Korrektur: ein Fellache mit Mistgabel.
Er hatte keine Zeit, nachzudenken, was ihm am meisten wehtat. Die Knochen schienen intakt. Er richtete sich taumelnd auf, machte ein unbeteiligtes Gesicht und tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn: Guten Tag.
Der Dreizack senkte sich.
Er meinte, im Gegenlicht ein altes, versoffenes Gesicht über dem Bart zu erkennen, und probierte es mit einem Satz, der sowohl Entschuldigung als auch Anklage sein konnte: «Ich war da oben.» Er zeigte auf den Ort des Verbrechens und fragte sich, wie er an dem Dreizack vorbeikommen sollte.
Beide Männer machten gleichzeitig einen Schritt aufeinander zu. Entweder war der Fellache blind, oder er schielte stark. Ein weißer Film überzog sein eines Auge, das andere starrte irgendwo ins Dunkel der Scheune. Dann schwenkte der Dreizack in die gleiche Richtung wie der Blick, und ein entsetzliches Röcheln, ganz anders als das zuvor, entrang sich der Kehle des Fellachen.
Sein Gegenüber drehte sich um und sah, was der Fellache sah. Neben Gerümpel und Maschinenteilen lag zwischen zwei Stellwänden im Halbdunkel ein Mann. Ein Mann in einer weißen Dschellabah, die Gliedmaßen eigenartig verrenkt. Auf seinem zerschmetterten Kopf lag der Block des Flaschenzugs mit dem gewichtigen Metallhaken. Die ölige Kette ringelte sich durch Blut und Gehirn. Der Dreizack schob sich ins Bild. Es schien nicht der richtige Moment, dem Mann etwas von Amnesie zu erzählen. Eine frische Leiche, vier bewaffnete Männer in einem Jeep, ein irr blickender Fellache mit Mistgabel: Die Situation war unübersichtlich. Er stieß die Mistgabel beiseite und rannte. Rannte durch das Scheunentor, an den Baracken vorbei, in die Wüste. Und rannte.
Not wasteland, but a great inverted forest with all foliage underground.
Salinger
Die Richtung ergab sich aus der Lage des Scheunentors: einfach geradeaus, in direkter Linie von den Gebäuden weg. Er lief eine Düne hinauf, kam ins Straucheln, warf sich über den Kamm. Rutschte fünfzehn Meter in die Tiefe, sprintete durch das Wellental und stampfte die nächste Leeseite hinauf. Im Lee waren die Dünen steil, man versank bis zu den Knien. Die Luvseite war flach und fest. Die umgekehrte Richtung wäre einfacher gewesen, aber sie wäre auch für seinen Verfolger einfacher gewesen.
Er sah sich um: Niemand folgte ihm. Schon völlig außer Atem lief er langsamer. Schräg vor ihm tauchte in einiger Entfernung eine Reihe von Pfählen auf, vielleicht Telegraphenmasten, eine Straße. Er hielt darauf zu und hörte von irgendwoher ein Summen. Im ersten Moment war es wie das Summen in den eigenen Ohren, aber er gab sich keinen Illusionen hin. Es war das Geräusch eines sich nähernden Dieselmotors. Wahrscheinlich hatten sie Cetrois nicht erwischt, jetzt wollten sie ihn. Oder sie hatten Cetrois erwischt. Und wollten ihn auch noch.
Er rannte. Zwanzig oder dreißig Wellentäler entfernt spritzte der Jeep über eine Düne, hing mit allen vieren einen Moment in der Luft und sackte mit heulendem Motor aus dem Bild.
Geduckt bog er scharf nach links in ein sich dahinschlängelndes Wellental, nahm im Laufen einen faustgroßen Stein auf und ließ ihn wieder fallen. Was wollte er damit? Ihnen den Revolver aus der Hand werfen? Die Nachmittagssonne brannte in sein Gesicht. Er blieb stehen. Er keuchte. In seinen eigenen Fußstapfen ging er zehn Schritte zurück und drehte sich um: albern, der Unterschied war sofort zu erkennen. Das Motorengeräusch schwoll im Rhythmus der Wellentäler an und ab. In nun kopfloser Panik stürzte er eine Düne hinauf und auf der gleichen Seite wieder hinunter und betrachtete das Ergebnis. Dann rannte er kreuz und quer durch das ganze Tal und ein kleines, angrenzendes Tal, bis sie nach allen Seiten hin bedeckt waren mit Spuren.
