Natalie bäumte sich auf und schrie vor Entsetzen: »Was ist daaaaas?« Max atmete mehrmals kräftig durch, ehe er sich zumutete, die Augen zu öffnen. Über ihm stand Kurt und blickte ins Jenseits. Er dürfte in der Bewegung erstarrt sein. Aus dem Maul ragte seine neue Plastik-Pferde-Leberkäse-Semmel. Sie drückte von unten auf Natalies Busen und quietschte und wieherte dort in Sekundenintervallen.
»Das ist Kurt«, sagte Max und umarmte den Kopf des Retters. »Das ist ja ekelig«, erwiderte Natalie mit Zornestränen in den Augen. »Ich war gerade im Kommen!« - »Tut mir leid. Ich glaube, er muss gehen«, erwiderte Max, richtete sich auf und strich seine Haare glatt. Während Natalie sich fluchend anzog, streichelte er seinen regungslos im Raum stehenden und ins Leere starrenden Hund. Als sie die Tür hinter sich zuwarf, zog er ihm Katrins Leberkäsesemmel aus dem Maul und drückte sie an seine Brust.
Am Samstag überraschte sich Katrin damit, dass sie sich nicht treiben ließ und dass ihr das Leben in seiner unerträglichen vorweihnachtlichen Kargheit Respekt abtrotzte. Um neun Uhr läutete der Wecker. Fünf nach neun stand sie auf, duschte sich (unnötig lang), holte sich mit Zahnseide letzte (unsichtbare) Bröselreste von diesem ekelhaften Stachelbeerkuchen aus den Zwischenräumen und spuckte mehrmals kräftig ins Waschbecken. Danach überlegte sie drei Sekunden, ob der Tag dafür geschaffen war, Weihnachtseinkäufe zu erledigen: Er war nicht dafür geschaffen.
Draußen schneite es aus meteorologischer Langeweile und klimatischer Resignation lustlose fünf Schneeflocken pro Minute. Katrin zog sich die hässlichste Wollunterwäsche an, die sie finden konnte, ohne danach zu suchen. Darüber passte ihre uralte graue Stepphose und der hellblaue Schlabberpullover, den sie für den Bahnhofssozialdienst zur Seite gelegt hatte. Ihre Haare pickte sie sich mit Gel aus dem Gesicht, den Lippenstift wischte sie wieder weg. Schminke erschien ihr in dieser Gemütsverfassung zu weibisch. Mit den weinroten Wanderschuhen hatte sie ihr Styling zur Perfektion gebracht. Sie sah aus wie eine Frau, die keinem Mann gefallen wollte. Genauso fühlte sie sich. Genauso fühlte sie sich gut. Genauso ging sie ins Kaffeehaus frühstücken. Sie aß dick belegte Eiaufstrichbrote, trank unter konstruierten Schlürfgeräuschen heiße Schokolade und zog eine abschließende Bilanz über Männer. Dazu machte sie sich Notizen. Sie wollte ein Beweisstück in der Hand haben, wie sinnlos es war, die Hoffnung nicht aufzugeben, es könnte einmal einer ins Leben treten, der nicht bald wieder hinaustrat oder hinausgetreten werden musste:
»1) Es gibt Schöne und Hässliche. Die Schönen sind brandheiß, spannend wie Telefonbücher oder bekennende Arschlöcher. Die Hässlichen sind nicht- bekennende Arschlöcher.
2) Zehn Prozent aller Männer wollen von einer Frau Sex und nichts anderes. Neunzig Prozent wollen von mehreren Frauen Sex und nichts anderes.
3) Achtzig Prozent der Männer interessieren sich nicht für Frauen. Von den restlichen zwanzig Prozent interessieren sich achtzehn Prozent für jede gut aussehende Frau. Zwei Prozent interessieren sich für eine bestimmte Frau. Davon interessieren sich 1,8 Prozent für eine bestimmte Frau, weil sie sie nicht kriegen können. 0,2 Prozent interessieren sich für eine bestimmte Frau auch noch, nachdem sie sie gekriegt haben. Davon interessieren sich 0,1999 Prozent für eine bestimmte Frau, um sie noch ein zweites und drittes Mal zu kriegen. 0,0001 Prozent aller Männer interessieren sich für eine bestimmte Frau, obwohl sie sie gekriegt haben. Davon interessieren sich 0,0000999 Prozent für eine bestimmte Frau, um mit ihr ein Kind dazu - oder die Mama zurückzukriegen. Bleiben 0,0000001 Prozent Männer, die sich dauerhaft, sozusagen >ein Leben lange, für ein und dieselbe Frau interessieren, ohne damit ein Ziel zu verfolgen. Das ist der statistische Schätzfehler.
