Der verhängnisvolle Silvestertag lag bereits Monate zurück, aber der Lärm in seinem Kopf hatte immer noch nicht aufgehört. Steiner hörte manchmal, wenn er das Ohr gegen die Fensterscheiben presste, vielstimmigen Gesang. Vermutlich kam er aus einem der oberen Stockwerke. Da oben ging es zu wie in einem Taubenschlag. Andauernd Partys, Gelächter, Singen. Und diese alberne Jazzmusik, tagein tagaus, oft bis spät in die Nacht.
Einen einzigen Mieter gab es im Haus, den jungen Herrn Kerfuchs, der gerade erst eingezogen war, bei dem er sich noch nie beschweren musste. Er zahlte auch immer rechtzeitig. Aber er war ein sehr scheuer Mensch, sehr zurückgezogen. Obwohl er eine Freundin hatte, eine hübsche noch dazu, eine recht kleine Frau, die immer bedruckte T-Shirts trug und ein wenig hinkte.
Steiner hatte oft versucht, die drei- oder vierzeiligen Sprüche auf ihren T-Shirts zu lesen, aber dazu hätte er ihr auf die Brüste starren müssen, was natürlich nicht in Frage kam. Er hatte schon genug Schwierigkeiten mit der Aufschrift auf seinem Pyjamaoberteil: Time flies like an arrow .
Zeit-Fliegen mögen einen Pfeil .
Der Satz ergab überhaupt keinen Sinn. Steiner hatte den ganzen Abend darüber nachgedacht und zuletzt sogar in einem englischen Wörterbuch nachgeblättert, das noch aus seiner Schulzeit stammte. Er hatte ganz vergessen, wie schwer es war, ein Wörterbuch zu bedienen. Ständig verlor man die Seiten, die man gerade gefunden hatte.
Er schüttelte den Kopf und seufzte wieder.
Auf seiner Brust hob und senkte sich ein zweidimensionaler Elefant, sein Körper kreisrund, der mit seinem Rüssel diesen sonderbaren Satz hochhielt und damit beschäftigt war, die bunten Buchstaben zu ordnen (ein R hing immer noch verkehrt, wie im kyrillischen Alphabet). Daneben der Pfeil, den die Zeitfliegen offenbar mochten. Zu welcher Art von Liebe waren Zeitfliegen wohl fähig? Steiner legte das Wörterbuch zurück auf den Badewannenrand. Egal, was der Satz bedeutete, seine eigentümliche Schönheit gefiel ihm, und außerdem war das Pyjamaoberteil sein liebstes Kleidungsstück. Er legte es nur selten ab. Natürlich trug er es nie in der Öffentlichkeit, höchstens ab und zu, und selbst dann nur unter einer Windjacke oder einem Rollkragenpullover.
Verdammt, dieser Lärm war wirklich unerträglich. Dumpfe Musik, die sich in den Wänden verdickte. Musikschleim. Betrunkene Menschen, die grölten und ausgelassen waren. Jugendliche. Und das gedämpfte Donnern von Feuerwerksraketen, die letzten Nachzügler, weit zurück, in der Vergangenheit. Dabei war es sicher schon halb zwei, dreiviertel.
Natürlich konnte er sich nicht beschweren, niemand würde ihn heute anhören und ihn ernst nehmen. Er war machtlos gegen das Datum, dieses willkürlich gewählte Datum, an dem die Welt jedes Jahr unterging, um am nächsten Morgen genauso strahlend und leer wieder zu erscheinen, als wäre nichts gewesen. Nein, heute war ja gar nicht –
Er war durcheinandergekommen und sah sich nach seiner Frau um.
Gott, wie er dieses Haus hier hasste. Er schöpfte mit der Hand Wasser und fuhr sich durch die Haare. Tropfen rannen ihm über die Augen.
Seine Frau hatte zu ihm immer gesagt, er sei dumm wie ein kleiner, kluger Esel. So in etwa, er erinnerte sich nicht mehr genau. Aber wenn er den Kopf unendlich langsam in den Nacken legte, sodass die Zeit stehen blieb, konnte er ihr wunderbar unverwüstliches Gesicht sehen, das ihn von der Seite anblitzte. Er sah es tatsächlich. So ein hübsches –
Sein eigenes Gesicht erinnerte an ein Smiley. Oder an den Clown Grock . Wenigstens freuten sich die Menschen meistens, wenn sie ihn sahen. Es kam ohnehin nur mehr selten vor. Ihn selbst erinnerte seine Kopfform ein wenig an Charlie Brown, den kleinen, melancholischen Hundebesitzer aus den Peanuts-Comics, eine Mischung aus altem Mann und Schulkind.
