«Tauschgeschäft», sagte der Weißhaarige mit einem zwischen freudestrahlend und fassungslos hin und her wechselnden Gesichtsausdruck. «Tauschgeschäft!» Der Weißhaarige blickte Julius an, dann erhob er sich und streckte freundlich die Hand über den Schreibtisch aus.
Er wollte einschlagen, und der Weißhaarige riss ihn am Arm vornüber, griff mit der Linken einen metallenen Brieföffner und rammte ihn mit einer zügigen Bewegung durch seine Hand in den Schreibtisch. Dann ließ er sich auf den Stuhl zurücksinken und machte mit einer wedelnden Geste klar, dass er auf keinen Fall versuchen solle, sich den Brieföffner selbst aus dem Fleisch zu ziehen. Julius hielt die Waffe auf ihn gerichtet.
«Na, na, na!»
Die Hand war so weit auf der anderen Seite des Schreibtischs festgenagelt, dass er weder sitzen noch stehen konnte. In einer merkwürdigen Hockstellung, die ihn aussehen ließ wie jemanden, der versucht, im Freien seine Notdurft zu verrichten, lag er halb über dem Schreibtisch.
«Was willst du denn tauschen, mein Freund, und wogegen?»
Er japste.
«Du gibst also zu, dass du etwas hast, was du tauschen kannst?»
Er winselte.
«Was mir gehört. Du gibst es also zu?»
Eine Minute verging. Er fürchtete um sein Leben. Am liebsten hätte er alles herausgeschrien, aber ein Rest von Vernunft hielt ihn zurück. Worum auch immer es dem Weißhaarigen ging, er hatte es nicht. Er nahm an und hatte guten Grund zu dieser Annahme, dass es sich um etwas handelte, womit ein Mann namens Cetrois vor wenigen Tagen auf einem Moped in der Wüste verschwunden war. Er hätte diese Vermutung natürlich äußern können, hätte dann aber auch gleich dazusagen können, dass es eine Vermutung war, dass er darüber hinaus nichts wusste und dass er sein Gedächtnis verloren hatte. Mit einiger Logik schloss er, dass er im selben Moment wertlos geworden wäre für sein Gegenüber. Selbst wenn sie ihm glaubten. Gerade dann. Und wenn sie ihm nicht glaubten, was wahrscheinlicher war, würde er sie nur noch wütender machen.
Er konnte die Wahrheit nicht sagen. Er konnte aber auch nicht lügen. Um zu lügen, hätte er wissen müssen, wovon er lügen sollte. Also biss er die Zähne zusammen.
«Das funktioniert so nicht», stöhnte er.
«Ach, das funktioniert so nicht?» Der Weißhaarige griff nach dem Brieföffner wie nach dem Schaltknüppel eines Autos und schaltete einmal die Gänge durch.
«Du denkst vielleicht, es geht hier um deine Familie. Du denkst, es geht um etwas so Läppisches wie dein Leben. Aber darum geht es nicht. Es geht um Gerechtigkeit . Weil, du darfst eins nicht vergessen: Ich hab dafür bezahlt. Und da lass ich mir von einem Amateur wie dir nicht die Tour vermasseln.»
«Ich bring das in Ordnung! Ich bring das in Ordnung!»
«Wie willst du das denn in Ordnung bringen?»
Er heulte. Er sah dem Weißhaarigen von unten ins Gesicht und entschied sich, weiter im Nebel zu stochern.
«Ich weiß, wer!»
«Du weißt, wer ?»
«Ich weiß auch, wo.»
«Wo!», brüllte der Weißhaarige.
«Wenn ich das sage, sieht’s scheiße aus für mich.»
«Es sieht auch so scheiße aus für dich.»
«Ich bring das in Ordnung, ich kann das!», brüllte er. Blut sprudelte dunkel am Metall hoch. «Ihr kennt mich! Und ich kenn euch auch! Ihr habt meine Familie!»
Der Weißhaarige blickte ihn schweigend an.
«Ihr könnt euch auf mich verlassen», wimmerte er. «Meine Frau! Mein geliebter Sohn! O mein Gott, o mein Gott, mein Sohn, mein Söhnchen!» Tränen stürzten aus seinen Augen. Er ließ sich mit dem Gesicht auf die Schreibtischplatte fallen, um es zu verbergen. Er hatte selbst den Eindruck, ein wenig zu übertreiben.
Julius beugte sich vor und flüsterte dem Weißhaarigen etwas ins Ohr. Der Weißhaarige lehnte sich in seinen Sessel zurück. Eine Minute verging. Noch eine Minute.
