Er hatte Angst, sich im Bett herumzudrehen, Angst vor Unerwartetem, und als er sich herumdrehte, sah er eine Küche. Vor der Küchenspüle eine nackte Frau. Sie kochte Kaffee. Das Blubbern ging in ein Zischen über.
Mit einem Gesicht, als starre er in die Sonne, sagte er: «Wir kennen uns von gestern.»
«Richtig», antwortete die nackte Frau. Sie hatte präzise lackierte Fingernägel. Mit Daumen und Zeigefinger schlenkerte sie einen Kaffeefilter ins Spülbecken.
«Du heißt Helen», sagte er unsicher.
«Ja. Und wenn du nicht mehr weißt, wer du bist, mach dir keine Sorgen. Wusstest du gestern auch schon nicht. Milch oder Zucker?»
Aber er wollte weder Milch noch Zucker. Er wollte nicht frühstücken. Sobald er nur daran dachte, wurde ihm übel, und er schloss die Augen. Als er das nächste Mal erwachte, lag das Zimmer im Halbdunkel. Ein Schatten saß auf seiner Bettkante und tupfte ihm mit einem nassen Waschlappen das Gesicht ab. Aus einer Porzellanschüssel dampfte es, auf der Straße verloren sich Stimmen, die Frau schnipste eine Pille in seinen Mund. Sie trug jetzt ein weißes Kleid mit durchbrochenen Ärmeln.
Einmal sah er sie mit einer Badetasche über der Schulter und im Bikini den Bungalow verlassen. Einmal hörte er sie mit der CIA telefonieren. Einmal hatte sie zwei Köpfe. Mit zwei klobigen Styroportabletts kam sie vom Hotel zurück. Beide Tabletts waren mit Alufolie umwickelt, und als sie die Folie abmachte, dampfte das Essen, als komme es gerade aus dem Ofen. Er konnte nichts essen.
«Was hab ich dir erzählt?», fragte er.
«Weißt du das nicht mehr, oder bist du dir nur nicht sicher?»
«Nicht sicher.»
«Du bist auf einem Dachboden in einem Haus in der Wüste aufgewacht. Du hast eine Platzwunde am Kopf, wahrscheinlich hat dir jemand den Schädel eingeschlagen. Du willst weder zur Polizei noch ins Krankenhaus. Ich bin Helen. Ich hab dich mitgenommen. Das hier ist mein Bungalow.»
Er sah die Frau an und stöhnte. Ein Gesicht wie aus amerikanischen Modezeitschriften. Es fiel ihm schwer, ihren Blick auszuhalten. Er zog sich die Bettdecke über den Kopf.
«Warum will ich nicht zur Polizei?», fragte er mit gedämpfter Stimme.
«Du hältst dich für einen Kapitalverbrecher.»
Er hatte es also erzählt.
«Angeblich hast du jemanden mit einem Flaschenzug erschlagen. Was ich bezweifle.»
Er fragte nicht, warum sie das bezweifelte. Er blieb unter der Decke, und die Bilder kamen zurück. Das Tier mit dem blubbernden Strohhalm. Er hörte die Frau telefonieren und von Kosmetikartikeln sprechen. Sie ging einkaufen, brachte ihm Getränke, saß auf dem Bettrand und war wieder verschwunden, eine freundliche Halluzination. Dann lag er in der Dunkelheit und hörte kein Geräusch. Kein Meeresrauschen. Keine Atemzüge. Die Panik kam und ging in Schüben. Er schlief.
Parsons: The art of fighting without fighting? Show me some of it.
Lee: Later.
Enter the Dragon
Als er die Augen aufschlug, dämmerte es. Neben ihm eine zerwühlte Bettdecke, er war allein. Ein Nachttisch voller Gläschen und Fläschchen. Zwei Bilder an der Wand. Sein Körper fühlte sich noch immer schwach an. Er spürte Schweiß auf dem Rücken und auf der Stirn, aber es war eine eher abflutende Wärme, das beruhigend schlappe Gefühl der Rekonvaleszenz. Nur ein leichter Schmerz am Hinterkopf noch. Er versuchte aufzustehen und tappte ein paar Schritte vom Bett weg. Hinter der Küche war noch ein Raum.
«Helen?»
Teller und Besteck lagen auf dem Tisch, die Terrassentür stand offen.
