«Und das alles wäre ein großer Quatsch vermutlich», sagte Helen zu Carl, «wenn es nicht zufällig da wäre, wo ich dich aufgelesen hab. Jedenfalls nah dran.»
Sie fuhren los.
In der flirrenden Hitze des Nachmittags gaben sich die Kamele ihren zeitlosen Kuss. Der Wind wehte gelben Staub von ihren Rücken.
Die kleine Abzweigung in die Berge war leicht zu finden, aber von Resten eines Hauses konnte man nicht ernsthaft sprechen. Ein paar Bretter lagen zwischen den Felsen, ein verbeulter Eimer. Nach längerer Suche entdeckte Carl die vier Pfosten, die einmal die Ecken des Gebäudes gewesen sein mochten, und sogar ein kleines Tableau mit halb abgeblätterten arabischen Schriftzeichen: ein Teil des Wortes Goldmine. Das war alles.
Carl, der große Hoffnungen in diesen Hinweis gesetzt hatte und aus Verzweiflung so heftig gegen einen Stein trat, dass er glaubte, sich den Fuß verstaucht zu haben, wollte sofort nach Targat zurück. Helen war dagegen.
«Wenn du eine Gaststätte hast und nennst die Zur Mühle , dann heißt das doch in aller Regel, dass da irgendwann mal eine Mühle war. Selbst wenn die schon seit hundert Jahren nicht mehr steht und sich keiner mehr erinnern kann. Oder? Warum nennt einer sein Restaurant Zur Goldmine ? Lass es uns wenigstens versuchen.» Sie zeigte auf den schmalen Weg, der sich in die Berge schlängelte, und Carl, der einer neuerlichen Enttäuschung aus dem Weg gehen wollte und zugleich wütend war, nicht selbst auf diesen Gedanken gekommen zu sein, stieg widerwillig ins Auto.
Kahl und gleichförmig reihten sich die Berge aneinander. Vereinzelt waren Felsbrocken über die nackten Flanken hinuntergestürzt. Hier ein kleiner Felsen, dort ein großer. Gelbe und graue und braune Monolithen bedeckten die Hänge wie eine mittelmäßige Kunstausstellung. Im Schritttempo kroch der Honda die Steigungen hinauf.
Hinter einer Wegbiegung bremste Helen, weil sie oben am Berg eine Bewegung gesehen zu haben meinte. Sie setzte ein Stück zurück, und in einem schmalen Felsspalt dreißig oder vierzig Meter über der Straße wurde ein Mann in bunter Freizeitkleidung sichtbar, den Blick auf den Boden gerichtet. Seinen haarlosen Schädel zierte ein an den Ecken vierfach geknotetes Taschentuch. Auf seiner Schulter wippte eine Apparatur, die sich jedes Mal, wenn er den Oberkörper etwas hinunterbeugte, in seinem Rücken wie ein Mast aufrichtete. Die Apparatur bestand aus einer langen Angelrute mit einem großen, feinmaschigen Netz obendran. Vor der Öffnung des Netzes war eine kreisrunde Holzscheibe, die mit einem Seilzug am Griffende geöffnet und geschlossen werden konnte. Der Mann hatte nur kurz zum Honda hinuntergeblickt und war dann weitergetrottet.
Helen lehnte sich aus dem Fenster.
«Beißen sie?», rief sie auf Englisch. Der Schall brach sich zwischen den Felsen und hallte zurück. Der Mann tat einen unsicheren Schritt zur Seite, um besser sehen zu können. Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter und rief: «Eigene Erfindung!»
«Kennen Sie sich hier aus? Wir sind auf der Suche nach einer —»
«Levi Doptera! Ich!», brüllte der Mann.
«Angenehm, Helen Gliese!», rief Helen. Sie stellte den Motor ab. «Nach einer Mine. Hier muss es irgendwo eine Mine geben.»
«Eine Schiene?»
«Mine. Eine Goldmine.»
«Brauchen Sie Geld?»
«Wir suchen ein Bergwerk.»
«Ich hab Geld wie Heu», rief der Mann und winkte.
«Sag ja», sagte Carl.
«Nein!», brüllte Helen. «Sie haben nicht zufällig irgendwas gesehen? Oder ein stillgelegtes Bergwerk?»
«Ausgezeichnet!»
«Was sagt er?», fragte Carl.
«Ich weiß es nicht», sagte Helen. Und laut zum Fenster hinaus: «Was ist ausgezeichnet?»
«Ich bin auch auf der Suche!», brüllte der Mann. «Levi Doptera.»
«Phantastisch!», rief Helen. «Aber so was wie Bergbau haben Sie hier auch nicht gesehen?»
«Wo ein Berg ist, gräbt der Mensch! Lassen Sie sich nicht entmutigen. Meine Erfahrung.»
