Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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«Du traust dich ja einiges», sagte er. Und nach langer Pause: «Da haben wir wohl jemanden unterschätzt.»

Sein Französisch hatte einen unbestimmbaren Akzent.

«Zwei kleine Würstchen. Waren das meine Worte, oder waren das nicht meine Worte? Zwei kleine Würstchen! Da können wir doch froh sein und den Barmherzigen loben: dass wir diese Würstchen haben. Und jetzt das

Der Weißhaarige beugte sich zu ihm und klopfte ihm mit dem Federballschläger auf den Kopfverband. Es gab ein unangenehmes Geräusch in der Wunde.

«Ich will dir mal eine Frage stellen. Oder fangen wir doch von vorne an. Duzen wir uns eigentlich? Oder sind wir noch beim Sie? Hilf mir auf die Sprünge, kleiner Mann. Macht es dir was aus, wenn ich du zu dir sage? Gut. Hast du irgendeine Vorstellung davon, worum es hier geht?»

Der Weißhaarige betrachtete ihn eine Weile, zupfte zwei Grashalme und ein Bröckchen Erde aus den Saiten des Federballschlägers und hielt das Sportgerät dann nach hinten von sich weg. Sofort sprang Julius auf und nahm es ihm aus der Hand.

«Weißt du, worum es hier geht?»

Die schwierige Entscheidung zwischen einem wissend verlegenen und einem unwissend verlegenen Gesichtsausdruck.

Zehn Sekunden.

«Nein, du weißt überhaupt nicht, worum es geht!», brüllte der Weißhaarige. Er beugte sich vor, holte eine anthrazitfarbene Pappschachtel aus einer Schreibtischschublade und warf sie über den Tisch. Halb so groß wie eine Zigarettenschachtel, ein goldgeprägter Aufdruck irgendeines Juweliers. Sie landete in seinem Schoß. Zögerlich öffnete er sie. Ein kurzes Goldkettchen lag darin und ein Anhänger, der im ersten Moment wie eine abgeschnittene Fingerkuppe aussah. Die Größe einer Fingerkuppe, die Farbe einer Fingerkuppe. Aber es war nur ein abgegriffenes, wachsfarbenes Stück Holz, zwei blutrote Punkte obenauf. Auf der Rückseite, durch langen Gebrauch fast abgeschliffen, war das geschnitzte Gesichtchen eines Teufels zu erkennen. Die roten Punkte die Hörner. Ratlos drehte er das Amulett zwischen den Fingern.

«Jetzt bist du schockiert», sagte der Weißhaarige und lehnte sich zufrieden blickend zurück. «Aber das sollte man sich vorher überlegen: Wer Rom angreift, muss Rom kennen. Hast du gedient?»

Julius richtete spielerisch die Waffe auf ihn. Er bemühte sich, den passenden Gesichtsausdruck für die Gefühle zu finden, die man ihm unterstellte.

Mit einer plötzlichen Bewegung fuhr der Weißhaarige über den Tisch, riss ihm das Amulett aus den Fingern und warf es ihm sofort wieder hin. «Ist das Voodoo, oder was soll das sein? Ein Schutz? Vor Leuten wie uns vielleicht? Am Arsch. Auch wenn du versuchst, nicht mit der Wimper zu zucken. Du bist ein schlechter Schauspieler.»

Der Weißhaarige senkte den Kopf, um ihm von unten ins Gesicht zu schauen.

«Sieht aus wie ein Fingerchen», fuhr er fort. «Wie ein richtiges Fingerchen. Und wäre auch um ein Haar ein Fingerchen gewesen. Ist aber keins. Und wem hast du das zu verdanken, dass es keins ist?»

Julius errötete.

«Herz aus Gold!», rief der Weißhaarige sarkastisch. «Herz aus Gold! Julius hat fünf Kinder. Wenn du fünf Kinder hast, wirst du weich in der Birne. Automatisch. Und er hat mir zweimal das Leben gerettet. Das kannst du nicht wissen. Weich in der Birne, aber zweimal das Leben. Das ist seine Altersversicherung. Loyalität, right or wrong, my country. Wenn es eine Eigenschaft gibt, die ich am Menschen über alles schätze: Loyalität. Die Eigenschaft, die dir leider abgeht. Und willst du wissen, was dabei rauskommt? Ich sag dir, was dabei rauskommt: Ich sitz da mit dem kleinen Scheißerchen auf den Knien, und ich sage, der übliche Preis, nehmen wir hier den linken Zeigefinger oder den rechten? Und Julius sagt: Aua. Und dann kommt auch noch die Mutter. Himmel! Und was sagt die Mutter? Na los, musst du doch wissen: Was sagt die Mutter? Deine Frau. Du sprichst doch mit deiner Frau, du bist doch eher so der sensible Typ. Also, was sagt die fette Kuh?»