Er trat zögerlich in die Morgenluft hinaus, stützte sich auf die steinerne Brüstung und sah über Himmel und Meer. Kupferfarbene Pinien standen den weiten Hang hinunter. Das Meer lag in leichtem Nebel, und die Dünung schob lange parallele Linien auf den Strand. Rechts führten Steinstufen von der Terrasse auf eine zweite, tiefer gelegene Terrasse, von der aus sich ein ockerbrauner Pfad zum Wasser hinunterschlängelte. Auf dieser zweiten Terrasse stand Helen. Den Blick aufs Meer gerichtet, breitbeinig, die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt, das platinblonde Haar zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Mehrere Sekunden lang verharrte sie still, dann schoben ihre Arme mit langsamen Bewegungen die Luft beiseite. Langsam schwenkte ein Arm nach vorn, langsam beugten sich die Knie, und der Oberkörper machte eine langsame Drehung nach links. Die Hände kreisten, als würden sie durch schweren Honig gezogen. Ein schwebender Schritt zur Seite, die sich seitwärts verschiebende Körperachse, ein Kung-Fu-Film in extremer Zeitlupe.
Er schaute zur Sicherheit zum Himmel, an dem zwei Schwalben in normaler Geschwindigkeit dahinflogen. Es war nicht sein Hirn. Sie bewegte sich wirklich langsam. Etwas entspannter lehnte er sich auf die Brüstung und betrachtete nicht ohne Rührung die unsportliche Gymnastik.
Helen trug weiße Turnschuhe und eine hellblaue Trainingshose. Der Gummizug der Hose schnitt tief in ihr Fleisch und ließ an der Taille einen kleinen Wulst nackter Haut hervortreten. Ein ärmelloses T-Shirt mit einem Rückgrat aus Schweiß klebte auf ihrem Oberkörper. Er spürte ein sonderbares Gefühl für diese Frau in sich aufsteigen, ein, wie er sich sagte, möglicherweise unangebrachtes und irregeleitetes Gefühl. Sie war es gewesen, die ihn gerettet hatte, sie hatte ihm ein Dach über dem Kopf gegeben und ihn gepflegt, sie war sein Rettungsanker in einer hoffnungslos versunkenen Welt. Es war nicht Dankbarkeit. Es war etwas anderes. Es schnürte ihm die Kehle zu.
Als sie eine Weile stillstand, ging er lautlos die Treppe hinunter und umarmte sie von hinten. Die Wärme, die Feuchtigkeit. Er legte seinen Kopf in ihre verschwitzte Nackenbeuge, spürte ihren Puls an seiner Wange und sah zum Horizont.
Sie erstarrte.
«Tut mir leid», sagte er.
«Schon gut», sagte Helen, befreite sich aus seiner Umarmung und stieg die Treppen hinauf.
Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche.
Hiob 2,8
Obgleich er sich noch schwach auf den Beinen fühlte, schloss er sich ihr an, als sie zum Strand ging. Sie hatten gefrühstückt, aber er hatte nicht mehr als einen halben Apfel gegessen.
Die nicht sehr hoch stehende Sonne färbte den Weg zwischen den Bäumen zum Meer hinunter orange. In einer kleineren Gruppe von Europäern saßen barbusige Frauen, und es mochte dem Einfluss der Gruppe, der Autorität der Hotelanlage oder geheimen Sicherheitsdiensten zu verdanken sein, dass höchstens zwei oder drei verirrte Dschellabahs in den Baumkronen hingen. Helen breitete zwei Decken in den Sand. Er fiel auf den Rücken wie ein Käfer, blieb liegen und wehrte die angebotene Sonnenmilch stumm ab. Die Müdigkeit kehrte sofort zurück.
«Und es ist auch nichts wiedergekommen?»
«Nein.»
«Du kannst dich aber erinnern, was für ein Meer das da ist?»
«Ja.»
«Und auch, wie der Ort hier heißt und in welchem Land wir uns befinden?»
«Ja.»
«Dein Englisch ist ganz ordentlich. Französisch kann ich nicht beurteilen. Kannst du Arabisch?»
«Ja.»
«In welcher Sprache denkst du?»
«Französisch.»
«Kannst du schwimmen?»
Während Helen mit schwebenden Schritten über den Strand und ins Wasser ging, schob er die Handtücher unter seinem Kopf zusammen, um ihr im Liegen nachschauen zu können. Die Sonne stand fast genau über ihr. Gleißendes Licht löste ihre Konturen im Gegenlicht auf, ihre Taille schrumpfte auf nichts zusammen.
Er wusste, dass er schwimmen konnte. Aber er wusste nicht, woher er es konnte. Er wusste nicht einmal, woher er es wusste. Er konnte kraulen und brustschwimmen. Die Worte und Bewegungen standen ihm im Geiste sofort zur Verfügung.
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