Roberts Stimme, das grelle Lampenlicht, der Wetterbericht — plötzlich schämte ich mich unendlich, der Versuchung zu schreiben nachgegeben zu haben. Jetzt verstand ich, was Robert rief.
Den Fall der Mauer empfand ich als harte, doch gerechte Strafe für meinen Rückfall. Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf.
«Jetzt kommt keiner mehr zur Demo«, murrte Michaela. Später glaubte ich, ihre Absätze auf den Fußwegplatten zu hören. Allein gelassen, erlag ich dem Gefühl, persönlich für den Fall der Mauer verantwortlich zu sein, weil ich gezögert hatte, weil ich es nicht fertiggebracht hatte, einfach abzudrücken. Nicht mal in die Nähe einer Tat war ich gekommen. Das also war das 6:3, das unfaßbare fünfte Tor in der zweiten Halbzeit, das Aus, das K. o.
Beinah heiter kehrte Michaela zurück. Sie hatte ihre Mutter aus dem Bett geklingelt und erzählte, wie eigenartig ihr zumute gewesen sei, ES jemandem zu sagen, wie merkwürdig dieser Moment war, da der andere noch ahnungslos in der alten Welt lebe.
Auf der Generalprobe, an die ich sonst keine Erinnerung mehr habe, sagte ich in Anwesenheit von Jonas und Norbert Maria Richter, daß ich von einer Premiere abrate. Jonas stimmte mir zu, stellte es aber Norbert Maria Richter frei, ob er seine Inszenierung zur Aufführung bringe.
Michaela nannte mich daraufhin einen Verräter.»Ich lebe mit einem Verräter zusammen!«Ich suchte wohl Streit, ich wolle wohl nur noch zerstören, alles, alles mutwillig zerstören, Familie, Arbeit, alles.
Michaela und ich sprachen bis zum Sonntag kaum miteinander, und wenn, dann nur über die Demonstration. Ich bat sie, für meine Rede auf dem Markt höchstens zwei Minuten einzuplanen. Sie fragte, worüber ich denn sprechen würde.»Über die Zukunft«, sagte ich, eine Bemerkung, die mir selbst absurd vorkam, weil ich überhaupt keine Zukunft mehr sah.
Zur Demonstration kamen nur halb so viele wie am 4. November. Vor der Villa der Staatssicherheit und der SED-Kreisleitung gab es wieder Katzenmusik, aber niemand blieb stehen. Überall waren Ordner — Michaela hatte die weißen Armbinden verteilt, trug selbst eine und hatte auch Robert und mir eine angetragen. Ich sah den dicken Polizisten vom letzten Sonnabend wieder, Schwarz und Blond jedoch zeigten sich nicht.
Als der Demonstrationszug auf den Markt schwenkte, sah ich vor der Rednertribüne rote Fahnen und DDR-Fahnen in einer Gruppe von hundert oder zweihundert Leuten, fast ausschließlich Frauen. Sie trugen auch alte Transparente und Schilder:»Die DDR — mein Vaterland «oder» Sozialismus und Frieden«.
Ein kleiner Schnauzbart umkreiste den Haufen und rief:»Zusammenbleiben, zusammenbleiben«, obwohl sich niemand von ihnen bewegte. Der rote Haufen wurde umstellt, und ein nicht enden wollendes» Schämt euch was!«ging auf sie nieder. Sie schwenkten ihre Fahnen.
Vom Rednerpult aus bemerkte ich die wütenden, aber auch ängstlichen Blicke dieser Frauen. Eine von ihnen, ganz vorn, hatte ihre Stirn an die Schulter ihrer Nachbarin gelehnt und schluchzte. Ihnen, liebe Nicoletta, mag es merkwürdig erscheinen, wenn ich behaupte, in diesen Frauen zum ersten Mal Menschen begegnet zu sein, die aus freien Stücken für die DDR eintraten.
Ich hatte mir einen Zettel mit Stichpunkten gemacht, Michaela sollte nicht glauben, ich nähme die Sache zu leicht.
Während meiner kleinen Rede habe ich immer nur auf die Frauen gesehen. Ich sprach zu ihnen wie ein Arzt, der versucht, ihnen die notwendigen Therapieschritte zu erklären. Im Grunde sagte ich dasselbe wie vor drei Wochen in Berlin, als ich von Thea zur Rede gestellt worden war.
Ich war der einzige, der an diesem Tag ein paar Bemerkungen über das Geld machte.»Der Kurs von D-Mark zu Ostmark beträgt in den Westberliner Wechselstuben eins zu sieben. «Das war eine Behauptung, ich wußte es nicht genau, aber Vera hatte es einmal erwähnt. Zudem erfand ich einen Mindestlohn von 11 D-Mark pro Stunde und sagte, nun könne sich jeder ausrechnen, wie viele Tage man im Westen arbeiten müsse, um auf ein hiesiges Monatsgehalt zu kommen.»Die meisten von uns«, sagte ich,»werden wohl keine zwei Tage dafür brauchen!«Dafür erhielt ich Applaus. Nur die Frau, auf deren Schulter sich die Weinende gestützt hatte, rief, Geld sei doch nicht alles.
