Gabi fasste über ihre Schulter und berührte den Heizkörper, nur um zu sehen, ob er auch funktionierte. Ihr war kalt, aber das musste nicht unbedingt an der Heizung liegen. Ihre Hand wurde warm und schwer. Als sie sie zurückzog, zeigte die Handfläche kleine rote Flecken, wie von Wachskreide.
Das Baby wachte auf und begann in der Dunkelheit zu schreien.
Gabi legte den Kopf auf die Knie und stellte sich die Stadt vor, unter dem Regen, von oben besehen. Irgendwo dort unten war sie, in ihrem Zimmer. Unauffindbar, klein. Die Erstarrung hatte begonnen. Ihr Kind lag reglos nebenan im Wohnzimmer, machte Bewegungen, wie kleine Menschen sie machen mussten, damit sie überlebten, aber es stand trotzdem still. Alles hatte aufgehört sich zu bewegen. Ein Pendel, ein erhängter Körper, der langsam in absoluten Stillstand übergeht. Kein Luftzug, keine Vibrationen. Das Licht einzuschalten hatte keinen Sinn mehr. Irgendwann würde es ohnehin ausgehen, für immer. Alles war zum letzten Mal da, und vieles davon nicht einmal am rechten Platz. Alles tot, alles still. Reglos wie eine Schaukel im Winter. Reglos wie ein abgestorbener Baum vor einem Schulgebäude. Allen möglichen Beschreibungen der Welt fielen nach und nach die Verben aus, wie nicht mehr benötigte Zähne. Die Landschaft vor den Fenstern wie ein großer, toter Wal. Den Wind einzuschalten hatte keinen Sinn mehr. Er würde ja doch nur stehen bleiben, irgendwann. Und auch das Haus, aus dem im Augenblick wohl dunkler Rauch in den Nachthimmel stieg, dieses Haus, in dessen Bauch sie unbeweglich feststeckte, würde sich nicht mehr vom Fleck rühren. Ihre Hände lagen nutzlos im Schoß. Ein wenig ringelten sich noch die Finger, weil ihnen die Berührung mit dem Hosenstoff angenehm war. Aber sonst war alles erstarrt. Sogar die Bücher in den Regalen unterdrückten, mit Mühe, wie es schien, jede noch so kleine Bewegung.
Ein plötzlicher Knall riss sie in die Höhe, die Lähmung fiel von ihr ab. Noch etwas unsicher torkelte sie ans Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Mit hellen Scheinwerferaugen fuhren still vor sich hin weinende Autos durch den Regen. Und ein Mann stand dort draußen, so reglos wie sie selbst vor wenigen Sekunden. Er stand unter einer Straßenlaterne, die sich über ihn beugte wie eine Entenmutter über ein Küken. Sein Kopf steckte in einem schwarzen Motorradhelm, von dem das Wasser tropfte.
Dann wurde ihr klar, was geschehen war. Der Knall war aus dem Wohnzimmer gekommen. Außerdem hatten die langen, gedehnten Schreie ihres Kindes sich verändert. Es schrie jetzt nicht mehr, es schien sich an seinen eigenen Lauten verschluckt zu haben.
Schnell ging sie zu ihm. Mit einem kraftlosen Schlag gegen den Lichtschalter erledigte sie die schwergewichtige Dunkelheit. Das Kind lag auf dem Boden, hilflos auf den Rücken gedreht, und würde nie wieder aufstehen, wenn man ihm nicht half. Man musste ihm helfen. Gabi musste ihm helfen.
Sie bückte sich. Das Kind erkannte seine Mutter oder es erkannte seinen Schmerz und versuchte lauter zu schreien. Aber es war hart auf den Rücken geplumpst und rang nach Atem. Der Schrei war wie das Quietschen eines Ballons, dem langsam die Luft ausgeht.
Gabis Hände zogen es vom Boden hoch und rissen seine kleinen Arme in die Höhe, während sie es mit einem Knie zwischen Himmel und Erde fixierte. Das Kind kam langsam zu Atem, der Krampf löste sich und es konnte wieder schreien, markerschütternd, anklagend. Gabi legte es sich an die Brust und erwartete, dass es mit seinen winzigen Fäusten auf sie eintrommeln würde. Aber das Kind schrie nur, schrie und schrie und hörte eine halbe Stunde nicht mehr auf. Mein Gott, es war ja so klein, kein Wunder, dass ihm alles wehtat. Wie konnte man nur so klein sein, dachte Gabi. Sie legte das Kind vor sich auf den Tisch und suchte den kleinen Körper nach Verletzungen ab, aber Gott sei Dank war da nichts. Nur sein Bauchnabel guckte sie böse an, eine zwischen Speckfalten eingeklemmte Erbse.