«Zweiundsiebzig Stunden», sagte der Weißhaarige. «Dann ist das wieder meine Mine. Zweiundsiebzig Stunden. Sonst Fingerchen, Füßchen, Öhrchen.»
Langsam zog er den Brieföffner aus der Hand.
I know a man who once stole a Ferris wheel.
Dashiell Hammett
Es war ein milder Spätnachmittag unter einer hohen Wolkendecke. Die schmerzende Hand an die Brust gepresst, taumelte er aus der Villa. Niemand folgte ihm. Seine Knie wurden weich. Er lehnte sich gegen eine Mauer, über die mächtige Platanen hinauswuchsen. Als er kurz die Augen schloss, hörte er leise Musik.
Die Mauer gehörte zu einem Anwesen, das etwas kleiner und weniger protzig wirkte als das, das er soeben verlassen hatte. Direkt vor ihm auf dem Bürgersteig stand eine Gruppe elegant gekleideter Männer vor einem Art-déco-Portal, in das sonderbare Marmorstatuen eingelassen waren, die Laufende darstellten. Während er sich an den Männern vorbeidrängte, kam ein Polizeiauto den Berg heraufgefahren und hielt direkt neben ihm. Zwei Männer in Zivil entstiegen dem Auto und steuerten auf das Portal zu.
«Karimi ist ein Schwachkopf», hörte er den einen sagen. Er steckte die blutende Hand in die Tasche und ging mit gesenktem Kopf eilig an ihnen vorbei. Auf dem ganzen Weg die Serpentinenstraße zum Sheraton hinunter fragte er sich, was den Weißhaarigen so sicher machte, dass er nicht zur Polizei gehen würde.
Es gab eigentlich nur eine Erklärung: Er war offenbar in schwerste Verbrechen verwickelt, und was er von der Exekutive zu erwarten hatte, musste noch unangenehmer sein als das, was ihm von dem Weißhaarigen drohte. Aber was konnte schlimmer sein als die Bedrohung seines Lebens und des Lebens seiner Familie?
Erst als er schon fast bei den Bungalows angekommen war, fiel ihm noch eine zweite Möglichkeit ein. Was, wenn der Weißhaarige selbst die Polizei war? Ein hochrangiger Vertreter der Staatsmacht? Er wandte sich an ein paar Straßenhändler, zeigte mit dem Arm das Küstengebirge hinauf und fragte, ob sie wüssten, wem die riesige Villa gehöre, die dort weithin sichtbar als prunkvollstes Gebäude am Berg klebe, direkt neben der Villa mit dem merkwürdigen Läuferportal; und erfuhr, der Besitzer sei ein Mann namens Adil Bassir. Ehrfürchtig und mit einer gewissen Zurückhaltung sprachen die Leuten den Namen aus. Deutlich schwieriger als der Name war das Gewerbe des Mannes in Erfahrung zu bringen. Als es endlich jemand nannte, war es auch nicht wirklich ein Gewerbe: König der Schieber.
Jesus sprach: Die Menschen denken wohl, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Welt zu bringen. Und sie wissen nicht, dass ich gekommen bin, um Zerwürfnisse auf die Erde zu bringen, Feuer, Schwert, Krieg. Denn es werden fünf sein in einem Hause: drei werden gegen zwei und zwei gegen drei sein, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater. Und sie werden allein dastehen.
Evangelium nach Thomas
«Der zweiundzwanzigjährige Hauptverdächtige, dessen blutbesudelte Kleidung ihn unwiderruflich in die Nähe des Verbrechens rückte — mein Gott, dessen blutbesudelte Kleidung … ihn unwiderruflich … am Pressewesen müsst ihr wirklich noch arbeiten. Der über und über blutbesudelte Täter jedenfalls sei mit einem gestohlenen Toyota in die Kommune, in die seit Jahren übel beleumundete Kommune ausländischer Gammler … nein, viel steht hier nicht. Erdrückende Indizien, Teilgeständnis … dem die Todestrafe drohte … da schau, er hatte die Waffe bei sich. Eine Mauser, deren Munition genau zu den Löchern passte … zu den Löchern, was ist denn das für ein Ausdruck? Hey, mein Kollege hat Löcher in sich drin! Jedenfalls seien seine Fingerabdrücke auf der Waffe gefunden worden. Ich würde mir da nicht allzu große Sorgen machen an deiner Stelle.» Helen senkte die Zeitung, um den Mann zu betrachten, der in seinem blut- und dreckverkrusteten Anzug auf dem Sofa lag, die Beine hochgelegt, einen frischen Verband um den Kopf, einen sich schon wieder rot färbenden an der rechten Hand, neben sich einen Eisbeutel.
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