Und manchmal hörte ich ihn sogar beim Einschlafen, wenn ich meinen Kopf auf dem Polster hin und her drehte, manchmal hörte ich da seine Stimme, nur für einen Augenblick und wie durch Mauern gedämpft, aber es war eindeutig seine Stimme. Er sagte irgendetwas Ruhiges, Gute Nacht oder Pass auf dich auf in einer fremden Sprache.
An anderen Tagen fand ich die Fernbedienung im Wohnzimmer woanders liegen. Vielleicht hatte er während meiner Abwesenheit kurz ferngesehen, natürlich. Ich experimentierte ein wenig, ließ im Winter das Küchenfenster lange, viel zu lange offen, was ihn immer zur Weißglut gebracht hatte, aber er tappte in keine meiner Fallen. Sein Versteck musste hermetisch abgeriegelt sein, sodass es ihn vor einem frühzeitigen Abbruch seines Exils bewahrte. Vielleicht existierte an der verborgenen Tür der Geheimkammer so etwas wie ein Zeitschloss, das ihn erst freigab, wenn ich, sagen wir, achtzehn Jahre alt war.
An einem hellen Morgen im Mai wachte ich spät auf. Ich war bis drei Uhr morgens wach gelegen und hatte mit dem Weltempfänger unverständliche Radioprogramme gehört. Eine Kleine Nachtmusik auf einem russischen Sender. Ein Tennismatch, weit weg, wie von einem anderen Planeten, mit den gespenstisch verdoppelten Echos der geschlagenen Bälle. BBC World . Ein weiteres Kapitel aus unserer Reihe A Life in Jazz. Today we take a close look at the life of Thelonious Monk . Ein Autist. Asperger-Syndrom. Deutsche Welle . Der Sommersprossenmann von Simply Red sang in meinen Ohren: And I LOVE the thought of coming HOME to you … EVEN IF I know we can’t MAKE IT!
Am Morgen fand ich mich neben dem Radioapparat liegen. Das Kabel der kleinen Stöpsel-Kopfhörer verschwand unter meiner Decke, es war um mein Handgelenk gewickelt.
Als ich in die Küche gehen wollte, hörte ich meine Mutter draußen vor der Haustür mit jemandem sprechen. Ihre Stimme war laut und aufgeregt. In schrecklicher Gewissheit rannte ich zur Tür und presste mein Ohr an das Holz.
Aber es war eine fremde Männerstimme, die auf die erregten Fragen meiner Mutter antwortete. Mehrmals wiederholte sie dieselbe Frage (ich erkannte es an der Sprechmelodie, nicht am Inhalt des Gesagten) und bekam nur eine entschuldigende oder ausweichende Antwort. Mir wurde nach und nach klar, dass es um Briefe ging, um einen Absender, über den die männliche Stimme, die wohl dem Briefträger gehörte, nichts sagen konnte oder wollte oder durfte.
Die Stimme meiner Mutter wurde schrill, dann bettelnd, dann wurde es ganz still. Die Klinke bewegte sich und ich flüchtete mich in mein Zimmer. Ich wusste, dass sie mich gesehen hatte; als ich die Zimmertür erreicht hatte, stieß ich mit der Schulter gegen den Türrahmen. Sie sagte kein Wort.
Wenig später ging ich zu ihr in die Küche. Sie hatte keinen Tee gemacht und auch kein Frühstück. Nicht einmal die morgendlich zerknitterte Zeitung lag auf dem Tisch. Alles, was es an diesem Morgen gab, war ein kleines Stück Papier, auf das meine Mutter mit belebten und flinken Augen starrte.
Sie erzählte mir nicht, was in dem Brief stand. Aber von diesem Tag an kam es nie wieder vor, dass sie auf ein Frühstück verzichtete. Auch die Zeitung, die nie jemand las, die aber zur täglichen Routine gehörte, lag immer griffbereit auf dem Tisch. Ihr Gesicht war noch das alte und doch nicht.
Ihr wirkliches Gesicht sah ich erst einige Jahre später wieder.
Im Jahr 1999 wurde aus heiterem Himmel eine totale Sonnenfinsternis angekündigt. Plötzlich lagen Tageszeitungen als Geschenk für Abonnenten spezielle Sonnenbrillen bei, die fast vollkommen undurchsichtig waren. Eine 100-Watt-Glühbirne, die man dadurch betrachtete, verwandelte sich in eine blau glühende Frucht. In der Schule verglichen und tauschten wir die verschiedenen Brillen-Modelle wie Sammelkarten. Wer keine besaß, war eine Schwuchtel .
