«Willst du mir nicht mal dein Zimmer zeigen?», fragte Helen. «Falls du ein Zimmer hast. Oder das Haus.»
In jeglicher Form des Angriffs ist eine Annäherung an den Gegner von hinten erforderlich.
Dicta Boelcke
Die Anwesenheit der alten Schulfreundin in den Räumlichkeiten der Kommune zwang Michelle, die bunten Farben, die Sinnsprüche, die Hausaltäre, Blumengestecke und Batikbilder noch einmal mit anderen Augen zu sehen, und ließ, während sie Helen herumführte, eine Fülle längst vergessener Vorstellungen in ihr wiederauferstehen.
Sie entschuldigte sich unaufhörlich für den Schmutz und die Unordnung, verteilte mit flüchtigen Handbewegungen Haufen Räucherstäbchenasche über die Erde und schob mit dem Fuß einen Wust von Zetteln unter ein Bett, auf denen am Vorabend jemand mit vielen Symbolen, Pfeilen und Zickzacklinien die geheime Botschaft des Weißen Albums entschlüsselt hatte. Die Gottheiten nannte sie schöne Schnitzereien, die Karten einen Zeitvertreib und den Bücherstapel mit den Pentagrammen das Überbleibsel eines vor langer Zeit abgewanderten Mitgliedes.
«Ich freue mich so, dass du da bist», sagte sie zum Schluss.
Helen sah Michelle stirnrunzelnd an, und Michelle fing an zu weinen.
Sie hatte sich im Grunde nicht verändert. Etwas leicht Verträumtes, Unklares war ihr immer eigen gewesen, Freundlichkeit und Güte. Aber es waren Wesenszüge, die auf nichts hinausliefen. Michelle traf keine Entscheidungen. Weder ihr Elternhaus noch eine solide Bildung oder die Jahre in der Kommune hatten daran etwas ändern können. Heiter und planlos übernahm sie fremde Ansichten, mischte sie mit Einfalt und Herzensgüte und besaß nun das zweifelhafte Glück, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der dies eher als Reiz denn als Problem empfunden wurde. «Michelle ist etwas Besonderes», lautete das hinter ihrem Rücken am häufigsten gesprochene Verdikt, wenn sie sich für handfeste, diesseitige Interessen wieder einmal als zu ungeschickt oder zu gleichgültig erwiesen hatte.
Spannungen blieben so nicht aus, und Michelle löste das Problem für sich, indem sie in der Kommune mit umso größerer Hingabe den beiden Tätigkeiten nachging, die keine Durchsetzungskraft erforderten und für die sie das größte Talent besaß. Erstens Landwirtschaft: Allein Michelle war es zu verdanken, dass die Felder der Kommune überhaupt noch einen messbaren Ertrag abwarfen. Und zweitens: war etwas komplizierter.
Zweitens nämlich hatte Jean Bekurtz, ein alteingesessener, mittlerweile wieder untergetauchter (oder in der Wüste verschollener) Kommunarde von einer seiner Reisen ein Tarotspiel mitgebracht, den Nachdruck einer oberitalienischen Ausgabe aus dem 16. Jahrhundert, kolorierte Holzstiche, zweiundzwanzig Stück, die großen Arkana. Bekurtz selbst glaubte nicht an das Wirken schicksalhafter Mächte, oder jedenfalls nicht mehr, als ihm zu seiner eigenen Unterhaltung eine Zeitlang angezeigt erschien. Er hatte zwei Bücher zum Thema mitgekauft, fand sie aber anstrengend zu lesen und verlor bald das Interesse. Einzig der Eindruck, den die Holzstiche bei einer Vorführung auf das Neumitglied Michelle machten, gab ihm noch einmal zu denken: Wie Michelle vom ersten Moment an eher abgestoßen als begeistert wirkte, wie sie dennoch nach den Karten griff, wie sie lange überlegte und Fragen zu Positionen stellte, zeigte Bekurtz mehr als deutlich, dass er nicht der richtige Mann für die Chartomantik war. Er brachte ihr bei, was er wusste, und überließ ihr das Handwerkszeug ohne Neid.
Michelle fand die Bücher nicht anstrengend. Sie verschlang sie. Und als sie sie verschlungen hatte, verschlang sie sie noch einmal. Nicht eine Sekunde lang hatte sie den Eindruck, verborgenes Geheimwissen in sich aufzunehmen, unerklärliche, von Adept zu Adept über Jahrhunderte weitergereichte Weisheit, sondern es war im Gegenteil, als sei ihr jedes Wort, jeder Satz bekannt, als habe alles dies in ihrem eigenen Kopf lange vorher existiert, ja fast, als habe sie die Bücher selber geschrieben.
