Um die Tankstelle herum lag überall Müll. Von einer Düne herab und durch den Müll hindurch kam ein arabisch aussehender Mann auf das Tankstellengebäude zugestakst. Sein Gesicht war wie versteinert, die Augen blutunterlaufen. Als er den Müll hinter sich gelassen hatte, versank er für ein paar Schritte knietief im weichen Sand, und als der Boden unter seinen Füßen wieder fester wurde, lief er Schlangenlinien. Es waren weder sehr betrunkene noch gedankenverlorene Schlangenlinien. Sie erinnerten Helen an die Laborratten in Princeton, die im Experiment auf eine Belohnung zusteuerten, von der sie aus langer Erfahrung wussten, dass sie mit Stromschlägen abgesichert war. Der Mann taumelte hinter den VW-Bus, umkreiste unentschlossen den Honda und kam plötzlich zielstrebig auf Helen zu. «Hilfe, Hilfe», sagte er in heiserem Englisch und stützte sich auf der Motorhaube ab. Er trug einen mit Sand und schwarzer, klebriger Flüssigkeit verschmierten Anzug. In der Ersten Welt wäre er als harmloser Landstreicher durchgegangen, mitten in der Sahara wirkte er ein wenig bedrohlicher.
Helen holte eine kleine Münze aus der Tasche und hielt sie ihm hin. Er sah die Münze nicht. Von seinem Ärmel war ein wenig Dreck auf der Kühlerhaube des Honda kleben geblieben, und er beugte sich vor, um das Auto mit dem Zipfel seines Jacketts sauber zu wischen.
«Lassen Sie das. Nehmen Sie das.»
«Was?»
«Lassen Sie das, bitte.»
Er nickte, richtete sich auf und wiederholte: «Hilfe, Hilfe.»
«Was wollen Sie?»
«Nehmen Sie mich mit.»
«Wohin?»
«Irgendwohin.»
«Tut mir leid.»
Der Mann lehnte die noch einmal hingehaltene Münze mit schmerzverzerrtem Gesicht ab, und als er dabei ein wenig den Kopf drehte, sah Helen die große, mit Blut und Sand verkrustete Wunde an seinem Hinterkopf. Seine Augen suchten den Horizont ab. Das deutsche Pärchen im VW-Bus, das die Szene die ganze Zeit beobachtet hatte, war unruhig geworden. Der Fahrer schüttelte den Kopf und machte durchs Seitenfenster hindurch abwehrende Handbewegungen mit beiden Händen. Die Beifahrerin las mit zerfurchter Stirn die Gebrauchsanleitung auf einer CS-Gas-Dose.
Der Tankwart erschien wieder, drückte Helen wortlos das Wechselgeld in die Hand und machte sich dann am Tankdeckel des VW-Busses zu schaffen.
«Was ist los?», fragte Helen den Verletzten.
«Ich weiß es nicht.»
«Sie wissen nicht, was los ist?»
«Ich muss weg hier. Bitte.»
«Glauben Sie an Schicksal oder so was?»
«Nein.»
«Das ist ja schon mal was.» Sie sah den Mann eine Weile nachdenklich an. Dann öffnete sie ihm die Beifahrertür.
Jetzt hielt das Pärchen im VW-Bus es nicht länger aus. Der Junge kurbelte das Fenster runter. «Achtung, Achtung!», rief er in schlechtem Englisch. «Nicht Europa hier! Kein Trampen.»
«Gefahr, Gefahr!», assistierte seine Freundin.
«Gefahr, Gefahr», sagte Helen. «Geht euch einen Scheiß an.» Und zum Mann: «Na los.»
Sie stieg in den Honda. Er wischte sich einmal symbolisch mit den Händen über die sandverkrusteten Hosenbeine, sprang dann schnell auf den Beifahrersitz, schlug die Tür hinter sich zu und starrte durch die Windschutzscheibe wie ein Häschen, bis Helen den Motor anließ.
«Sie müssen keine Angst haben», sagte er, nachdem sie ein paar Minuten auf der Piste fuhren.
Helen zog an ihrer Zigarette und warf ihm erneut einen langen Blick zu. Ihr Beifahrer war einen halben Kopf kleiner als sie und saß mit zitternden Ärmchen neben ihr. Sie hielt ihren eigenen, muskulösen Arm neben seinen und machte eine Faust.
«Ich sag ja nur», sagte der Mann.
«Ich fahr nach Targat. Da bring ich Sie ins Krankenhaus.»
«Ich will nicht ins Krankenhaus.»
«Dann zum Arzt.»
«Nicht zum Arzt!»
«Wieso nicht?»
Es kam lange keine Antwort. Schließlich sagte er unsicher: «Ich weiß nicht», und Helen ging vom Gas und ließ den Wagen ausrollen.
«Nein!», rief der Mann sofort. «Bitte! Bitte!»
«Du weißt nicht, wo du hinwillst. Du weißt nicht, warum du wo hinwillst. Du musst zum Arzt und willst nicht — und weißt nicht, warum. Na komm. Was weißt du denn?»
