Ich bin überzeugt, dass er im Sommer farbige Prünellhalbstiefel trug, mit Perlmuttknöpfchen an der Seite.
Dostojewski
Bei der richtigen Witterung und wenn der Wind vom Meer kam, konnte man durch die geöffneten Fenster das leise Plätschern der Wellen bis zum Bungalow hinauf hören. Die mit Bergen umstandene Bucht bündelte den Schall und trug ihn an das Ohr derer, die im Halbschlaf lagen. Der Mann ohne Gedächtnis hatte sein Gesicht dem Fenster zugewandt und die Augen geschlossen. Einfältige Gedanken von Ewigkeit und erhabener Größe, die er mit der eigenen Unwichtigkeit kontrastierte, spülten durch sein nächtlich müdes Hirn, und mit Schmerzen am ganzen Körper erwachte er. Mitten im Zimmer stand ein Schatten. Im ersten Moment glaubte er an eine Täuschung. Aber der Schatten bewegte sich: Eine Frau in Jeans und engem T-Shirt, barfuß. Sie stand vor dem Stuhl, auf dem er am Abend zuvor seine Kleider abgelegt hatte. Gerade war sie dabei, die Taschen der Anzughose umzustülpen. Sie betastete den Hosenbund und legte die Hose geräuschlos zurück auf den Stuhl. Dann untersuchte sie das Jackett, von dem Sandbröckchen abfielen, prüfte die Innentasche, die beiden anderen Taschen und fuhr mit Daumen und Zeigefinger die Säume entlang. Sie hob einen braunen Halbschuh hoch, zog die Einlage heraus und schaute in den leeren Schuh. Rüttelte am Absatz, stellte den Schuh zurück und griff nach dem zweiten. Bevor sie sich zum Bett umdrehen konnte, schloss er die Augen. Aber er hielt es nicht lange aus.
«Fündig geworden?», fragte er laut. Es sollte kein Vorwurf sein. «Nur ein Bleistiftstummel», antwortete Helen ohne das geringste Zeichen von Schuldbewusstsein.
«Ich weiß.» Er setzte sich im Bett auf.
«Und ein Schlüsselbund.»
«Ja.»
«Und sagt dir der Name was?»
Sie hielt sein Jackett an beiden Schultern hoch. Im Kragen war ein kleines, weißes Stoffrechteck eingenäht, darauf stand mit dunkelgrauem Faden: CARL GROSS.
«Ist das nicht der Hersteller?»
«Denk ich auch. Wobei ich von der Firma noch nie gehört hab.»
Helen holte eine Rasierklinge aus dem Badezimmer und trennte auf der Bettkante sitzend das Etikett heraus. Auf der Rückseite lagen die Fäden flott, lange, dunkelgraue Parallelen, maschinengestickt, ganz offensichtlich das Firmenschildchen. Helen nahm das Stoffrechteck und drückte es gegen seine Stirn.
«Was dagegen, wenn ich dich trotzdem so nenne? Weil, irgendwie muss ich dich ja nennen. Carl.»
«Carl?»
«Carl.»
«Da muss aber noch was sein», sagte er und fingerte einen kleinen, rötlichen Papierschnipsel mit ascheschwarzen Rändern aus der Tasche der Anzughose. Name, Doppelpunkt. Nichts weiter.
Beim Frühstück stützte Helen ihr Gesicht in die linke Hand, Zigarette senkrecht nach oben, und machte sich einen Spaß daraus, ihn in jedem Satz mit Carl anzureden. «Zucker zum Kaffee, Carl? Warum hast du deinen Ausweis verbrannt, Carl? Von Hippies war gestern aber noch nicht die Rede. Carl.»
«Was hab ich denn gesagt?»
«Typen.»
Aus dem Schlafzimmer holte Helen einen gelben Blazer und lachsrosa Bermudas. Sie brauchte zwei Tassen Kaffee und vier Zigaretten lang, bis sie Carl überredet hatte, ihre Kleider wenigstens versuchsweise einmal anzuziehen. Sie passten ihm wie angegossen.
«Dein Zeug kannst du nachher ins Hotel bringen.»
«Ich seh aus wie ein Kanarienvogel.»
«Bis morgen ist das fertig.»
Anschließend fuhr Helen mit dem Honda zum amerikanischen Konsulat, um dort, wie sie sagte, ein paar Informationen einzuholen, während Carl einen Spaziergang zum Sheraton hinauf unternahm. Nachdem er sein Bündel in die Hotelreinigung gegeben (und sich bei dieser Gelegenheit erstmals als «Carl Gross, Nummer 581d» vorgestellt) hatte, fragte er den Hotelangestellten noch aufs Geratewohl, ob er einen Cetrois kenne, Monsieur Cetrois. Ja, in Targat heimisch. Nein, kein Hotelgast. Wahrscheinlich nicht.
