«Habt ihr’s?», fragt der Vierte, und der Kleine sagt, dass sie einem den Schädel eingeschlagen hätten.
«Larbi hat einem den Schädel eingeschlagen. Mit dem Wagenheber. Hat gekracht wie morsches Holz.»
«Habt ihr’s?», wiederholt der Vierte, und der Kleine wendet sich zum Dicken um, und der Dicke sagt: «Cetrois ist damit in die Wüste.»
«Ich denk, du hast ihm den Schädel eingeschlagen?»
«Nicht Cetrois.»
«Wem dann?»
«Keine Ahnung.»
«Wo ist Cetrois?»
«Der kommt nicht weit.»
«Wo er ist!» Der Vierte packt den Dicken am Kragen.
Der Dicke, der Kleine und der Unscheinbare heben gleichzeitig je einen Arm und synchronisieren sich mühsam.
«Was steht ihr dann hier rum?»
«Er ist auf’m Moped!»
«Ich denk, er war zu Fuß?»
«Ja, aber er ist da in die Scheune rein. Und dann gleich auf’m Moped wieder raus.»
«Wo ist euer Auto? Und verdammt noch mal, was ist das für ein Scheißkoffer?» Der Vierte tritt dem Dicken den Bastkoffer aus dem Arm. Das Geld wirbelt erneut davon.
«Ja, wenn ich mal ausreden dürfte!», sagt der Kleine.
Der Vierte zieht eine Pistole und richtet sie auf den Kleinen. Der macht kreischend einen Schritt seitwärts. Der Vierte gibt ihm einen so mächtigen Tritt in den Unterleib, dass er aus dem Bild fliegt.
«Man kann ja seine Spur sehen», ruft der Unscheinbare.
«Dann zeig mir die Spur!», sagt der Vierte.
Der Kleine kommt vornübergekrümmt zurück ins Bild, einen Arm über den Bauch gelegt, den anderen wie zur Abwehr erhoben.
«Wir hatten ihn ja praktisch schon», jammert er. «Wir waren ja schon dran. Ich hatte ihn schon vor der Kühlerhaube! Aber dann Cetrois in die Dünen, und in den Scheißdünen ist der Chevy eingesackt. Wir also zu Fuß hinterher und Larbi schon direkt hinter Cetrois — und wie wir über eine Düne klettern!» Er hebt die Hände auf Schulterhöhe und macht ein überraschtes Gesicht.
«Liegt da alles voller Geld!», assistiert der Dicke.
«Und ich meine: deutsches Geld!», sagt der Kleine. «Das teilen wir natürlich durch vier. Dreißig-dreißig-zehn, um mal eine Hausnummer zu sagen, ich meine, dreimal dreißig und dann … zehn. Wir können auch achtundzwanzig oder fünfundzwanzig …»
Ein Schuss kracht los, und der Kleine sackt zu Boden. Für einen Moment liegt er reglos, dann wälzt er sich herum und betrachtet erschrocken seinen unverletzten Körper.
«Wo ist Cetrois? Zeig mir die verdammte Spur!», brüllt der Vierte, der über dem Kleinen steht und mit der Pistole hinter sich auf den Horizont zeigt.
«Da! Da! Da!», ruft der Unscheinbare und rennt aus dem Bild. Der Vierte folgt ihm, der Kleine ebenfalls.
Der Dicke bückt sich nach dem Bastkoffer, und sofort kommt der Vierte zurück. Er hat die Waffe umgedreht in der Hand und hämmert mit dem Griff auf den Kopf des Dicken. Er nimmt ein Bündel Geldscheine und reibt es ihm ins Gesicht. «Weißt du, wer das ist? Das ist Goethe. Nein, weißt du natürlich nicht! Wer ist Goethe? Scheißgoethe ist Scheißostdeutscher. Das ist Scheiß-DDR-Geld, das sind keine zwanzig Dollar. Zeigt mir die verschissene Spur, und wenn wir ihn nicht kriegen — betet! Betet.»
Er geht wieder aus dem Bild, der Dicke hinterher.
Die Stimme des Kleinen aus dem Off: «Wir wussten ja nicht, dass da ’n Moped ist. Woher sollten wir wissen, dass da ’n Moped in der Scheune ist. Und was seinen Kumpel angeht —»
Die Stimme des Vierten: «Was für ’n Kumpel?»