Dafür, dass er nicht viel wusste, dauerte seine Erzählung ganz schön lang. Immer wieder musste Helen nachfragen. Der Mann sprach stockend und mühsam. Manche Worte wollten nicht heraus, sein Oberkörper zuckte. Aber er ergänzte und korrigierte bereitwillig seine Angaben, ärgerte sich über Ungenauigkeiten, die ihm unterliefen, tippte sich aufgeregt an die Stirn und sprudelte am Ende immer mehr und mehr Details hervor. Dachboden, Geldkoffer, Poseidon. Nichts von dem, was er erzählte, ergab einen Sinn, und nicht zuletzt dieser Umstand überzeugte Helen schließlich davon, dass ihr sonderbarer Beifahrer die Wahrheit sagte. Oder es wenigstens versuchte.
Nur ein einziges Detail ließ er aus. Bei aller Gelassenheit und Souveränität, die die amerikanische Touristin hinterm Steuerrad ausstrahlte, war ein mit dem Flaschenzug erschlagener Mann vielleicht eine Spur zu viel für einen nachmittäglichen Ausflug durch die Wüste. Ausführlich und möglichst wörtlich dagegen versuchte er, das Gespräch der vier Männer wiederzugeben, das er belauscht hatte, ihre unverständlichen Reden, ihren unverständlichen Zorn, den unverständlichen letzten Satz.
«Wenn er Pauline informiert, wenn er die Bienen exportiert, wenn die Maschine funktioniert … ich weiß es nicht.»
«Wenn er die Mine jetzt zerstört», sagte Helen und schnipste die Kippe aus dem Fenster.
Vor ihnen tauchten die beiden Kamele auf, die sich über der Straße in der Luft küssten. Geruch von Holzfeuern und Schiffsdiesel wehte von Targat herüber. Im Westen war der Himmel rot und schwarz.
Wenn ein Dieb ergriffen wird beim Einbruch und wird dabei geschlagen, dass er stirbt, so liegt keine Blutschuld vor. War aber schon die Sonne aufgegangen, so liegt Blutschuld vor.
2. Mose 22, 1–2
Das von einer Jalousie in Streifen geschnittene Licht des Mondes lag auf einem Doppelbett, parallele Schlangen aus Licht. Ein zweites Fenster stand offen, Meeresrauschen und der Geruch von Salz und Jod. Das Geräusch gleichmäßiger Atemzüge. Er wälzte sich herum und sah ein paar Handbreit von sich entfernt ein Büschel blonder Haare.
Vier Tabletten hatte er geschluckt, das wusste er, die restlichen Tabletten lagen neben ihm auf dem Nachttisch vor einem Glas Wasser. Das wusste er auch. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Es war finster. In komplizierten Labyrinthen kämpfte er darum, einen Blick durch ein Fernglas werfen zu dürfen. Er sah in die Mündung einer kleinkalibrigen Waffe, und ein Mann mit Dreizack stürmte auf ihn zu. Er blickte in sein eigenes Gesicht und hörte einen Dieselmotor. 581d. Aufmerksam verfolgte er, wie die spiegelbildliche Frau ihm einen Verband anlegte. Ein Fläschchen Mercurochrom in ihrer Hand. Wie sie ihn unter der Dusche festhielt. Wie er nicht stehen konnte.
Mit beiden Händen umklammerte er das Waschbecken, während sie die Wunde desinfizierte. Er hörte sich schreien vor Schmerz, ein roter Tropfen auf weißem Porzellan. Wie sie ihn beruhigte. Wie sie ihn an den Schultern vor sich herschob und mit der Handkante eine Linie auf dem Bettlaken zog: Deine Hälfte. Meine Hälfte. Hier stell ich noch Tabletten hin. Hast du das gesehen? Nimm die Hände runter. Atme.
Die parallelen Schlangen aus Licht wanderten vom Bett hinab auf den Fußboden und glitten über die Wand. Immer wieder im Verlauf der Nacht öffnete er die Augen und sah die Schlangen mal einen halben Meter weitergewandert, mal an derselben Stelle wie zuvor, ohne dass sein Zeitgefühl sich in derselben Weise fortbewegte. Schließlich stand er auf und schlich im Dunkeln zur Toilette. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass beide Hälften des Doppelbetts leer waren, aber das beunruhigte ihn nicht sonderlich. Das Badezimmer lag voller Sand. Hinter dem größten Sandhaufen war ein tiefes Loch in die Erde gegraben, das von einem Tier mit zwei Köpfen bewacht wurde. Ein Kopf vorne, einer hinten. Einer tot, einer lebendig. Mit einem Strohhalm saugte der lebende Kopf Flüssigkeit aus dem Loch, ein entsetzlich blubberndes Geräusch. Telegraphenmasten setzten sich in Bewegung, senkrechte gelbe und blaue Gitterstäbe flogen vorüber. Immer wieder versuchte er, dem Käfig der Stäbe zu entkommen, immer wieder schlossen sie ihn ein, bevor langsam und beruhigend das Gefühl einer gelb und blau gestreiften Tapete hinzuströmte. Das war kein Albtraum. Oder nur der Albtraum der Realität. Ein Touristenbungalow am frühen Morgen.
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