Nachdem Gabi es endlich hatte beruhigen können, rief sie eine Freundin an, die ihr in der ersten Zeit, nachdem sie geschwächt und verzweifelt aus dem Krankenhaus entlassen worden war, beigestanden war und geholfen hatte. Die Freundin hörte sich an, was passiert war, versicherte Gabi, dass sie nicht schuld sei, und versprach, in spätestens einer Stunde bei ihr zu sein. Doch vorher rief sie Wolfgang an, um ihm zu sagen, er solle augenblicklich mit dem Theater aufhören und zu seiner Frau zurückkehren. Sie sei auf dem besten Weg, den Verstand zu verlieren. Seine Tochter sei in Lebensgefahr.
Gabi betrachtete das Telefon auf dem Tisch. Unter dem Telefon lag ein Zettel. Wie lange lag der schon hier? Für G .
Wolfgang stand unterdessen an einer Haltestelle und dachte zurück an die Wohnung. Gleich würde er wieder in seiner Wohnung sein. Und sein Kind würde in seinem Zimmer liegen, hoffentlich war alles in Ordnung. Bestimmt sollten sie zum Arzt fahren mit der Kleinen, aber aus irgendeinem Grund wollte er jetzt gar nicht besonders darüber nachdenken, denn die alte Wohnung fehlte ihm, ja, er merkte es erst jetzt, ohne sie hatte er sich nackt gefühlt, wenn es Abend wurde. Seit er bei Georg Kerfuchs ausgezogen war, hatte er viel telefoniert, mit Leuten, die sich manchmal nur schwer an seinen Namen erinnerten und an die Nebenrolle, die er vielleicht vor Jahren einmal in ihrem Leben gespielt hatte.
Er vermied Selbstgespräche, auch wenn sie sich manchmal in ihm anstauten und es fast wehtat, sie zu unterdrücken. Wenn er sie in sich aufsteigen fühlte, fluchte er obszön, was ein wenig half. Wenn gar nichts mehr half, sang er in der Dunkelheit ein Lied. Und wenn er dann endlich, nach langem Hin und Her und einem guten Dutzend Zählspielen, die allesamt nichts nutzten, eingeschlafen war, wachte er schon bald wieder auf, schwitzend, verwirrt, und hatte von einem kleinen Vogel geträumt, der mit einer altertümlichen Handkrücke über seinen Schreibtisch spazierte. Und obwohl es doch albern und harmlos war, dieses Bild von dem humpelnden Vogel, hatte er trotzdem wieder geweint im Schlaf, er spürte es genau, es brannte anders in den Augen als der Schweiß, und in der Dunkelheit wischte er sich über das nasse Gesicht und fluchte — Drecksau! Schlampe! — , weil er schon drauf und dran gewesen war, dem schweigenden Zimmer seinen Traum zu erzählen, mit lauter Stimme, obwohl höchstwahrscheinlich niemand im Umkreis von vielen Kilometern noch wach war außer seinem Kopf.
Er musste an die Fische denken, zuhause im Aquarium.
Oder daran, dass es ja keine definitive Trennung gewesen war, sondern nur eine aus Vernunftgründen, eine vorübergehende Maßnahme, die er ergriffen hatte, eingeleitet von einem Offenen Brief , eine Auszeit, die man ebenso leicht wieder beenden konnte, mit allen verfügbaren Mitteln, Freunden, einem Gerichtsbeschluss. Mein Gott! Es wurde schon Abend und er hatte Angst. Wie ein kleiner Junge.
Er machte sich auf den Weg nach Hause.
Liebe Gabi!
Ich sehe ja, dass es dir schlecht geht. Nichts kann deine Unzufriedenheit lösen. Ich biete dir nur eine Veränderung an, egal welche, du wählst!
Geld spielt keine Rolle (wirklich!)
Absolut keine Rolle, ich will nur, dass es irgendwas für dich geben möge, das dich ein wenig glücklicher stimmt. Wenn das eine Scheidung sein sollte, ein eigenes Zimmer, eine eigene Wohnung in der Stadt, weit weg von mir und dem Kind (ich hoffe, es geht ihm gut!), dann ist es eben das — auch das würde ich akzeptieren, denn ich weiß, dass ICH der Schuldige bin, jawohl, ich weiß, dass ICH es war, der deinem Leben den Stoppel herausgezogen hat, indem ich dich geschwängert habe, indem ich dein Einverständnis, deine freiwillige Liebe ausgenützt habe, indem ich dir immer wieder gesagt habe, du wärst die Einzige für mich, obwohl du mir so oft unter Tränen erklärt hast, dass es das niemals geben kann .
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