Polidorio, der die einleitenden Sätze verpasst hatte, schüttelte schüchtern den Kopf. Der Altersfleckige war offenbar Spasski. Ein großer, kahlköpfiger Mann. Ein einnehmendes Wesen konnte man ihm immerhin nicht absprechen. Während Polidorio noch geschmeichelt versuchte, sich eine respektvolle Antwort zurechtzulegen («Habe Ihr letztes Buch gelesen», «Diese Party ist so aufregend wie gute Literatur», «Ich wünschte, mein Leben wäre so aufregend wie Ihre Bücher»), hatte Spasski sich schon einem anderen zugewandt und redete nun überaus einnehmend auf diesen ein.
Canisades führte seinen Kollegen anschließend noch bei zwei, drei anderen Gruppen ein, aber Polidorio hatte rasch das Gefühl, seinen Freund von dem Klotz am Bein, der er selber war, befreien zu müssen. Er schlenderte ins Haus und zurück in den Garten, stellte sich hierhin und dorthin, um geschäftig zu wirken, und blieb doch ohne Anschluss. Überall waren die Gespräche in vollem Gange. Das ihm sonst von Gesellschaften so vertraute peinliche Schweigen, gelegentliche und gar nicht so unsympathische Unbeholfenheiten in der Kommunikation, nachdenkliche Pausen zwischen Fragen und Antworten gab es nicht. Alles redete rasend schnell durcheinander. Wenn er hinzutrat, wurde er nicht bemerkt, mitunter sehr ostentativ nicht bemerkt, und wenn er selbst einmal einen Satz einwarf zu Themen, von denen er etwas zu verstehen glaubte, wandte man sich ihm mit so verletzender Höflichkeit zu, dass er sofort den Faden verlor. Die Gesellschaft war eine einzige, unklare Demütigung.
Den ganzen Abend wanderte er verloren umher und mied nur die Gruppe mit der blonden Frau, die ihm ein wenig unheimlich war. Er wurde immer schweigsamer und hörte nur noch zu. Er beobachtete.
Wenn es eine Eigenschaft gibt, die den erfahrenen Kriminaler vor dem Laien auszeichnet, ist es die Qualität seiner Wahrnehmung. Er weiß sofort, wohin er schauen muss, er scheidet das Wichtige vom Unwichtigen, er kennt die Unzuverlässigkeit des menschlichen Blickes. Wahrnehmen und Beobachten ist kein Naturtalent, man kann es studieren und einüben … diesen Unsinn jedenfalls hatte man Polidorio seinerzeit auf der Polizeiakademie gelehrt, und häufig, wenn er sich in Gesellschaft langweilte, versuchte er noch einmal vergeblich, ihm gerecht zu werden. Er sah Gespräche und Sprecher vorübertreiben, hörte auf Unsinniges und Zusammenhangloses, bemühte sich kurz, es zu verstehen oder sich wenigstens zu merken, und steigerte sich doch nur immer mehr in Abwehr und Verachtung hinein.
«Um mal eine Hausnummer zu nennen, wir bewegen uns im Bereich von drei fünf. Eventuell drei sieben.»
«Vor hundert Jahren hätte man aus den Daten zum Verkehrsaufkommen vorhergesagt, dass London 1972 im Pferdemist versinkt. Nichts anderes macht Peccei, die taube Nuss.»
«Vielleicht der geistreichste Mann der südlichen Hemisphäre.»
«Sobald ein Schriftsteller irgendeine Form von Literaturtheorie ausmünzt, läuft sie immer sofort darauf hinaus, dass zum allgemeinen Ziel erklärt wird, was der Autor selbst am besten kann und schon seit Jahren praktiziert. Das ist keine Theorie. Das ist das, was sich heranbildet in kleinen Hasen, wenn es nachts dunkel wird im großen Wald. Und Theorien von Leuten, die nicht schreiben: lächerlich. Insofern, es gibt keine Theorie.»
«Die sogenannte Wirklichkeit.»
«Und wenn jemand mir die Tür aufhält, gerate ich sofort unter Druck, ich fühle mich verpflichtet. Ich fange an zu rennen. Aber ich selbst halte natürlich auch immer die Türen auf. Bin ich deshalb Sadist? Fiel mir heute Morgen ein. Der Türaufhaltesadist.»
«Ah, der Herr Cetrois. Guten Abend, guten Abend! Wieder in geheimer Mission? Wo ist denn Ihr Freund?»