Er ging nass in die Küche und setzte sich an den Tisch. Er schlug die Zeitung auf. Sein Blick fiel auf ein Bild einer nackten Frau, die sich aus einem Fenster lehnte, ein geblähtes Segel. Steiners Unterlippe löste sich, wie ein großer, schwerer Tropfen; er hielt seinen Zeigefinger direkt auf den Unterleib der Frau, so lange, bis er etwas spürte, eine feine Bewegung, eine Art Vibration — dann zog er den Finger schnell weg. Aber er blieb an dem feuchten Papier kleben.
Steiner starrte ungläubig. Vorsichtig löste er die Zeitung von seinem Finger — seine Zungenspitze wanderte währenddessen in einen Mundwinkel und bildete dort eine kleine Noppe —, dann zerkratzte er mit dem Daumennagel die feuchte Stelle. Er hatte Druckerschwärze an seinen Fingern. Er leckte sie sauber, atmete schwer.
Seit einiger Zeit fielen ihm überall die Ränder auf, die alle Dinge hatten. Die Zeitung beispielsweise hatte einen annähernd quadratischen Umriss, wenn sie auf dem braunen Holztisch lag. Der Kühlschrank hatte einen ähnlichen Rand, seine Hand einen ganz anderen. Der Rand mancher Dinge war ihm auf beklemmende Weise nicht ausgeprägt genug und er zog ihn nach, zuerst nur symbolisch mit seinem Finger, dann mit einem Bleistift. Er fürchtete um die Dinge. Viele schienen sich ihrer endgültigen Form nicht sicher zu sein. Die Orangen beispielsweise konnten auf einmal ohne Vorwarnung mit der Obstschale verschmelzen, und Fliegen kamen und legten ihre widerlichen Nachkommen unter ihre Haut.
Plötzlich hörte er einen Knall, draußen im Garten.
Er rannte zu einem Fenster, riss es auf, als wäre es eine Hemdbrust, und steckte seinen Kopf in die Kälte.
Nein! Das konnte nicht wahr sein! Raketen! Oh Gott, bitte, nein!
Gabi erholte sich von ihrem großen Zusammenbruch nur langsam. Wolfgang, der wusste, dass er und nur er schuld war, versuchte sie, so gut es ging, wieder an seine Anwesenheit zu gewöhnen. Er setzte sich zu ihr in ein Zimmer und beobachtete sie. Er machte ihr Komplimente und entschuldigte sich an manchen Abenden unaufgefordert bei ihr und zählte ihr lang und breit auf, was er seiner Meinung nach alles falsch gemacht hatte. Sie wollte es meist nicht hören.
Das Einzige, worüber sie sich lange mit ihm unterhalten konnte, war das Baby. Wolfgang musste zugeben, dass das ein ziemlich guter Gesprächsgegenstand war. Die kleine Sandra. Er konnte den Namen nicht denken, ohne zu lächeln.
Geduldig und sehr behutsam versuchten sie beide alles, um wieder zueinander zu finden. Aber der Weg war voller Fallen. Manchmal traten sie mitten im Satz auf eine Mine und verstummten, während das Gesicht des anderen sich im Widerschein der Explosion verdunkelte. Wolfgang ließ sich von Gabi die einfachsten Regeln im Umgang mit dem Baby erklären, obwohl ihm schon nach den ersten Sätzen klar war, dass seine Frau nicht die geringste Ahnung hatte, wovon sie sprach.
Hin und wieder verfiel sie in lange Abwesenheiten, aus denen sie völlig verwandelt zurückkehrte. Dann sprach sie mit schneller, hoher Stimme oder erwähnte Menschen, deren Namen Wolfgang noch nie im Leben gehört hatte.
Und ein weiteres Problem drängte sich auf. Gabi lag nun schon seit einer Stunde in der Badewanne und Wolfgang hatte das lächerlich starke Bedürfnis, seine Frau nackt zu sehen. Aber seit er zu ihr zurückgekehrt war, schämte er sich vor ihr und wich Intimitäten aus. Um Mut zu fassen, umklammerte er seine Trillerpfeife. Dann klopfte er ausgiebig und hörbar und trat ein.
Gabi lag nackt in der Wanne. Wolfgang sah ihr nasses Haar, das in Spiralen in den Schaum fiel, ihre Schultern, die kleine rosa Insel ihres angewinkelten Knies. Immer noch kam er sich fremd vor. Er gehörte ebenso wenig zu ihrem Leben und seinen Notwendigkeiten wie ein zwischen zwei Seiten zerquetschtes Insekt zum Symbolvorrat eines Buches.
Ein großer, nervöser Fremdkörper bewegte sich vorsichtig durch das Badezimmer.
— Ich wollte nur was holen, sagte er.
Читать дальше
Конец ознакомительного отрывка
Купить книгу