Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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Eine frühe Zusammenfassung der Ereignisse stammte von Canisades, eine erste wirre Einschätzung («Mit weiteren Morden im Ausländermilieu ist zu rechnen.») von der Polizeistelle in Tindirma. Die Anwesenheit ausländischer Beobachter hatte für erhebliche Unruhe in der Oase gesorgt. Polidorio wusste von Karimi, dass es zwischen ihm und einem der örtlichen Polizisten zu Handgreiflichkeiten gekommen war, weil dieser nicht nur hartnäckig sein Gesicht vor jedes Kameraobjektiv drängte, sondern auch versuchte, sich den überlebenden Kommunarden als privater Sicherheitsservice anzudienen.

Brauchbare Fotografien des Tatorts fehlten ganz, dafür fand Polidorio ein mit einer Büroklammer hinter ein leeres Blatt Papier geheftetes Bild vom Türschild am Kommuneneingang. Selbstgetöpfert und mit grün und rot glasierten Blumenranken verziert:

Ici vivent, travaillent, aiment Bina Gilhodes,

Edgar Fowler, Jean Bekurtz, Tareg Weintenne,

Michelle Vanderbilt, Brenda Johnson, Brenda Liu,

Kula & Abdul Fattah, Lena Sjöström, Freedom

Muller, Akasha, Christine, Akhnilo James.

Das Schild musste aus den Anfangstagen der Gemeinschaft stammen, nur zwei der Mordopfer waren unter den Genannten. Von den Übrigen schien nur etwa die Hälfte noch in der Kommune zu leben, wie der Vergleich mit einer von Karimi erstellten aktuellen Liste ergab. Diese Liste umfasste einundzwanzig Personen. Hinter vier Namen stand ein Kreuz, zwei andere waren eingeklammert, als ob ihre Anwesenheit in der Kommune zum Tatzeitpunkt ungewiss wäre oder sie sich ihr jüngst entfremdet hätten.

Polidorio stöhnte, warf zwei Aspirin ein und fing an, die Augenzeugenberichte im Einzelnen zu lesen. Es gab insgesamt einunddreißig, was für hiesige Verhältnisse — und nicht nur für hiesige Verhältnisse — grotesk war. Für gewöhnlich begnügte man sich mit einem Zeugen, der das Richtige aussagte, und versuchte dann, den Verdächtigen damit in Übereinstimmung zu bringen. Das hatte in diesem Fall das öffentliche Interesse verhindert.

Die einunddreißig Augenzeugen gliederten sich in fünf Kommunarden, die sich zum Zeitpunkt der Tat im Haus aufgehalten hatten, und sechsundzwanzig Passanten, die durch die Schüsse angelockt in den Hof der Kommune geströmt waren. Die fünf Kommunarden beschrieben unterschiedlich präzise, aber im Wesentlichen übereinstimmend den Amoklauf: Amadous unerwartetes Auftauchen, sein Monolog über Fragen der Sexualität, die Selbstversorgung mit Alkohol in der Küche der Kommune. Die Waffe, der Versuch, die Stereoanlage hinauszutragen — Tötung der Kommunardin Sjöström. Auffinden des Geldkoffers. Drei weitere Morde, Obstkorb, Flucht.

Die Aussagen der Passanten hingegen waren dürr und bestanden zum größten Teil aus langatmigen Mutmaßungen über Amadous Motive und die politischen Hintergründe. Fast alle erwähnten politische Hintergründe. Das war so eine Redensart. Als Motive wurden genannt: Eifersucht, Rache, gekränkte Familienehre, Hitze, Spiritualität und Verwirrung. Nicht genannt wurde: Geldgier. Was die mageren Tatsachen betraf (Schüsse im Hof, Bastkoffer, Flucht), waren die meisten Aussagen im Wortlaut identisch und folglich wertlos. Entweder plapperten die Leute nach, was sie nur gehört hatten, oder Karimi hatte nachgeholfen.

Drei Viertel der Passanten gaben an, Amadou bereits beim Betreten der Anlage beobachtet zu haben. Polidorio hatte sich von Asiz die Lage der Kommune auf der Karte zeigen lassen, ihr Eingang lag in einer Seitenstraße am Suq, keine Händler rechts und links, viel Verkehr. Ausgeschlossen, dass irgendjemand irgendjemanden bemerkt hatte, der mit dem Auto durch ein offenes Tor hindurchfuhr, hinter dem fünfzehn Minuten später Pistolenschüsse fielen. Überhaupt die Anzahl der Schüsse: Hunderte, Dutzende, viele, zwei.

