Obwohl nun alles zu seiner Zufriedenheit eingerichtet war, ertappte er sich manchmal bei der Träumerei, er würde seinen Löwen einer Versammlung von Zoologen und Zoodirektoren in einem riesigen Auditorium präsentieren. Wie ein Dompteur, allerdings ohne Peitsche, trat er herein, im Gefolge den schleichenden Löwen. Er beugte sich zu ihm nieder und flüsterte ihm seine Befehle ins Ohr, hieß ihn sich auf die Hinterbeine setzen oder sich hinlegen, sich auf den Rücken wälzen und seinen Bauch herzeigen. Verblüfft wären die Herren vom Fach, äußerst verblüfft, wenn sie, von ihm dazu aufgefordert, die Handprobe vorzunehmen, vorsichtig näher rückten und — der eine dem anderen den Vortritt lassend — durch den Löwen hindurchgriffen und nichts, buchstäblich nichts erwischten als eine Handvoll Luft.
Eine Vorlesung war ausgefallen, weil der Professor krank geworden war. Manche deuteten es als Zeichen, daß dieses Krankwerden mit dem Tod seiner Studentin in Verbindung stand. Soweit sie sich erinnern konnten, hatte der Professor noch nie eine Vorlesung ausfallen lassen. Es wurde darauf gelauert, ob er wohl in der folgenden Woche — und sei es in einer entlegenen Anspielung — auf den Vorfall zu sprechen kommen würde.
In gespannter Erwartung saß Hansi mit aufgeschlagenem Notizbuch, einen Montblanc darüber gelegt, in seiner Bank, ein Solitär zwischen drei frei gebliebenen Plätzen, die gemieden wurden, als könnte man auf ihnen einen Hautausschlag bekommen. Obwohl sich der Hörsaal füllte und einige schon auf dem Boden hockten, setzte sich niemand neben Hansi. Daß er einen Nachbar hatte, kam höchst selten vor, und dann handelte es sich jedes Mal um einen von den Alten aus der Stadt, die ihn nicht kannten.
Dieses Mal nahm Gerhard neben ihm Platz, was in Hansi eine winzige Aufscheuchung bewirkte, seine linke Wange begann zu zucken.
Von wem stammt der Pont Euxinius? fragte Gerhard.
Hansi rückte ein wenig von ihm ab, gab aber mit klarer Stimme Auskunft: Von einem unbekannten Studenten, der im Karzer starb. Dann hob er seine Ledermappe vom Boden hoch, kramte darin und holte das Blatt mit dem Gedicht hervor. Er legte es vor Gerhard hin.
Gerhard überflog das Blatt. Es war fein säuberlich abgetippt, vermutlich auf Hansis Schreibmaschine, in einer leicht geschwungenen, etwas mädchenhaften Schrift.
Und wie bist du auf ihn gekommen?
Richard setzte sich auf die linke Seite neben Gerhard, ohne Hansi zu grüßen. Der kümmerte sich nicht weiter darum, sondern hielt den Kopf gerade und beobachtete Gerhard nur aus dem Augenwinkel, wobei er zu einer längeren Suada über seine Gedichtforschungen anhob: er sei darin Temperamenten auf die Spur gekommen, die auf dem Sonderrecht der Verborgenheit bestünden, sei es aus Gleichmut, sei es aus Resignation, und er sehe sich in der Pflicht, ihr sorgsam aufgebautes Incognito zu wahren und zu schützen, nur der Poesie selbst wolle er freien Lauf lassen, ihr zur Geltung verhelfen; um so bemerkenswerter, wenn die Gedichte einst in flüchtigen Kritzeleien aufs Papier geworfen worden seien, ohne Anspruch auf Ewigkeit, sich aber wie durch ein Wunder erhalten hätten, um nun in ihm, Hansi, einen zu finden, der sie wieder zu Gehör bringe und damit ihrer eigentlichen Bestimmung zuführe.
Gerhard hatte Mühe, sich auf Hansi zu konzentrieren, denn von der linken Seite her plapperte Richard ihm das Ohr voll. Auch er war ein Schwadroneur vor dem Herrn und erzählte von seinen Südamerikaplänen.
Dann öffnete sich die Seitentür, Blumenberg trat ein, legte Hut und Mantel ab.
Gerhard verstand nur die ersten Sätze Blumenbergs. Sie handelten vom Konjunktiv als einem meisterlichen Instrument, verschiedene Zeiten im Irrealis an das Denken heranzuführen, um die mit Hilfe von Meßinstrumenten captivierte Zeit und das, was sich in den Erinnerungen als abgelaufene Zeit und darin scheinbar gesicherter Bestand abgelagert hatte, zu durchkreuzen und in andere Modelle zu überführen. Blumenberg hatte dafür das Mittelfeld der riesigen, nicht ganz sauberen Wandtafel hinter sich freigewischt, das Wort Irrealis hingeschrieben und mit lauter von ihm ausgehenden Strichen versehen, so daß es aussah wie ein Igel.
