Godard
Canisades schaltete den Fernseher ein, hob die Füße auf den Schreibtisch und starrte lange auf den schwarzen Bildschirm. Die Bildröhre fing an zu knistern, eine grisselige Analoguhr erschien. Es war zwei Minuten vor sechs.
Canisades hatte den Nachmittag im Krankenhaus mit dem Versuch herumgebracht, das mutmaßliche Opfer einer Massenvergewaltigung zu befragen, und war nun zu müde, das Protokoll zu beginnen. Er konnte es sich im Grunde auch sparen. Drei Cousins des Opfers hatten am Krankenbett Wache gehalten und dafür gesorgt, dass er das Mädchen nicht zu Gesicht bekam. Nur durch Vermittlung einer Ärztin war es möglich gewesen, ein Gespräch durch einen improvisierten, weißen Vorhang hindurch zu führen. Das Ergebnis war so unspektakulär wie vorhersehbar: keine Vergewaltigung, sondern ein Sturz von der Treppe. Canisades musste sich von der Ärztin die Art der Verletzungen, die Lage der Blutergüsse, büschelweise ausgerissene Haare und Platzwunden beschreiben lassen. Er stellte die Namen der Cousins fest, von denen zwei der Beteiligung an der Vergewaltigung beschuldigt wurden und die ihn ungerührt, fast heiter verabschiedeten. Zur Anzeige gebracht hatte das Ganze die elfjährige Schwester des Opfers, die durch ein Fenster zugeschaut hatte und zur Polizei gelaufen war, wo sie das Unglück gehabt hatte, auf einen unbestechlichen Beamten zu treffen. Jetzt saß das Mädchen irgendwo im Zentralkommissariat, eine Strohpuppe und Targats einzige Anwältin an ihrer Seite, und ahnte möglicherweise bereits, dass der schönere Teil ihres Lebens vorbei war.
«Du schaust fern?» Asiz latschte kaugummikauend durch das Zimmer, warf eine Akte auf den Schreibtisch, kratzte sich am Rücken und verschwand im Nebenzimmer.
«Was?», schrie Canisades ihm hinterher.
«Die Akte.»
«Was soll ich damit?»
«Die Fingerabdrücke.»
«Was für Fingerabdrücke?»
«Auf der Mauser.»
«Auf welcher Mauser, bist du blöd? Heute Morgen war Urteilsverkündung.»
Fünf volle Sekunden passierte nichts. Dann schwenkte Asiz seinen Oberkörper zurück in den Raum. Er hatte aufgehört zu kauen. «Nenn mich nicht blöd, ich mach nur meine Arbeit. Ich hab stundenlang an dieser Mauser rumgeklebt. Dann legt mir keine Scheißzettel ins Fach, wenn ihr kein Scheißergebnis wollt.»
Er verschwand wieder. Man hörte, wie im Nebenraum eine Tür geöffnet wurde.
«Polidorio oder wer?», rief Canisades ihm hinterher.
«Woher soll ich das wissen?»
«Und was ist das Ergebnis?»
«Ja, was wohl? Was? Wenn ich euch Idioten schon Stunden …»
Mehr war nicht zu verstehen.
Eine Minute vor sechs setzte dramatische Geigenmusik ein. Canisades angelte nach der Akte, aber mit den Beinen vor sich auf dem Schreibtisch konnte er sie nicht erreichen. Die Musik brach ab, die Kamera fuhr zurück, und die grisselige Analoguhr wurde Teil eines Nachrichtenstudios. Ein sehr junger, sehr gut aussehender Mann saß hinter einem Teakholztisch, auf dem in genauer Symmetrie ein Blumengesteck, ein Kondensatormikrophon und ein schwarzer Telefonapparat standen. Der junge Mann begrüßte die Zuschauer auf Arabisch und Französisch und verlas die Meldungen anschließend nur auf Französisch.
Zu Ehren des Königs war an seinem vierundsechzigsten Geburtstag eine Parade abgehalten worden. Man sah weiß Uniformierte auf prächtigen Schimmeln, Lakaien in weißen Togen, die Pfauenfedern trugen. Ein hoher Offizier wurde zum Provinzgouverneur ernannt. Eine Oberschule war abgebrannt. Der Nachrichtensprecher las ernst und salbungsvoll. Als hinter ihm das Bild einer Frau in schwarzem Hidschab erschien, die sich vor verkohlten Kinderleichen auf dem Boden wälzte, brach ihm die Stimme. Mit einem unterdrückten Schluchzen tauchte er unter den Tisch, schnäuzte sich und verlas nach angemessener Pause die Fördermengen jüngst erschlossener Phosphorminen des Nordens. Dazu sah man eine Frau in knappem Höschen, die mit beiden Beinen waagerecht vor sich in der Luft stand. Unter ihr eine Sandgrube, hinter ihr eine Tartanbahn: Heide Rosendahl. Der Sprecher stockte kurz, und schon zeigte ein Einspieler einen Mann mit einem weißen Sonnenhütchen auf dem Kopf und Schuhcreme im Gesicht, der sich mit einer Gruppe von Anzugträgern unterhielt. Andere Männer in flotten Trainingsanzügen turnten mit Maschinengewehren über die Flachdächer des olympischen Dorfes. Der Freiheitskampf des palästinensischen Volkes würde. Der Münchner Polizeipräsident habe. Alle Geiseln seien. Anschließend minutenlanges Interview mit einem hohen geistlichen Würdenträger, der scharfsinnig die Lage analysierte.