Auch andere Mitglieder der Kommune interessierten sich für das Tarot, aber niemand drang so mühelos und rasch in seine Geheimnisse ein, niemand legte die Karten mit so glücklicher Hand, niemand deutete sie so richtig und tief aus ihrem Innern wie Michelle. Wenn sie das Blatt aufnahm und sorgfältig mischte, wenn sie einen Moment die Augen schloss, bevor sie mit dem Daumen die oberste Karte ein wenig nach vorne schob und den Kartenstapel wie eine Sonde über den feingeknüpften Teppich hielt, wenn ihre Augenlider zu zucken begannen unter der Konzentration auf höheres Wesen und Wirken, musste auch der größte Zweifler verstummen.
Bald kam dieser und jener und fragte um Rat. Allein Fowler meldete Bedenken an diesem Treiben an, aber seine Einwände verdankten sich (relativ durchschaubar für alle) weniger der Kontaktaufnahme zum Übersinnlichen als der Gefährdung seines Machtanspruches.
Es dauerte nicht lange, und Michelle begleitete alle wichtigen Entscheidungen der Kommune mit den Karten. Während ihre Argumente in Diskussionen oft ungehört blieben, wurden ihre Orakel eine Richtschnur des Handelns. Anfangs nur zu wichtigsten, überpersönlichen Dingen befragt, gab es bald nichts mehr, wozu die Karten die Auskunft verweigerten. Alles, was entschieden werden konnte, wurde durch die Karten mitentschieden, und niemand, auch Fowler nicht, konnte behaupten, dass sich auch nur eine dieser Entscheidungen im Nachhinein als Fehler erwiesen hätte. Sie gaben Auskünfte über Kleines und Großes, über Zukunft, Charakter und Entwicklung, über das Wetter und die Fruchtfolge ebenso wie über die Aufnahme neuer Mitglieder, die Farbe, in der ein Zimmer zu streichen sei, oder den Aufenthaltsort eines verlorenen Haustürschlüssels.
Michelles Talent war in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Doch es war mehr als ein Talent, es war auch eine große Last. Schon als das Spiel ihr zum ersten Mal vorgeführt worden war, hatte sich gezeigt, dass manche der Bilder eine solche Suggestion auf sie ausübten, dass Suggestion ein zu kleines Wort war.
Der Mond war ein solches Bild; aber schlimmer als der Mond war der Gehängte. Michelle hatte eine Katzenhaarallergie, und die Symptome, die der Anblick des Gehängten in ihr auslöste — ein gefolterter Knabenkörper, der vor dem Hintergrund einer herbstlichen Landschaft mit Bergen und dem Planeten Neptun mit einem Bein kopfüber an einer Stange hing — , glichen denen der Allergie vollkommen. In der ersten Zeit hatte sie den Gehängten deshalb gern aus dem Stapel genommen und versteckt, doch nachdem Bekurtz sich einmal öffentlich darüber verwundert gezeigt hatte, dass das Deck nur noch aus einundzwanzig Karten bestand, entwickelte Michelle eine Mischtechnik, bei der sie den Gehängten unsichtbar unter den Stapel schob und dafür sorgte, dass er dort auch blieb.
Die Folge dieses Vorgehens, das Michelle selbst als unlauter empfand, waren gewisse Ungenauigkeiten in ihren Deutungen, winzige, sich aufsummierende Fehler, die zu der einen oder anderen Ungereimtheit und eines Tages in die Katastrophe führten. Denn allein mit dieser Mischtechnik war es zu erklären, dass sie die schrecklichen Gefahren, die ihrer Gemeinschaft drohten, die Absichten Amadous, den Überfall, den Raub, den Vierfachmord nicht ganz richtig vorhergeahnt und stattdessen nur undeutlich von großen Umwälzungen gesprochen hatte (die sich in der Kombination der restlichen Karten überdeutlich genug abzeichneten). Seither war Michelle ein Nervenbündel. Von geheimen Schuldgefühlen geplagt, wurde sie dünnhäutig und reizbar.
Was sich lindernd auf ihre Psyche auswirkte, war allein die Tatsache, dass sie mit den vier Toten nicht in engster Verbindung gestanden hatte. Das dämpfte ihren Schmerz ein wenig, wenn auch nur im Geheimen. Denn umgekehrt war es nicht ohne Reiz, untröstlich und Teil eines großen Leidens zu sein, für immer vom Leben gezeichnet. Fast wie ein Orden auf der Brust.
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