Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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Michelle stemmte ihre Jugendfreundin auf Armlänge von sich weg, besah sie mit glasigem Blick und riss sie schluchzend wieder an sich. Vor Aufregung konnte sie lange nichts sagen, und als sie wieder etwas sagen konnte, sagte sie: «Asthmaspray.» Sie lief erneut die Treppen hoch. Der Fusselbart holte seine Hände hinterm Rücken hervor, zog sie umständlich und langsam bis in die Achselhöhlen hoch, ging in eine Dehnübung über und sagte: «Ist kein Asthma. Ist psychisch.»

Er führte Helen an der mit fünf oder sechs Kommunarden besetzten Küche vorbei einen langen, dunklen Flur hinunter, an dessen Ende eine mit rotem Polster bezogene Sitzbank stand. «Da pflanz dich hin.»

Einige Minuten lang stand Helen allein im Halbdunkel. Schließlich setzte sie sich. Leise Stimmen waren zu hören, eine Wasserleitung, eine Pendeluhr. Sie versuchte die Zettel zu lesen, die sie von ihrem Platz aus entziffern konnte. Neben der Sitzbank stand: Alles ist gut, nur nicht überall, nur nicht immer, nur nicht für alle . Darüber: Turtles can tell more about roads than hares . Und an der Deckenlampe klebten gleich mehrere Zettel, von denen Helen nur einen entziffern konnte: Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer .

Vermutlich hatten diese kleinen Zettel auch schon vor dem Massaker an ihren Plätzen gehangen (und das Erste, was einem nach einem solchen Ereignis einfällt, ist sicher nicht das Umdekorieren der Wohnung).

Drei Frauen mit langen, glatten Haaren streckten nacheinander ihre Köpfe aus der Küche und zogen sie wieder zurück. Ein Mann lief weinend durch den Flur. Dann tauchte der Fusselbart wieder auf und sagte: «Wir müssen reden.»

Helen rührte sich nicht.

Er öffnete eine schwarz lackierte Tür am Ende des Ganges und schaute sich über die Schulter um. «Jetzt!», sagte er.

Er hatte einen schottischen Akzent, und daraus und aus seinem Gehabe schloss Helen, dass es sich um Edgar Fowler handelte, Ed Fowler III, das inoffizielle Oberhaupt der kleinen Kommune. Sie wartete noch eine Weile, ob Michelle wieder auftauchen würde, und folgte ihm dann in den Nebenraum.

Das Zimmer war rundum mit Decken, Tüchern und blaugrauen Matratzen ausgelegt. Es roch. In der Mitte war eine kleine Fläche frei geräumt, auf der ein Laufstall für Kinder stand. Plastikwürfel, bunte Bälle und Stoffpuppen lagen darin herum, aber statt eines Kindes hockte unbeweglich inmitten des Laufstalls ein Tier mit sandfarbenem, leicht rötlichem Fell. Man hätte es für ein Stofftier halten können, wenn nicht seine Schnurrhaare gezittert hätten. Zwei Schneidezähne hingen über einen winzigen Unterkiefer, und zwischen den Ohren trug es eine Art Krone aus weißem Papier, die mit einem Gummiband an seinem Kopf festgebunden war. Es sah aus, als hätte es das Gummiband mit der Hinterpfote mühelos vom Kopf streifen können, wenn ihm danach gewesen wäre. Aber anscheinend war ihm nicht danach.

Das Tier spazierte behäbig einmal in seinem Laufstall herum, schnupperte an seiner Flanke und starrte dann Helen mit kleinen, schwarzen Knopfaugen an. Obgleich es viel kleiner war als der Zwischenraum der Gitterstäbe, verließ es den Käfig nicht.

Fowler nahm im Schneidersitz auf einer Matratze Platz und wartete, bis Helen sich ihm gegenüber niedergelassen hatte. Er bedachte sie mit einem Blick, der vielleicht tief und feurig sein sollte und eine umgekehrte Wirkung auf Helen nicht verfehlte. Helen beobachtete das Tier. Das Tier gähnte.

«Das ist Gurdjieff. Er versteht alles, was du sagst.»

«Das da?»

«‹Das da› ist ein Ouz.»

«Und wenn ich Französisch spreche?»

«Versteht Gott dich, wenn du betest?»

«Ich bete nicht.»

«Sophismus.»

«Worüber wolltest du reden?»

«Wir reden ja schon.»

«Ach ja?»

«Du bist Jüdin. Sagt Michelle.»

«Eigentlich nicht.»

«Immer auf Konfrontation.»