Canisades hatte beide Hände hinter dem Kopf verschränkt, sperrte den Mund auf und schob den Unterkiefer knackend hin und her. Dann nahm er die Beine vom Schreibtisch und griff nach der Akte. Das DIN-A4-Blatt mit den Fingerabdrücken lag obenauf. Standardtext, darunter zwei quadratische Rahmen mit je einem kartoffeligen Abdruck in der Mitte.
«Targat», sagte der Nachrichtensprecher.
Canisades blickte auf. Der Bildschirm zeigte die Fotografie eines weißen Lieferwagens mit vergitterten Fenstern, der von einem Zwölftonner quer gegen eine Hauswand gefahren worden und wie eine Konservendose aufgeplatzt war. Der am Vormittag zum Tode verurteilte vierfache Mörder Amadou Amadou sei während des Gefangenentransports zur Hinrichtungsstätte entsprungen. Zur Fotografie umgewandt zeigte der Nachrichtensprecher mit beiden Armen die sich überkreuzenden Fahrtrichtungen der Autos an, erläuterte den Unfallhergang und schloss mit einem Zitat des Polizeigenerals, das sinngemäß besagte, man werde des entsprungenen Häftlings in Kürze erneut habhaft sein und möge Allah seiner Seele Frieden schenken, denn man selbst werde dies nicht tun. Er stieß den Papierstapel vor sich auf den Tisch und hüstelte. Die Kamera zoomte zurück auf die Analoguhr. Es war Viertel nach sechs.
Canisades betrachtete die Kästchen. Ein rechter Daumen von der Waffe, deutlich erkennbar, und der rechte Daumen Amadous, vor zehn Tagen auf dem Revier abgenommen. Identisch.
Wieder zehn Tagereisen von den Garamanten kommt wieder ein Salzhügel und eine Quelle, und wohnen Menschen darum her, die heißen die Ataranten. Das sind, unseres Wissens, die einzigen Menschen ohne Namen. Nämlich alle zusammen heißen sie Ataranten, jeder einzelne aber hat keinen besonderen Namen.
Herodot
Ein Blick wie auf eine Theaterbühne, zwei dunkle Holzbretter rechts und links als improvisierte Vorhänge. Im schmalen Keil dazwischen der hohe, blaue Himmel, fast weiß, hell und schmerzend auf der Netzhaut. Unten die Wüste. In der Wüste drei Männer in weißen Dschellabahs. Im ersten Moment sind die Männer ununterscheidbar, dann werden aus ihnen ein Kleiner, ein Dicker und ein Unscheinbarer. Ihre Münder bewegen sich, die Hände flattern. Der Kleine redet auf den Dicken ein, der Dicke hält einen Bastkoffer im Arm, der im Sonnenlicht aufleuchtet. Nach einer Weile verschwindet der Unscheinbare aus dem Bild. Der Dicke schlägt sich von unten mit der flachen Hand gegen das Kinn und schürzt die Lippen. Der Kleine lacht. Er nimmt eine comichaft übertriebene Haltung ein, eine Faust vorgestreckt, die andere angewinkelt hinterm Kopf, als wolle er im nächsten Augenblick auf den Dicken losgehen. Dann geht er wirklich auf den Dicken los, und der Dicke schlägt ihn zu Boden. Der Bastkoffer fällt in den Sand, ein Schwall Papiergeld weht heraus. Der Unscheinbare stapft zurück ins Bild und redet mit den beiden. Sie bücken sich nach dem Geld. Als der Wind dreht, werden ihre Stimmen hörbar. Sie sprechen über einen Mann namens Cetrois, versichern sich gegenseitig, dass es nicht an ihnen gelegen hat. Dass sie keine Schuld trifft. Dann halten sie alle gleichzeitig inne und starren in eine Richtung. Allein die Hände des Dicken tasten wie automatisch weiter durch den Sand. Der Kleine wendet sich an den Unscheinbaren und flüstert ihm etwas zu. Der Unscheinbare hält ein imaginäres Bündel Geld hoch und steckt es in eine imaginäre Tasche. In der Ferne erklingt das Geräusch eines Dieselmotors. Eine Autotür schlägt im Off zu. Ein Vierter kommt ins Bild, ebenfalls in weißer Dschellabah. Sein Gesicht und seine Stimme unterscheiden ihn nicht wesentlich von den anderen, allein in seiner Haltung liegt mehr Entschlossenheit. Er spricht ein mit arabischen und englischen Brocken versetztes Französisch.
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