Aber der Mann kannte keinen Cetrois und musste einen zweiten Angestellten herbeirufen, der ebenfalls nichts wusste. Der erste rief einen dritten und der zweite einen vierten, und bevor es zu einem Massenauflauf kommen konnte, gab Carl den Männern ein Bakschisch aus einem Packen kleinerer Geldscheine, den Helen ihm zugesteckt hatte, bedankte sich und ging.
Gegen den ausdrücklichen Rat seiner Freundin schlug er den Weg nach Targat hinunter ein. Er sah freundliche Gesichter, er sah unfreundliche Gesichter, er las Straßen- und Firmenschilder. Ein Rechtsanwalt hieß Croisenois. Auf einem Stein stand In memoriam Charles Boileau . Versuchsweise sprach er einen Passanten an, aber je näher er dem Stadtzentrum kam, desto häufiger wurde er auch selbst angesprochen. Mit dem gelben Blazer und den Bermudas sah er aus wie ein sehr exzentrischer, sehr reicher Tourist, und in den engen Gassen rund um den Suq konnte er keine fünf Schritte gehen, ohne dass irgendwelche Männer mit Worten und Gesten herzlichster Vertraulichkeit auf ihn zustürzten. Hilfsbereite, jugendliche Nichtstuer, Scharlatane, Händler begrüßten ihn per Handschlag. Den meisten stand ins Gesicht geschrieben, was sie von ihm wollten, doch plagte ihn bei vielen auch der Verdacht, sie könnten ihn aus einem früheren Leben kennen.
Aber den Männern Fragen zu stellen, war aussichtslos. Mit einem freudigen «Wie geht’s!» warfen sie ihrem lieben alten Freund und guten Bekannten einen schweren Arm um die Schultern und versuchten, ihn in kleine Läden zu bugsieren, in denen sie oder ihre Cousins unterschiedslos Gewürze, Sandalen, Schachteln aus Thujaholz, bunte Bänder, Plastiklöffel und Sonnenbrillen feilboten.
Um die Prozedur abzukürzen, änderte er schließlich seine Strategie. In einer weniger belebten Straße setzte er ein etwas gedankenverlorenes Gesicht auf, um dann seinerseits mit allen Zeichen freudigen Wiedererkennens auf irgendwelche Leute zuzustürzen und sie immer abwechselnd zu fragen, wo sie einander zuletzt gesehen hätten oder ob Monsieur Cetrois heute schon da gewesen sei. Er tat, als sei er hier verabredet gewesen mit seinem Freund, seinem Feind, seinem Schwager, seinem Schuldner. Er tat, als habe er ihn zuletzt vor fünf Minuten noch gesehen, oder erweckte den Eindruck, Monsieur Cetrois wohne hier gleich nebenan, Straße und Hausnummer vergessen. Er beschrieb einen durchschnittlichen Araber, einen Franzosen, einen Schwarzen. Aber niemand schien je von einem Mann dieses Namens gehört zu haben. Als einziges Ergebnis seiner Recherche schleppte er eine Traube von Straßenkindern hinter sich her, die ihm einen egalweg großen, schlanken, kleinen, bärtigen, dicken, hellhäutigen, negroiden, reichen, stinkenden oder drahtigen Monsieur Cetrois jederzeit herbeizuschaffen versprachen gegen ein paar Kupfermünzen oder eine Fahrt im Autoskooter. Schließlich nahm er erschöpft in einem Straßencafé Platz.
Er hatte den Minztee schon zur Hälfte getrunken, als sein Blick auf ein Schild über dem Eingang des Nachbarhauses fiel: Commissariat Central .
Seine Angst vor der Polizei war ungebrochen groß, aber zugleich musste er gegen die Gravitationskraft ankämpfen, die das Gebäude auf ihn ausübte: Wo, wenn nicht dort, gab es Informationen über vermisste Personen?
Er sah zwei Polizisten aus der Tür treten und sich unterhalten, nur einige zwanzig Meter entfernt. Der eine trug eine sich unter der Kleidung deutlich abzeichnende Waffe und ließ seinen Blick über die Menge gleiten, während er sich mit gespreizten Fingern durch die Haare fuhr. Mitten in der Bewegung hielt er plötzlich inne, packte seinen Kollegen am Arm und zeigte mit dem Kinn in Richtung des kleinen Cafés, in dem ein einzelner Gast in einem gelben Blazer saß … oder bis vor zwei Sekunden noch gesessen hatte.
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