Die rechts von den Strichen weggeschriebenen und links an sie herangeschriebenen Wörter konnte Gerhard nicht lesen, da er kurzsichtig war. Auch was Blumenberg dazu erklärte, verschwamm in seinem Inneren oder tauchte allenfalls in Bruchstücken auf, weil Isa wieder und wieder im weißen Kleid an ihm vorbeiradelte.
Obwohl Blumenberg auch von den Toten sprach, die im Hintergrund als Zeugen auf die Lebenden lauerten, Zeugen, vor denen sich die Lebenden zu verantworten hätten, worin die Idee der Unsterblichkeit zum Ausdruck kam, weil immer neue Generationen über den Tod der gerade Verstorbenen hinweg eine ins Unendliche driftende Zeitverlängerung betrieben, wobei an diese unentwegt sich ins Unendliche verlängerte Zeit der Konjunktiv seine subtilen Erkundungsmöglichkeiten gerade in bezug auf die Zeugenschaft herantrug, ließen sich die Ausführungen des Professors kaum auf den Todesfall beziehen. Gerhard ahnte, daß Blumenberg nicht wußte, wer die tote Studentin war, sie nicht im entferntesten mit sich selbst in Verbindung bringen konnte. Insgeheim grollte er ihm. Auch wenn Blumenberg keinen aktiven Anteil daran hatte, wofür er in Isas Hirn hatte herhalten müssen, war’s ein Professorpopanz mit Namen Blumenberg gewesen, der sie in den Tod gescheucht, zumindest ihren Entschluß vorangetrieben hatte. Immer wieder hörte er die Uhr schlagen, die auf der Konsole im Wohnzimmer von Isas Eltern stand.
Auch Hansi tat sich offenbar schwer damit, sich zu konzentrieren, vielleicht, weil unüblicherweise ein Kommilitone den Platz neben ihm okkupiert hatte. Krampfhaft hielt er sein Notizbuch geschlossen, um zu verhindern, daß Gerhard darin unerlaubt Einblick nahm. Wenn er es aufschlug, um etwas zu notieren, benutzte er nur die rechte Seite und stellte die linke hoch, damit sein Gekritzel geheim blieb. Seine Beine fuhren in einer Scherenbewegung immer wieder auseinander und zusammen, bis er die Hand auf den rechten Oberschenkel legte und die Bewegung unter Kontrolle brachte.
Richard hing überaus entspannt in seinem Sitz, wahrscheinlich würde es nicht allzu lang dauern, bis er vollends einschlief. Saß der Mann zur Rechten aufrecht wie ein Pharao, rutschte der Mann zur Linken immer mehr in sich zusammen. Gerhard war irritiert, da er zwischen zwei so ungleichen Nachbarn eingeklemmt saß. Wobei ihm Hansi mehr zu schaffen machte. Er bereute es, neben ihm Platz genommen zu haben. Von Hansi ging eine enorme Spannung aus, die auch auf ihn übergriff, seine ganze rechte Seite war dadurch in Aufregung gesetzt, keine produktive Spannung, die etwa die Aufmerksamkeit erhöht hätte, sondern eine aggressive, paranoide Zwistigkeit, die nun auch in seinem Inneren zu toben begann.
Gerhard schnappte mit Müh und Not den Satz auf: Wenn die Toten noch lächeln könnten, würde Stefan George gelächelt haben, den Blumenberg dahin gehend interpretierte, der Konjunktiv gewähre hier eine außerordentliche Seelenfeinsicht, er gewähre Edelmütigkeit — dann war es um Gerhards Aufmerksamkeit geschehen. Hansi hatte ihn im Griff. Alle seine Gedanken schwirrten um Hansi, waren bestrebt, das Phänomen Hansi zu ergründen.
Weshalb war es so kompliziert, mit Hansi auszukommen? Gerhard war nicht der einzige, der damit Mühe hatte, obwohl er gerade eben durch das vorgelegte Gedichtblatt einen erstaunlichen Vertrauensbeweis von dem seltsamen Gesellen empfangen hatte. Hansi war schön, vielleicht der schönste Mann in Münster. Schöner als alle Tatort -Männer, was kein Kunststück war, aber auch schöner als die meisten Hollywood-Schauspieler. Er zog Blicke auf sich, verwunderte, versonnene, erregte. Aber nur für kurze Zeit. Irgend etwas stimmte nicht mit Hansi. Er thronte irgendwo hoch, hoch oben. Und hatte die unter Studenten ausgestorbene Eigenart, immer mit vorgesteckter Serviette zu essen.
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