Geraldine summte während der Arbeit, aber ihre Stimme reichte nicht einmal entfernt an die von Orla heran. Als sie Mistletoe and Wine trällerte, schnitt Wilbur sich in den Finger. Der Rothaarige grinste. Geraldine wusch Wilburs Wunde unter kaltem Wasser aus, verband sie und meinte, Wilbur solle die Finger von Messern lassen und stattdessen das Rühren in den Kochtöpfen übernehmen.
Irgendwann drang der Lärm von Schritten durch die Flure, und wenig später setzten sich einhundertzweiundzwanzig Jungen an die Tische. O’Carroll und John Kearney, ein stiller und gutmütiger Wärter, der kurz vor der Pensionierung stand, beaufsichtigten die Zöglinge, die sich in Gruppen zum Essenfassen anstellten. Wie Geraldine ihn geheißen hatte, stand Wilbur neben dem Rothaarigen, der Suppe schöpfte, und legte eine Scheibe Brot auf jedes Tablett, das ihm hingehalten wurde. Die Hand mit dem verletzten Finger hielt er so, dass man den blutigen Verband nicht sehen konnte. Er zwang sich, jedem der Jungen ins Gesicht zu sehen, aber nur wenige erwiderten sein kurzes Nicken. Die meisten musterten ihn gleichgültig, einige abschätzig oder sogar feindselig. Nur einer strahlte ihn nach einem Moment ungläubigen Staunens an. Wilbur brauchte noch länger, um sein Gegenüber zu erkennen. Dann weiteten sich seine Augen, und seiner Kehle entfuhr ein heiserer Laut. Sämtliche Köpfe drehten sich in seine Richtung, an den Tischen wurde getuschelt und gelacht. O’Carroll verbat sich die Unruhe, und die Jungen verstummten.
Conor legte einen Finger auf die grinsenden Lippen, nahm dem erstarrten Wilbur das Brot aus der Hand und ging weiter.
Aimee wohnt in einem schmalen Backsteinhaus, dessen untere Hälfte dunkelrot gestrichen ist und an dessen Stirnseite im Zickzack eine schwarze Feuerleiter verläuft. Auf den Gitterböden der Feuerleiter stehen Töpfe mit verkümmerten Pflanzen, über die man im Brandfall klettern müsste. Der Verputz der beiden oberen Stockwerke ist weiß, Leitungen und Kabel wachsen aus ihm heraus und spannen sich schlaff über einem Stück Rasen bis zum Nachbarhaus. Der Gehsteig vor dem Gebäude ist ein Flickenteppich aus Betonplatten, Verbundsteinen, rissigem Zement und mit Kies vermischtem Teer. Angekettet an einen schiefen Zaun lehnt ein Rennrad, dem der Sattel und das Vorderrad fehlen. Aimee erzählt, es gehöre Stewart, einem ihrer Mitbewohner. Er nehme die Teile ab, weil sich der Rest zum Klauen nicht lohne.
Ich gehe neben Aimee durch ein Tor, hinter dem ein geteertes, von Müllcontainern und weiteren Fahrrädern besetztes Rechteck liegt. Aimee öffnet die gelb gestrichene Haustür, dann stehen wir einen Atemzug lang im Dunkeln, bis sie das Licht anknipst und im Schein der Deckenlampe ein enges Treppenhaus vor uns liegt.
Als das Licht in der U-Bahn wieder angegangen war, entstand ein merkwürdiger Moment, während dem ich nicht wusste, ob ich Aimees Hand weiter festhalten oder loslassen sollte. Dann war der Frau auf dem Sitz vor mir der Schlüsselbund hinuntergefallen, und ich konnte ihn aufheben, was den Rückzug meiner Hand weniger peinlich machte. Wir sind an einer Haltestelle ausgestiegen, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, und zu Fuß weitergegangen. Einmal mussten wir einer Gruppe von Kindern mit einem angeleinten Hund ausweichen, und unsere Arme berührten sich, aber als ich zögernd nach Aimees Hand tastete, griff ich ins Leere, weil Aimee in eine Seitenstraße einbog.
Während wir an Wäschereien, Pizzabuden, geschlossenen Bars und Restaurants, an Wohnhäusern, Garageneinfahrten, verwahrlosten kleinen Parkanlagen, eingezäunten Sportplätzen, mit Eisengittern abgetrennten Höfen, aufgelösten Tankstellen und lückenhaften Bauzäunen, an bunten Holzhäusern mit blumengeschmückten Veranden und herausgeputzten Vorgärten und offenen Hauseingängen vorbeigingen, redete Aimee fast ununterbrochen. Sie erzählte von den Leuten, mit denen sie sich die Wohnung teilt, von Ruth, die irgendwas studiert, von Sheila, der Köchin, und von Stewart, der im nahe gelegenen Zoo arbeitet und ein toller Hecht zu sein scheint. Jedenfalls schwärmte Aimee geradezu von ihm, und nach wenigen Minuten hasste ich den Kerl. Aimee meinte, Stewart würde den Job des Tierpflegers von Grund auf lernen und es sei unglaublich, was er täglich erlebe. Ich kenne diese Sorte Angeber. Bestimmt karrt er den ganzen Tag Elefantenscheiße durch die Gegend und erzählt am Abend seinen Mitbewohnerinnen, er hätte einem Tiger einen Dorn aus der Pranke gezogen.