«Lass uns weiterfahren», flüsterte Carl, «der hat sie nicht alle.»
«Vielen Dank für die klugen Worte!», rief Helen. «Sollen wir Sie ein Stück mitnehmen?»
«Nein, nein!» Der Mann lachte, und der Kescher wippte lustig hin und her.
«Dann halt nicht. Arsch.»
Die Straße wurde immer schmaler und steiler und endete einige Kilometer weiter zwischen zerbröselten Felsen, mitten im Nichts.
Carl und Helen stiegen aus und besahen sich die Umgebung. Kahle Bergflanken rechts und links, Eidechsen in der Sonne. Staubige Disteln.
Helen erklärte die Unternehmung daraufhin für endgültig gescheitert, aber jetzt war es Carl, der schon fünfzig oder hundert Meter einen Hang hochgeklommen war und weiter hinaufstieg auf der Suche nach Spuren menschlichen Wirkens. Helen rief ihm eine Weile hinterher, dann setzte sie sich ins Auto und verfolgte durch die Windschutzscheibe die kraxelnde Gestalt, die nach geraumer Weile den Bergkamm erreichte, kurz Ausschau hielt und achselzuckend auf der anderen Seite verschwand. Zehn Minuten vergingen. Eine halbe Stunde. Ermattet saß Helen auf dem Fahrersitz, beide Autotüren weit geöffnet. Ein Berggipfel warf den ersten Schatten hinter Helen ins Tal. Sie löste die Handbremse und ließ das Auto langsam dorthin zurückrollen. Als sie die Bremse wieder anzog, entdeckte sie einen winkenden Mann ganz oben auf den Felsen. Carl winkte, und er musste schon länger gewinkt haben. Helen rief etwas zu ihm hinauf, er antwortete nicht und wedelte nur weiter mit den Armen.
Nach einem seufzenden Blick auf ihre Riemchensandalen machte sich Helen daran, ganz vorsichtig den Berg hinaufzusteigen.
«Pscht», sagte Carl, als sie oben angekommen war. Er zog sie an einem Felsen vorbei, kroch ein Stück auf allen vieren und zeigte hinunter in die Tiefe. Auf der gegenüberliegenden Bergflanke war auf halber Höhe ein kleines Plateau mit einer winzigen Hütte zu erkennen. Ein Windrad drehte sich, Fässer standen zu einer Pyramide getürmt, und knapp über der Hütte war ein riesiger Stollen in den Berg getrieben. Seitlich davon fielen Abraumhalden den Berg hinunter wie versteinerte Wasserfälle.
«Soldaten», sagte Carl.
«Da in der Hütte?»
«Da.» Er zeigte in eine ganz andere Richtung. «Die haben da rumexerziert und sich ganz komisch bewegt. Dass das keine Erwachsenen sind, hab ich erst gemerkt, als einer auftauchte, der doppelt so groß war wie alle anderen.»
«Kinder?»
«Hatten aber Gewehre und Uniform und alles. Jetzt sind sie schon zehn Minuten weg.»
«Und bei der Hütte waren die nicht?»
«Nein. An der Hütte tut sich nichts. Aber wenn das keine Mine ist, weiß ich auch nicht.»
Sie beobachteten noch eine Weile das Tal und die Hütte und entschlossen sich dann, auf einem in die Steilwand getretenen Weg abzusteigen. Als sie durch die Talsohle marschierten, krachte ihnen ein Schuss um die Ohren. Carl warf sich sofort zu Boden. Helen suchte Schutz hinter einem Felsbrocken. Von den Felswänden hallte das Echo wider. Keiner von ihnen hatte gesehen, woher der Schuss gekommen war.
Es blieb eine Weile still. Dann hörten sie, wie jemand in schlechtem Englisch brüllte: «Amerika! Scheißamerikaner!»
Auf dem Plateau stand schräg über ihnen jetzt ein Mann und schwang eine Winchester wie eine Keule über dem Kopf herum. Die Waffe rutschte ihm aus der Hand. Er lachte. Er hob sie wieder auf, machte sich am Verschluss zu schaffen und hielt sie dann mit einer Hand senkrecht in die Luft. Presste seinen Kopf fest an den hochgereckten Arm, steckte sich den Zeigefinger seiner anderen Hand ins Ohr und schoss. Der Schuss hallte wie zuvor. Der Mann hüpfte hin und her und rief: «Scheißamerikaner!»
«Dieses Land fängt an, mir auf die Nerven zu gehen», sagte Helen.
Sie rief dem Mann aus ihrer Deckung auf Französisch zu, dass sie sich verlaufen hätten. Dass sie nicht wüssten, wie sie zur Straße zurückkommen sollten und dass sie einen Schluck Wasser gebrauchen könnten.
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