«Und mit geistreichster Mann der südlichen Hemisphäre meine ich, ich kenne ‹Katanga› von ihm, das müssen Sie hören. Der kennt jeden einzelnen der Beteiligten, der kann Ihnen die Belgier bis in die Haarspitzen beschreiben, er weiß, was jeder gemacht hat, er weiß, wo die wohnen, er weiß, wie viel Kinder die haben. Und wir reden hier von Geheimdienst. Er kommt direkt aus Cambridge. Jura. Sie lachen! Sie haben Lumumba nicht ernst genommen, und Sie lernen nicht dazu. Das halbe Land hat er schon hinter sich. Ich versichere Sie, wenn es einmal einen Präsidenten eines Vereinigten Afrika geben sollte … Sie dürfen sich nicht blenden lassen von der kruden Rhetorik der Mitstreiter. Das ist die Scharnierzeit, das ist die Blutleuchte, und er ist der Mann. Einfach brillant. Und er ist erst neunundzwanzig. Warm anziehen. Warm anziehen! Helms hat schon den ersten Mann in sein Büro gepflanzt, das glauben Sie nicht, nicht? Hat er aber.»
Der Sprecher hatte einen leicht osteuropäischen Akzent. Sein Gegenüber, ein Grauhaariger mit Hut, Anzug und Einstecktuch, schien nicht einverstanden. Von einer afrikanischen Blutleuchte wollte er durchaus nichts wissen und von friedlicher Einigung noch viel weniger. So wünschenswert der Fortschritt sei, so sehr verlange er zunächst den Rückschritt, den Rückschritt durch Not, Elend, Opfer und Revolution. Und deshalb gebe es kein Vereinigtes Afrika, dafür seien die Gegensätze hier nicht ausgeprägt genug. Es gebe kein klares Oben und Unten, im Grunde überhaupt kein Oben, und vor allem kein Bewusstsein davon. Wohin man auch blicke, nur gesellschaftliche Formlosigkeit, schlechtverstandene Strukturen und schlappes Gemetzel. Er korrigiere sich: zielloses Gemetzel. Nein, dergleichen Utopien könnten ihrer Verwirklichung nur entgegensehen im Zuge des noch viel größeren Projektes des Weltstaates, wobei man auf Europa vertrauen müsse. Amerika zu selbstherrlich, Russland verausgabt und Restasien seit je unpolitisch und Zweitverwerter okzidentaler Staatstheorie. Er rechne spätestens zur Jahrtausendwende damit: der Weltstaat, von Europa aus. Bei dem Wort «Jahrtausendwende» lachte sein Gegenüber albern auf, und auch Polidorio, der das Wort zum ersten Mal hörte, schien es, als sei es kaum wahrscheinlich, dass zu diesem Zeitpunkt noch menschliches Leben auf der Erde wäre. Sie stritten sich weiter.
Die blonde Frau stand allein am Rande des Gartens und schaute in die Nacht hinaus. Man hatte einen Blick das ganze Küstengebirge hinunter. Mondbeschienene Wellenkämme wanderten glitzernd auf einen unsichtbaren Strand zu. Eine Gruppe um Moleskine blätterte in einem Jugendwerk Spasskis wie ausgelassene Teenager in einem FKK-Katalog, in gelber Turnhose lief ein betrunkener Fünfzehnjähriger mit einer riesigen Infusionsspritze hinter Polidorio her und erlaubte sich mehr als einmal den Scherz, so zu tun, als wolle er sie ihm (und anderen Gästen) ins Gesäß rammen.
Irgendwann stand Polidorio dann neben dem jungen Diplomaten, der von osteuropäischer Seite bereits als zukünftiger Präsident des Vereinigten Afrika gehandelt wurde. Blitzend weiße Zähne im schwarzen Gesicht, heller Anzug, überaus gewinnendes Lächeln. Er war tatsächlich ungeheuer schnell im Kopf, wie Polidorio mit den Resten seiner betrunkenen Wahrnehmung feststellen konnte, er hatte Humor, er war geistreich. Aber was nützte es ihm? Er war immer noch ein Schwarzer. Schon nach der ersten Hypotaxe konnte Polidorio ihm nicht mehr folgen.
Als der zittrige Gastgeber von zwei Lakaien gestützt auf einen Klappstuhl im Garten stieg, verstummten alle Gespräche. Die Lakaien blieben vorsorglich neben dem Stuhl stehen, aber Spasski scheuchte sie mit herrischer Geste weg. In Erwartung einer bedeutenden Darbietung drängte die Menge hinzu, von irgendwoher erklang spontaner Vorabbeifall, und auch Polidorio, der wusste, wie viel Canisades die Bekanntschaft dieser amerikanischen Künstler bedeutete, näherte sich mit einer hochgezogenen Augenbraue. Als nur noch das leise Klirren der Eiswürfel in den Gläsern zu hören war, hob Spasski die Stimme. Brüchig, monoton, ein wenig säuselnd, aber auf ihre eigene Weise auch durchdringend, sodass auch in den entferntesten Winkeln des Gartens niemand Mühe hatte, seinen Worten zu folgen.
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