«Wir haben also nur zwei Möglichkeiten, entweder wir schließen die Mauer wieder, oder wir führen auch hier die Marktwirtschaft ein, andernfalls wird keiner bleiben. «Meine Conclusio mußte ich wiederholen, weil das Wutgeheul des roten Haufens losbrach. Es waren Beschimpfungen, wie man sie vielleicht noch zu Beginn des Jahrhunderts Streikbrechern zugerufen hat.»Kapitalistenknecht «war dabei, auch» Reaktionär «und» Konterrevolutionär«. Eine zieh mich, wohl in Anspielung auf meine weiße Ordnerarmbinde, einen Weißgardisten. Die Frauen behielten die Oberhand, bis sich die große Menge erneut zu einem» Schämt euch was!«aufgeschaukelt hatte und sie übertönte.
Je schneller wir begreifen würden, rief ich, daß es nur ein Entweder-Oder gibt, desto besser wäre es für uns alle.»Oder wollt ihr als Bettler nach Paris fahren?«Weil ich das nächste Stichwort nicht fand, trat ich vom Mikro zurück und wandte mich ab, der Applaus für den letzten Satz nahm dadurch noch zu. Als Begleitmusik zu meinem Abgang hatten einige Frauen die» Internationale «angestimmt, ein Gesang, der sich, kaum daß ich wieder auf dem Marktpflaster stand, über den Applaus erhob. Zuerst gab es Pfiffe, dann aber begann die Mehrheit selbst die» Internationale «zu singen, so wie ich es bereits in Leipzig erlebt hatte.
Ich hockte mich auf einen der Beton-Blumenkübel und hoffte, daß der ganze Zirkus schnell vorübergehen möge.
Sie werden wohl den Verdacht nicht unterdrücken können, daß ich hier versuche, mich post festum ins rechte Licht zu rücken, mich zum einzigen zu stilisieren, der bereits damals verstand, wohin der Hase läuft.
Aber dem war nicht so. Wie beim Schachspiel versuchte ich nur, ein paar Züge vorauszuspekulieren. Ich hatte nicht mal die Vereinigung vor Augen, die damals schon von einigen gefordert wurde. Und ich hatte wie gesagt auch keinen Begriff von Zukunft. Denn meine persönliche Zukunft hatte sich durch den Fall der Mauer in nichts aufgelöst. Hätte ich nicht Michaela zuliebe auf die Rednerkanzel steigen müssen, nie wären solche Sätze über meine Lippen gekommen. Natürlich hätte ich auch etwas anderes sagen können. Aber was? Was gab es denn sonst noch zu sagen? Es gab nichts mehr zu sagen!
Wann immer Michaela auf das Podium gestiegen war, um den nächsten Redner anzukündigen und, wie es in dem LVZ-Bericht hieß, die Demonstranten zu» Mäßigung und Anstand «aufzufordern, hatte sie frei und souverän gewirkt und mehr Beifall für ihre Schlagfertigkeit erhalten als die meisten für ihre Reden. Nun, da sie sich aus dem Pulk derer, die mit ihr reden wollten, herauswand und auf uns zukam, schien sie bedrückt. Mich würdigte sie keines Blickes. Auf der Rückfahrt kippte ihre Stimmung vollends ins Dunkle. Ich hielt es für Premierenangst.
Als ich sie zu Hause endlich fragen konnte, was denn passiert sei, sagte sie» Nichts «und zog sich in ihr Zimmer zurück. Sie weinte.
«Ist es das?«fragte sie, als ich eintrat. Sie hielt mir ein Kuvert hin.»Bist du deshalb so?«Ich erkannte Nadjas Handschrift auf dem Kuvert.»Du mußt keine Rücksicht nehmen«, sagte Michaela,»wir kommen schon zurecht. «Sie schneuzte sich.
Es war einer der seltenen Momente meines Lebens, in denen mein Gewissen rein war, bereit für jede Art von Verhör.
Ich bat Michaela, das Kuvert zu öffnen. Sie schüttelte den Kopf. Bitte, sagte ich. Nein, sagte sie. Das wolle sie sich nicht antun.
Mit der Nagelfeile, die auf ihrem Tisch lag, schlitzte ich den Umschlag auf, faltete das Blatt auseinander und begann vorzulesen. Gleich zu Anfang schrieb Nadja, sie wisse bereits, daß ich eine Familie habe. Sie selbst lebe mit Jaroslav, einem Tschechen, zusammen, und Ende Februar erwarte sie ihr erstes Kind. Sie erkundigte sich nach meinem Manuskript und klagte über ihre Arbeit.
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