Schweigen.

«Ich hoffe, du verzeihst den Ausdruck fette Kuh. Ich will hier niemandem zu nahe treten, vielleicht hat sie andere Qualitäten. Die fette Kuh. Wobei, ficken tut sie auch nicht gut.»

Ohne den Blick abzuwenden, drehte der Weißhaarige den Kopf Richtung Julius. «Oder, Julius, fickt die gut? Fickt eher so mittel, oder was war dein Eindruck? Ja, ist halt nicht richtig in Schuss. Ihr Stecher hat ja Besseres zu tun. Zum Beispiel aus sehr großer Höhe auf das Wort Loyalität hinunterzupinkeln. Und jetzt Preisfrage: Was sagt die fette Kuh zum Thema Finger? Klavierspieler! Er will Klavierspieler werden. Ist sie praktisch schon kurz vorm Höhepunkt, sagt sie: Er will Klavierspieler werden. Stell dir das mal vor. Drei Jahre alt, schon Klavierspieler. Unglaublich, oder? Drei Jahre und Beethoven. Kein Problem, sag ich, na, hoffentlich will er nicht auch Johan Cruyff werden, Beethoven und Cruyff, das ist doch mal eine seltene Kombination. Ich also ein Zehchen gegriffen, und was sagt die Kuh jetzt?»

Der Weißhaarige wartete die Wirkung seiner Worte ab. Er konnte ja nicht wissen, dass sie keine Wirkung hatten. Jedenfalls nicht die, die sie auf einen Menschen mit Erinnerungsvermögen gehabt hätten.

«Na los, du kennst sie doch, was sagt die fette Kuh?»

Mit gesenktem Blick hörte er dem Sermon des Weißhaarigen zu und versuchte, etwas anderes als Gleichgültigkeit zu empfinden. Er hatte eine Familie? Er hatte Frau und Kind? Sie wurden bedroht? Es gelang ihm nicht, Gefühle aufzubringen für Personen, an die er sich nicht erinnern konnte. Er versuchte, sich vorzustellen, wie er demnächst sein Gedächtnis wiedererlangen und große Schmerzen beim Gedanken an körperliche Misshandlungen seiner Liebsten leiden würde, aber die Überlegung blieb abstrakt, wie ein Zahnarztbesuch in zwei Monaten.

Außerdem hallten in seinem Innern die Worte «fette Kuh» und «Scheißerchen» nach, und er musste an Helen denken. Die schlanke, platinblonde Helen. Das Einzige, was das Gerede des Weißhaarigen in ihm auslöste, war Ekel. Und Angst um seine eigene Person. Hier heil rauskommen. Einige Minuten zuvor war er noch bereit gewesen zu sagen, was er wusste: dass er nichts wusste. Die traurigen Spekulationen über abgeschnittene Körperteile machten ihm klar, mit was für einem Gegenüber er es hier zu tun hatte. Er versuchte, ruhig zu bleiben.

«Heul jetzt nicht. Wer groß einen aufspielen will, muss sein Hinterland absichern. Und besser als Hinterland absichern ist immer noch: kein Hinterland haben. Schau mich an. Da kannst du Gandhi nehmen, da kannst du Hitler nehmen, alle kannst du nehmen. Jesus. Nein, mein Lieber. Frau und Kind: schlimmstes Hinterland überhaupt. Da kann jeder einmarschieren. Da bist du weich wie Käse. Guck dir Julius an: früher der Beste von allen, jetzt ein sentimentales Wrack. Sag ich zu ihm, Julius, sag ich, was denkst du, was sollen wir machen? Und Julius reißt dem kleinen Scheißerchen das Amulett vom Hals und sagt: Wie isses, Cheffe? Reicht das nicht auch? Köstlich. Und das ist jetzt die Situation. Die Kuh mit dem Kleinen ist einkassiert. Nur falls du dich schon gewundert haben solltest. Oder warst du in den letzten Tagen gar nicht zu Hause?» Der Weißhaarige nahm das Amulett, führte mit dem Teufelchen eine kleine Tanzeinlage über der Schreibtischkante auf und sagte mit verstellter Stimme: «Hat er gedacht, er kann sich vor uns verstecken. Hat er gedacht.» Und wieder mit normaler Stimme: «Und jetzt muss ich dir leider die Frage stellen, die Julius auch schon gestellt hat: Reicht das?» Er hielt das Teufelchen hoch. «Oder müssen wir Kuh und Kalb scheibchenweise nachliefern?»

Das Amulett verschwand wieder in der Schachtel und die Schachtel in der Schreibtischschublade.

«Du weißt, was jetzt kommt?»

Er dachte eine Weile nach, biss sich auf die Lippen und sagte: «Tauschgeschäft.»

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