Weitere Abweichungen: Nicht Amadou, sondern ein Nordeuropäer habe mit der Pistole vor der Tür in die Luft geschossen und sie dann Amadou übergeben (ein Zeuge, befragt von «M. M.»). Eine Wolke habe die Sonne verdunkelt und Amadous Flucht erleichtert (ein Zeuge, befragt von «Q. K.»). Amadou habe eine graue Perücke «wie englische Richter in Spielfilmen» getragen (ein Zeuge), habe Goldstaub in die Menge geworfen, um einen Tumult auszulösen (zwei Zeugen), sei erkennbar betrunken gewesen (vier Zeugen) und habe beim Verlassen des Hauses die Arme in die Luft gehoben und mit ergreifenden Worten den Beistand des alleinigen Gottes erfleht (ein Zeuge).

Die Untersuchung des Tatorts: ein paar Patronenhülsen, ein leeres Magazin. Zwei Kugeln steckten in der Wand, eine in der Decke zwischen erstem und zweitem Stock. Die vier Opfer waren von jeweils mehreren Kugeln getroffen, alle Einschüsse aus nächster Nähe, einer in den Rücken, die anderen frontal. Wenig Zweifel an der Todesursache. Nicht der Hauch eines anderen Verdächtigen. Unterschrift Karimi.

Außer dass die Opfer Europäer waren, war an dem Fall nichts Besonderes.

Polidorio knüpfte die Akte wieder zusammen, schaute sich lange die Notizen an, die er gemacht hatte, und ging dann zum Chef und ließ sich zwei Tage freigeben. Er behauptete, mit seiner unlängst eingetroffenen Familie ein wenig Zeit verbringen zu wollen, schrieb einen Zettel für Asiz, er solle die Fingerabdrücke auf der Waffe überprüfen, und setzte sich ins Auto.

12. CHAMSIN

Strömen zwei Medien unterschiedlicher Dichte aneinander vorbei, ergibt sich eine wellenförmige Begrenzungsfläche.

Helmholtz’sches Gesetz

Es gab zwei Wege zur Piste nach Tindirma. Der kürzere führte in schräger Linie durch Salzviertel und Wüste direkt darauf zu, der andere umging die Elendsquartiere in einer kilometerlangen Schleife im Norden, um knapp vor den Bergen in rechtem Winkel auf die Piste abzuzweigen. Polidorio kannte beide Wege nicht, entschied sich für den kürzeren und hatte sich nach fünf Minuten im Salzviertel verfahren.

Wie um jede andere größere Stadt hatte sich um Targat ein Gürtel aus Bidonvilles gelegt, und die Bereitschaft der Verwaltung, die erbärmlichen Hütten hin und wieder mit Bulldozern die Berghänge hinabzuschieben, schien den gleichen Effekt zu haben wie das sorgfältige Beschneiden einer Pflanze. Nach jeder Säuberungswelle wucherte das Dickicht undurchdringlicher, Straßen und Wege versickerten darin. Wellblech, Kanister, Schutt. Alles, einschließlich der Wege, schien aus Müll zu sein und aus ihm zu wachsen. Mitten auf der breitesten Straße taten sich auf einmal tiefe Löcher auf, in denen Familien lebten. Einige waren mit Plastikfolie bedeckt und mit einer Krone aus Steinen verziert. Als Polidorio in einer Sackgasse zu wenden versuchte, kamen barfüßige Kinder gelaufen und drückten ihre schmutzigen Handteller aufs Beifahrerfenster. Ein Mädchen auf zwei Krücken versperrte den Weg. Andere stellten sich dazu, im Nu schloss eine Menschenmenge das Auto zähflüssig ein. Krüppel, Halbwüchsige, verschleierte Frauen. Sie schrien und rissen an den verriegelten Türen.

Polidorio versuchte, niemandem in die Augen zu sehen. Er hielt mit beiden Händen das Lenkrad umklammert und drückte den Wagen albtraumhaft langsam durch die Menge. Fäuste schlugen aufs Dach. Als sich vor dem Kühler eine kleine Lücke auftat, gab er Gas und entwischte in die nächste Seitengasse. Es erschien ihm wie ein Wunder, dass diese Gasse lang, gerade und menschenleer war. In der Ferne erkannte er zwischen den Baracken die ersten Ausläufer der Wüste.

Er wollte sich gerade entspannt zurücklehnen, als ein Geräusch ihn zusammenfahren ließ. Es schien aus dem Innern des Autos zu kommen. Blick in den Rückspiegel: drei grinsende Kinder. Sie standen auf der hinteren Stoßstange, die Finger oben in die Regenleiste gekrallt. Das mittlere Kind hatte nur eine Hand am Dach und hielt in der anderen eine Sichel, mit der es gegen die Heckscheibe pickte. Der Tacho zeigte 45 Stundenkilometer. Polidorio ging sofort vom Gas. Zwei blinde Passagiere sprangen ab, aber nicht das Kind mit der Sichel.

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