Die Stimme des Kleinen: «Dem Larbi den Schädel eingeschlagen hat. Du hörst ja nicht zu! Cetrois ist da rein in die Scheune und eine Minute später auf’m Moped wieder raus. Wir dreihundert Meter dahinter — keine Chance. Also wir da auch rein, vielleicht gibt es ja noch ein Moped? Und dann ist da dieser Typ. Haben wir den natürlich gefragt: Wo will er hin? Wo will er hin? … Weil wir ja wussten. Und da hat er’s nicht gesagt, und dann hat Larbi ihm mit dem Wagenheber den Schädel eingeschlagen. Und wir konnten ja schlecht zu Fuß … und weil wir wussten, du kommst gleich mit dem Jeep … und uns jederzeit … keine Vorwürfe machen …»
Ihre Stimmen werden leiser. Das Öffnen und Zuschlagen von Autotüren. Unverständliches. Ein startender Motor und in den Lärm hineingebrüllt noch einmal der Satz: «Du Arsch, wenn er die Schiene funkentstört!»
Dann nichts mehr.
16. MÖGLICHKEITEN DES ERWACHENS
«Fantômas.»
«Qu’avez-vous dit?»
«J’ai dit Fantômas.»
«Et qu’est-ce que cela signifie?»
«Rien … Tout!»
Pierre Souvestre, Marcel Allain
Im selben Moment, als die Männer rechts aus dem Bild verschwanden, tauchte wie ein Schauspieler auf dem Boulevardtheater hinter dem Holzbrett links die Sonne auf. Das verklingende Geräusch des Dieselmotors zeichnete einen waagerechten Keil unter den Horizont.
Die Helligkeit. Die Stille. Er versuchte, den Kopf zu drehen, und spürte Schmerzen, die er nicht lokalisieren konnte. Als versuche eine Faust, ihm von innen die Augen aus dem Kopf zu drücken. Er blinzelte. Mit der Hand tastete er um sich herum und fand dort, wo er ein Loch in seinem Schädel zu finden erwartet hatte, eine riesige Schwellung. Getrocknetes Blut und Schleim. Sie hatten ihm den Schädel eingeschlagen. Warum? Er schloss erneut die Augen und öffnete sie wieder: immer noch dasselbe, anscheinend die Realität. Sein erster Gedanke war: Flucht. Er musste fliehen. Er wusste nicht, warum, aber sein Körper wusste es. Alles an seinem Körper wollte weg hier.
Das warf die panische Frage auf, wohin er fliehen sollte. Das wiederum warf die Frage auf, wo er sich befand. Der Blick zwischen den Brettern hindurch gab keine Auskunft. Leere Wüste. Er wusste nicht, wie er hierhergekommen war. Er wusste nicht, warum die Männer ihm den Schädel eingeschlagen hatten. Er wusste nicht, ob sie ihm überhaupt den Schädel eingeschlagen hatten. Er konnte sich nicht erinnern. Und er konnte sich auch nicht erinnern, wer der Mann war, dem sie den Schädel eingeschlagen hatten, wenn er dieser Mann war. Sein Name fiel ihm nicht ein.
Die erste Vierteldrehung um die eigene Achse war so schwierig, dass er nicht erkennen konnte, ob er Schmerzen hatte oder ob seine Muskeln versagten. Er ließ sich zurücksinken und versuchte, nur den Kopf zu heben. Schwitzend und keuchend überblickte er einen Teil des Raumes, an dessen Wand er lag. Ein Hämmerchen haute von innen unters Schädeldach und ließ im Herzschlag-Rhythmus Worte wie Dachboden, Bretterwand, Amnesie, Flaschenzug, Titrierkolben und Sandhaufen aufklappen wie Memorykarten.
Dass so schwierige Wörter wie Titrierkolben und Amnesie seinem Gedächtnis überhaupt zur Verfügung standen, beruhigte ihn ein wenig. Dass außer diesen Wörtern nichts auftauchte, was die Situation hätte erhellen können, beunruhigte ihn. Sein Name tauchte nicht auf. Er lag auch nicht mehr auf seiner Zunge, wie er eben noch geglaubt hatte. Er hob den Kopf ein Stück weiter.
Was er überblickte, war ein Dachboden von sieben oder acht Metern Breite und unbestimmter Länge. Eine Stirnseite lag in vollkommener Dunkelheit, während auf der anderen staubiges Licht durch eine fensterähnliche Öffnung hereinfiel. Gegen das Licht hoben sich Tische ab, um die herum metallene Apparate standen, Kolben und Plastikkanister. Auf den Tischen kleinere Glaskolben, auf dem Boden größere Glaskolben. Der Boden um die Tische herum sandbedeckt. Ein Laboratorium? Auf einem Dachboden in der Wüste?
Von einem Balken an der Decke hing an einer schweren Eisenkette ein Flaschenzug durch ein großes, viereckiges Loch im Boden hinab.
Er schaute sich lange um, betrachtete und benannte alle Objekte, die ihm verständlich erschienen, und versuchte, nachdem er eine Weile absichtlich nicht darüber nachgedacht hatte, noch einmal mit beiläufigem Schwung das Memorykärtchen mit der eigenen Identität umzudrehen.
Читать дальше