Zwei flache Felsscheiben steckten wie in einem Toaster senkrecht nebeneinander im Sand. In ihrem Windschatten hatte sich eine tiefe Rinne gebildet. Er warf seinen Körper dort hinein, den Kopf zwischen den Felsen, und schaufelte Sand über Beine und Rumpf. Die Arme scheuerte er seitlich in den Boden. Es war nicht schwierig, von den Schrägen rutschten kleine Lawinen auf ihn herab. Zuletzt rotierte er den Kopf zwischen den Felsscheiben hin und her. Er spürte seine Kopfwunde aufbrechen, die Schmerzen waren phänomenal. Von oben fiel Sand über sein Gesicht und rieselte ihm in die Ohren. Das Geräusch des Dieselmotors verstummte. Er hörte nur noch sein eigenes Keuchen. Er hielt den Atem an und blinzelte. Von seinem Rumpf schien nichts mehr frei zu liegen. Über den Sand auf seinem Körper hinweg sah er das Wellental, die Flanke der gegenüberliegenden Düne und verräterische Spuren überall ringsum. Sein Blickwinkel war durch die Steinplatten stark eingeschränkt. Umgekehrt war sein Gesicht jetzt nur noch zu sehen, wenn man direkt vor ihm stand. Aber es war noch zu sehen.
Er holte tief Luft, schloss die Augen und rotierte den Kopf noch einmal hin und her. Eine weitere Ladung Sand rutschte von oben über seine Stirn bis zum Jochbein und stäubte als feiner Puderzucker über Augenlider, Wangen und in die Mundwinkel. Er hatte einen nur sehr ungefähren Eindruck davon, wie viel vom Gesicht jetzt noch frei lag. Wahrscheinlich das Kinn und die Nasenspitze. Aber jetzt konnte er den Kopf nicht mehr drehen. Mit einem kleinen Stoß pustete er ein paar Sandkörner aus der Nase und wartete.
Ein Nachbild der eben gesehenen Düne unter der hellen Sonne erschien auf der Innenseite seiner Lider. Die Düne hell und vom Wind mit einem Riffelmuster überzogen, das an die Windungen eines riesigen Gehirns erinnerte, die Sonne ein schwarzer Kringel mit einem hellen Loch in der Mitte. Vielleicht das Letzte, was er in seinem Leben sah. Wenn sie sein Versteck entdeckten, lautlos auf ihn zugingen und ein paar Kugeln in die Erde zwischen den Felsen schossen, würde er nicht einmal seinen Mörder gesehen haben. Das Motorengeräusch kam wieder. Näherte sich. Entfernte sich. Es klang, als ob sie wendeten. Plötzlich spürte er leichte Erschütterungen. Ein feiner Schleier aus Sand spritzte auf den Sand auf seinen Füßen. Er hörte Schreie. Anscheinend fuhren sie hochtourig im Kreis durch das Wellental, in dem er lag. Er zuckte nicht. Er versuchte, nicht zu atmen. Als alle Geräusche verstummten, wusste er nicht, ob sie davongefahren waren oder ausgestiegen, um zu Fuß nach ihm zu suchen.
Minuten der Stille vergingen.
Drei Minuten. Oder zehn. Er spürte, wie unsicher sein Zeitgefühl war, und begann, seine Herzschläge zu zählen. Das Herz schlug wild. Vor seinem inneren Auge sah er den Sand über seiner linken Brust verräterisch wie auf einer Trommel hüpfen. Hundert Schläge eine Minute. Ungefähr. Nach hundertfünfzig Schlägen meinte er, ein gedämpftes Quieken zu hören, er war sich aber nicht sicher. Der Sand in den Ohren juckte entsetzlich.
Er zählte weiter, um die Zeit zu messen, um sich zu beruhigen und sich zu konzentrieren. Hundertneunundneunzig, zweihundert. Er wurde den idiotischen Eindruck nicht los, dass das Ausatmen ein Muster im Sand unter seiner Nase erzeugte, das ihn verraten könnte.
Er zählte bis dreihundert, bis vierhundert, bis fünfhundert. Fünf Minuten. Bei dreitausendzweihundert kamen die Motorengeräusche wieder, aber sehr leise. Diesmal kamen sie ihm nicht nahe. Er zählte bis sechstausend, er zählte bis zwölftausend. Und rührte sich nicht. Das Pochen in seinem Hinterkopf wurde stärker und stärker. Sein ganzer Körper pulste. Die ganze Zeit, während er Zahl an Zahl reihte, hatte er das Gefühl, dass direkt über ihm einer mit gezückter Pistole stand und aus Bosheit wartete. Wartete, bis er die Augen aufschlug, um ihm lächelnd eine Kugel ins sandige Grab nachzuschießen. Er zählte bis fünfzehntausend. Das waren jetzt die letzten zwölftausend Herzschläge, also etwa hundertzwanzig Minuten, ohne Geräusch. Er stülpte die Unterlippe aus, pustete sich übers Gesicht und versuchte zu blinzeln. Der schmale Bildausschnitt zwischen den Felsen zeigte das Wellental von Autospuren zerwühlt und die gegenüberliegende Düne unter dem abendlich gewordenen, glasblauen Himmel. Auf dem Kamm der Düne stand etwas und starrte ihn mit zwei kleinen Knopfaugen an. Durchdringend, unbewegt, auf alberne Weise interessiert. Ein kurzbeiniges, pelziges Tier, nicht größer als ein Fennek. Es hatte gelbrötliches Fell, zwei Schneidezähne hingen über den kleinen Unterkiefer. Das Tier schaute sich um, quiekte noch einmal und trabte davon.
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