«Das ist für dich schon Konfrontation? Worüber wolltest du reden?»

«Versteh mich nicht falsch. Ich werte nicht. Ich konstatiere nur. Und was ich konstatiere, ist: Negativismus. Spitzfindigkeit. Konfrontation.»

Helen seufzte und sah wieder zu dem Tier. Es war dem raschen Wortwechsel mit Blicken gefolgt wie einem Tennismatch, aufmerksam, ernst und konzentriert.

«Schau mich an», sagte Fowler mit bedrohlicher Schärfe.

Helen sah ihn an, und Fowler schwieg. Er bewegte die Zunge im geschlossenen Mund und schloss dann langsam, meditativ die Augen.

«Du bist nicht umsonst hierhergekommen», flüsterte er. «Und auch nicht aus dem Grund, aus dem du glaubst. Du hast von den vier Morden gehört. Du bist hier, um deine Schaulust zu befriedigen. Du bist hier, weil —»

«Ich bin Michelles älteste Freundin.»

«Du kannst antworten, wenn ich fertig bin!» Er riss wütend die Augen auf und ließ viel Zeit verstreichen, bevor er sie wieder schloss und mit seiner Rede fortfuhr. «Ich habe gesagt: Du bist nicht umsonst gekommen. Was du gehört hast, hat etwas in dir ausgelöst. Es hat dich tiefer getroffen, als du weißt. Du willst Michelle besuchen. Sagst du. Du wirst sie nicht finden. Wie — du wirst sie nicht finden? Du hast sie doch eben gesehen? Bleib sitzen. Die Wüste verändert dich. Der Nomade. Wenn einer lange hier gelebt hat, wird sein Blick ein anderer. Der Wüstenbewohner ist ruhig, er ist das Zentrum. Er geht nicht auf die Dinge zu, die Dinge gehen auf ihn zu. Das ist die Kälte, die du spürst. Es ist keine Kälte. Es ist Wärme. Allumfassende Energie. Der Anfang der Freiheit.» Fowler griff blind nach Helens linker Brust und knetete sie teilnahmslos. «Was bedeutet Freiheit? Aha. Freiheit bedeutet nicht, tun und lassen zu können, was man will. Freiheit bedeutet, das Richtige zu tun.»

Er öffnete einen kurzen Moment lang die Augen und blinzelte, wie um die Wirkung seiner Worte zu überprüfen. Diesen Moment nutzte Helen, um ihm ins Gesicht zu schlagen. Fowler zog seine Hand langsam und majestätisch zurück. Er lächelte würdevoll. Keineswegs gekränkt. Eine Frage der Menschenkenntnis. Er hatte vorausgesehen, was passieren würde, und er war noch immer Herr der Situation. Milde und verständnisvoll blickte er Helen an, und Helen wurde den Eindruck nicht los, dass das Ouz sie auf genau die gleiche Weise ansah.

«Du hast deine Emotionen unter Kontrolle. Immer unter Kontrolle gehabt. Dadurch werden sie unkontrollierbar. Du wunderst dich, woher ich das weiß. Du bist ein steiler Zahn. Das hast du oft gehört. Steiler Zahn, steiler Zahn. Von schwachen Männern. Männern, die dich nicht interessierten. Tief im Innern weißt du: Dir ist etwas anderes bestimmt. Du bist der typische Fünfer, an der Grenze zur Sechs. Wobei ich mit Sechs jetzt das Dienende meine. Du bist nicht offen. Bleib sitzen.»

Fowler streckte abermals seine Hand aus, und Helen stand auf und ging zur Tür. Dort blieb sie stehen und zeigte mit dem Kinn zum Laufstall hin: «Was hat die Ratte da eigentlich auf dem Kopf?»

Fowler überhörte das Wort Ratte und winkte kaum merklich ab, Gleichmut und Nachsicht unter halbgeschlossenen Lidern. Er konnte niemanden verurteilen, aber es blieb doch ein Rest von Herablassung in seiner Geste. Er hatte die Kraft und die Gabe, die Menschen zu erkennen, aber nicht die Kraft, seine Position zu verbergen. Daran musste er noch arbeiten. Er war der klassische Neuner, wie er im Buche stand.

Erst als Helen ein paar Schritte auf den Käfig zu machte, sprang er auf.

«Nicht anfassen!»

«Warum?»

«Du bist noch nicht so weit.»

Auf dem Flur wartete Michelle mit Asthmaspray und Taschentuch. Ihrer demonstrativen Unbefangenheit nach zu urteilen hatte sie gelauscht.

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