noch jung, strähnige gelbe Haare, blasse blaue Augen, traurig hängender Schnurrbart. Ein Niemand. Doch er wirkte wenigstens freundlich.
Sie sagte: »Könntest du mir sagen — wie heißt dieses Gebäude hier?«
»Du machst wohl Witze! Du kennst die Bibliothek an der Zweiundvierzigsten nicht?« Er stand auf und kam langsam auf sie zu. »Von welchem Planeten kommst denn du?«
Helena lächelte. »Ich bin gerade erst angekommen — hier in dieser Stadt…«
»Na, dann laß dir mal von dem ollen Georgie weiterhelfen.« Der junge Mann starrte sie lüstern an. Die Augen waren eisig und blitzten. Er pfiff leise durch die Zähne und murmelte: »He, du bist ‘ne richtige Superbiene. Mann. Du solltest beim Film sein, weißt du? Wie heißt’n du?«
»Helena, ich…«
»Helena. Fein. Komm doch her, ja? Ich will dir bloß meine Jacke leihen, okay? Komm schon, wir gehen wohin, wo’s warm ist und wo wir uns ein bißchen näher kennenlernen können.«
Er umfaßte ihre Hüfte. Niemand ringsum schien ihnen die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.
»Laß mich in Ruhe!« sagte sie mit jener Stimme, die sie benutzt hatte, als sie noch Königin in Sparta war.
Der Mann starrte sie an. »Ah! Feuer, was? Das mag ich. Komm schon, Komm mit!«
»Bleib mir vom Leib!«
Er umfaßte sie, zog sie an sich, sein Arm glitt um ihre Schultern und dann zu ihrer Brust. In der anderen Hand hielt er ein Messer, dessen Spitze kaum sichtbar war. Die Menschen, die auf den Stufen saßen, wandten einfach nur die Köpfe weg. Das konnte sie nicht verstehen, daß es sie so gleichgültig ließ, was ihr geschah.
»Laß — mich — los!«
»Ah, Baby. Baby, Baby, Baby!«
Nach einiger Zeit wurde Gilgamesch es leid, sich von den Massen anrempeln zu lassen, während er da so vor dem metallverkleideten Gebäude stand, und er setzte sich in Bewegung. Vor sich hatte er sichtbar die Sonne, eine bleiche Sonne tief über dem Horizont in der Schneise, welche die Straße durch die Häuser schnitt. Dies und die eisige Luft verrieten ihm, daß es Spätherbst sein müsse oder Winter, und so bewegte er sich also gewißlich in südlicher Richtung, doch davon abgesehen wußte er nicht, wohin er ging, noch weshalb.
So voll die Straße war, die Leute wichen ihm aus, sobald er sich ihnen näherte. Vielleicht weil ich so groß bin, dachte er. Oder vielleicht weil ich für sie ebenso fremdartig und beunruhigend wirke wie sie in ihrer andersartigen wilden Hektik auf ihn.
Nach einer Weile wurde ihm bewußt, daß er Hunger hatte. Auf den Straßen standen immer wieder Metallwägeichen, und er blieb bei einem stehen und zeigte auf einen Behälter aus Metall, in dem über einem Rost Würste dampften.
»Eine davon«, sagte er.
»Mit Senf und Sauerkraut?«
»Ich verstehe nicht?«
»Welche Sprache soll ich denn reden? Senf, Sauerkraut, Zwiebeln, sag mir einfach was du haben willst, okay?«
»Gib es mir einfach«, bat Gilgamesch.
»Aber klar, mein Freund. Was du willst.« Der Verkäufer steckte die Wurst in ein zusammengeklapptes längliches Brot und reichte dies dem Sumerer, der sofort zu essen begann. Nach vier Bissen war er damit fertig.
»Noch eins«, sagte er.
»Das macht einsfünfundneunzig«, sagte der Mann.
»Ja. Noch eins«, sagte Gilgamesch.
Der Verkäufer sah ihn starr an. »Hörst du nicht? Einsfünfundneunzig!«
»Das verstehe ich nicht. Aber ich bin sehr hungrig.«
»Ist mir klar, Freundchen. Aber erst mal zahlst du für die eine.«
»Bezahlen — dich?«
»Mich bezahlen, genau. Du verstehen? Du schpiekie die Ihnglisch recht gut.« Und er streckte ihm die Hand hin. »Rück schon rüber damit, du Schwanz! Eins-fünf-undneunzig, und hör auf, so rumzufurzen, oder ich rufe ‘nen Bullen!«
Und nun begann Gilgamesch zu begreifen.
»Ach? Du willst Bezahlung? Aber ich habe kein Geld!«
»Jesus-Hilfmir-Christus! Was bist’n du für einer? Aus dem Zirkus davongelaufen? He, Polizei! Der Kerl da will nicht für seinen Hotdog bezahlen!«
Es war nicht zu verkennen, hier drohte Ärger. Gilgamesch sah einen Mann mit einem spitzen Kopfhut, in einem grob wirkenden dunkelblauen Bekleidungsstück, das anders aussah als alle die Kleider, die sonst jemand in der Nähe trug, von weiter oben in der Straße zu ihnen hersehen. Höchstwahrscheinlich so eine Art Straßenwärter. Er begann sich mit ruhigen gleichmäßigen Schritten zu entfernen, ohne sich noch einmal umzuwenden.
Der Wursthändler aber schrie weiter laut, und der Wachmann rief ebenfalls etwas. Manche der Menschen starrten her. Nach zwanzig Schritten warf Gilgamesch über die Schulter einen Blick über die dichten Menschenmassen hinter sich und sah, daß der blaugekleidete Mann hinten irgendwie eine winkende heftige Handbewegung machte, dann die Faust wider ihn hob und schüttelte, und sich mit einem Achselzucken abwandte. Dann hörte er das wütende Schreien des Wurstverkäufers noch eine Weile, dann nicht mehr.
Wahrscheinlich war es eine zu große Mühe für den Mann, ihn in der Menschenmenge wegen der Summe für ein Würstchen zu verfolgen. Aber während Gilgamesch rasch weiter die Straße hinunterschritt, begriff er, daß er vorsichtig sein mußte. Selbstverständlich mußten die Menschen hier Geld für Nahrung fordern. Aber in seinem Beutel befand sich nichts, was aussah, als wäre es ein ortsübliches Zahlungsmittel. Anscheinend hatte ihn der Behaarte Mann hierher geschickt, ohne ihn ausreichend vorzubereiten, wie man sich in dieser anderen Welt zu verhalten hatte, und ihn so gezwungen, auf alle Reste von persönlichem Einfallsreichtum zurückzugreifen, über die er verfügte.
Er überlegte sich, ob er eine Chance hatte, mit diesem verwirrenden, komplizierten Ort zurechtzukommen. Er hatte zu lange abgesondert gelebt, war seinen einsamen Pfad durch die Wildnis gezogen, und als er sich wieder zwischen die anderen Menschen, die Männer und Weiber, begeben hatte, war er König gewesen. Von einem König wurde nicht verlangt, daß er die Kunst beherrschte, wie man auf der Straße Würstchen kauft. Sein Enkidu, ungeschliffen, direkt und ungehemmt, wie er war, Enkidu war wahrscheinlich weit besser darauf vorbereitet, sich hier zurechtzufinden, als er.
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