Ich schaute mir die Sonnenfinsternis mit meiner Mutter an. Wir gingen dazu auf die Hauptbrücke, die zur Inneren Stadt führt.
Das Einzige, was man darüber sagen kann, ist, dass sich eine totale Sonnenfinsternis wie ein riesengroßer Fehler anfühlt. Alles ist falsch: die Schattierung und der Faltenwurf der Kleidung, die Hände, die Gesichter der Umstehenden, die Gebäude der Umgebung, das Wasser des Flusses, über dem man das Spektakel im Himmel betrachtet; falsch das Verhalten des Gehörsinns, der plötzlich dumpf wird, wie unter Wasser oder hinter Glas. Man bewegt sich in der plötzlichen Finsternis unter anderen Schaulustigen, die an die Darstellung der Toten bei Homer erinnern: demütige Gestalten, die möglichst wenig Raum beanspruchen, farblos und voller Sehnsucht nach Licht.
Für eine Minute hing der gespenstische Sonnenring im verdunkelten Himmel wie ein Einschussloch in Blech, mit diesen flackernden Metallfransen am Rande der Öffnung. Kurz vorher wälzt sich der schwere Körper des Mondes über die Sonne, es dauert etwa zwei Sekunden und man traut seinen Augen nicht: das runde münzförmige Stück von der Farbe des Himmels, das seit einer halben Stunde langsam und stetig vorgerückt ist und immer mehr von der Sonnenscheibe abgebissen hat, wird plötzlich plastisch, wie eine schwarze Kameralinse, und legt sich über die Sonne, nicht elegant oder hypnotisierend, wie man es vom Mond erwarten würde, sondern schwerfällig und plump wie ein Betrunkener, der sich auf eine schlafende Frau rollt.
So schnell wie sich ein Augenlid schließt, ist es dunkel geworden. Man muss die Brille abnehmen, da man sonst völlig blind ist. Eine Sekunde ist es stockdunkel, dann springt ein inneres Notstromaggregat an und der Blick taumelt benommen umher, streift Gebäude, Bäume, Menschen, alles in falscher Färbung und Aufstellung. Der Fluss bewegt sich nun sehr viel langsamer fort, wie jemand, der an einer Unfallstelle vorbeifährt und in Zeitlupe seinen Kopf reckt. Seine Farbe ist das ungesunde Bronze-Grau von Moorleichen.
Den meisten entkam ein Schrei, als die Sonne von dem schwarzen Sack verschluckt wurde. Einige begannen verwirrt zu klatschen, gespenstisch verlangsamt, als würden sie sich im selben Augenblick ihrer klatschenden Hände bewusst — und hörten gleich wieder auf.
Nachdem sich die Augen, in den wenigen Sekunden, die ihnen dafür blieben, an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, war alles in ein unnatürliches Halblicht getaucht, ein Licht, das vor Schreck alle Farben durcheinandergebracht hatte, dafür aber Linien und Konturen verstärkt hervortreten ließ. Alles schien jetzt aussichtslos und deprimierend. Das Ganze musste ein schrecklicher Irrtum sein. Irgendetwas war schiefgegangen, mitten in der routinemäßigen Verschiebung der Körper; vielleicht war die Erde aus ihrer Bahn geschlittert und ins All davongedriftet, oder eine riesige Sonnenexplosion verbrannte gerade die erdabgewandte Seite des Mondes und verlieh ihm dadurch dieses albtraumhafte Hintergrundglühen.
Meine Mutter, die sich in ein riesiges Pendel verwandelt hatte, stieß gegen mich. Ihre Schuhe trugen sie ein paar Schritte vorwärts, dann kehrten sie um. Ich sah, was sie meinte. Es hatte auf einmal keinen Sinn mehr, irgendwohin zu gehen. Die beiden Stadthälften, die links und rechts des Flusses lagen, hatten sich in blutleere Holzschnitte verwandelt. Geschäfte, Büros, Wohnungen, Parks existierten nicht mehr. Den Vögeln hatte es die Sprache verschlagen. Alle Fenster erschienen vergiftet. Häuserfronten gefroren zu eilig hingepatzten Abziehbildchen wie für eine Briefmarke. In diesem hartkantigen, mittelalterlichen Licht, das sonst nur in Totentänzen und düsteren Passionsspielen vorkommt, konnte im Grunde alles passieren. Der Körper wurde wachsamer, der Blick klar und unruhig.
Der nackte, unfreundliche Wind, der direkt aus dem Weltraum zu kommen schien, war nun überall zu spüren. Es war ein Wind, der sich nicht um Erfindungen wie Kleidung oder Kopfbehaarung kümmerte. Er durchdrang alles.
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