Die Wohnung liegt im dritten Stock, hat vier Zimmer, Küche und Bad. Im Flur stehen ein Paar schwarze Gummistiefel und riesige Basketballschuhe, die bestimmt Stewart gehören. An seiner Zimmertür hängt ein metallenes Krokodil, mit dem man anklopfen soll. Die Zimmer sind winzig. Aimee besitzt eine Matratze, einen Schrank, einen Schreibtisch und einen Stuhl. Ein Computer steht auf dem Tisch, darunter ein Drucker und ein Stapel Papier. In Regalen türmen sich Bücher und Zeitschriften. An der Wand über dem Schreibtisch hängen Notizzettel und Zeitungsausschnitte, mittendrin ein Foto, das einen vielleicht fünfundzwanzig Jahre alten Mann zeigt. Er steht vor einem Garagentor, lächelt ein wenig unsicher und stützt sich auf eine Schneeschaufel.
«Ich brauche nicht viel«, sagt Aimee, und es klingt wie eine Rechtfertigung. Sie nimmt ein paar Kleider vom Bett und streicht die Decke glatt.
«Es ist nett«, sage ich, obwohl ich mir vorgenommen hatte, dieses Wort nicht zu verwenden. Ich stehe da und überlege, was ich zu dem Zimmer noch sagen könnte, aber mir fällt nichts ein. Aimee räumt einen Teller mit Orangenschalen und eine Tasse in die Küche. Ich sehe aus dem Fenster, um einen Kommentar über die Aussicht vorzubereiten, aber da ist nur die Klinkermauer des Nachbarhauses. Die meisten Bücher sind über Psychologie und Journalismus, von den wenigen Romanen kenne ich keinen einzigen.
«Tee oder Kaffee oder was Kaltes?«ruft Aimee aus der Küche.
«Kaffee«, rufe ich zurück. Eine Cola wäre mir jetzt lieber, aber die Zubereitung des Kaffees wird Aimee eine Weile beschäftigen. Ich brauche noch einen Augenblick, um herauszufinden, ob ich überhaupt hier sein will. Es ist kurz vor vier. Irgendwann gegen Abend werden alle nach Hause kommen, und Aimee wird mich ihnen vorstellen. Stewarts Händedruck wird übertrieben kräftig sein, die Studentin wird mich einen Moment lang irritiert betrachten und dann beteuern, wie nett es sei, mich kennenzulernen, und die Köchin wird fragen, ob ich Veganer sei. Wenn ich Pech habe, werde ich zum Abendessen eingeladen. Die Köchin wird bestimmt etwas zubereiten, das ich hasse, und ich werde es aus Höflichkeit hinunterwürgen, während Stewart erzählt, wie er ein vermeintlich totgeborenes Nashorn wiederbelebt hat. Die Studentin wird wissen wollen, wo Aimee und ich uns begegnet sind, und Aimee wird einen Augenblick zögern und dann die Wahrheit sagen. Die drei werden sich plötzlich sehr intensiv mit dem Essen auf ihren Tellern beschäftigen, ein paar unverfängliche Bemerkungen machen und das Thema wechseln. Sie werden sehr freundlich sein und mich erst zerpflücken, wenn ich weg bin.
Nein, ich will nicht hier sein. Die Hände in den Taschen, stehe ich mir selber im Weg herum. Ich überlege noch immer an einer Bemerkung zu diesem Raum, etwas locker Dahingesagtem, aber mein Kopf ist leerer als diese vier Wände, und außerdem wäre es jetzt sowieso zu spät. In meinem Hotelzimmer könnten Aimee und ich auf dem Bett liegen und aus den Wasserflecken an der Decke Tiere lesen und Zeppeline und Dampfschiffe. Wir könnten dafür sorgen, dass uns warm wird, während aus Dobbs’ Zimmer leise Musik herüberdringt und sich mit dem Geräusch des Regens mischt.
«Milch und Zucker?«
«Ja, bitte. «Ich gehe in die Küche, einen hellen Raum, der von einem Tisch und sechs Stühlen beherrscht wird und dessen Wände in unregelmäßigem Orange gestrichen sind. Aimee drückt die Tür des Kühlschranks mit dem Fuß zu und stellt eine Packung Milch auf die Spüle. Natürlich hängt ein Plakat des New Yorker Zoos an der Wand, und natürlich zeigt es einen Tiger. Vor diesem Bild sitzt Stewart bestimmt jeden Abend und verzapft den drei hingebungsvoll lauschenden Frauen seine Märchen.
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