4) Es gibt interessante und uninteressante Männer. Die Interessanten sind vergeben oder sie tun so (und kommen sich gut dabei vor) oder sie leben zurückgezogen oder im Ausland oder sie tauchen plötzlich auf, sind dann aber doch nicht so interessant. Oder sie pflegen gerade eine >unproblematische sexuelle Beziehung< zu einer anderen Frau.
5) Fazit eins: Am zweitklügsten ist es, einen Mann zu erobern, der hässlich und uninteressant ist und sich nicht für Frauen interessiert. Ein solcher ist an jeder Ecke zu bekommen. Man kann ihn jederzeit austauschen. Er hält hundertprozentig, was er nicht verspricht. Man hat ihn, wenn man will, für immer.
6) Fazit zwei: Am klügsten ist es, auf Männer zu verzichten und sie schon im Ansatz aufkeimenden Interesses zum Teufel zu schicken. Deswegen lesbisch zu werden, ist kindisch und zu viel der Ehre für die Männer.«
Als Katrin das Kaffeehaus verließ, war sie radikalmilitante Feministin, die zum Glück keine Kettensäge in der Hand hatte. Daheim überlegte sie es sich noch einmal anders und schrieb Max eine E-Mail. Sie begann mit den Worten: »Ich hoffe, du hattest einen erholsamen, entspannenden, befriedigenden Abend.« Diesen Satz löschte sie - und tippte ihn gleich darauf noch einmal ein. (So schlecht war er nicht.) Dann folgte: »Wenn du morgen einen ungestörten Sonntag verbringen willst, um eventuell auch wieder deiner unproblematischen sexuellen Beziehung zu frönen, kannst du mir Kurt vorbeibringen. Der Hund hat ohnehin zu wenig Auslauf. Außerdem - warum muss er sich das dauernd anhören? Gruß, Katrin.« Den Nebensatz mit der sexuellen Beziehung und den Fragesatz löschte sie - unwiderruflich.
Danach rief sie ihn an. Sie wollte ihm nur mitteilen, dass sie ihm eine Nachricht geschickt habe. Und sie wollte ihn bei dieser Gelegenheit fragen, was er am Abend vorhabe. Sollte er noch nichts geplant haben, würde sie sagen: »Schade, ich bin am Abend leider mit Freunden unterwegs. Aber vielleicht ein anderes Mal.« Hatte er schon etwas vor, würde sie ihn danach fragen. Nein, das würde sie nicht machen. Oh doch, das würde sie machen.
Und würde er sagen, er erwarte Besuch, und würde auch nur irgendwie versteckt anklingen, dass es sich um sexuellen Besuch der unproblematischen Art handle, würde sie ihm »leider etwas Unangenehmes« mitteilen müssen: »Lieber Max. Ich kann Kurt zu Weihnachten nicht nehmen. Es ist mir etwas dazwischengekommen: ein uralter Freund aus Amerika, meine große Jugendliebe, der ist jetzt plötzlich da und er wird über Weihnachten bei mir wohnen und da wollen wir von einem Hund natürlich nicht gestört werden, wir haben ja viel nachzuholen, das wirst du verstehen.« Etwas in dieser Art wollte sie ihm sagen. Und dann würde sie noch anfügen: »Aber vielleicht ist ja diese sexuell unproblematische Frau, von der du erzählt hast, so nett und kann sich um den Hund kümmern. Oder wäre das der unproblematischen sexuellen Beziehung abträglich? Das hoffe ich doch nicht«, würde sie sagen.
Zu dem Gespräch kam es leider nicht. Er hob nicht ab. Er schien zu wissen, dass es klug war, nicht daheim zu sein. Katrin sprach ihm aufs Band: »Hallo, hier Katrin. Ich hab dir eine E-Mail geschickt. Ich wünsche dir einen schönen Abend.« Danach ärgerte sie sich. Ihre Worte waren von einer geradezu unterwürfigen Harmlosigkeit.
Am Abend war Katrin bei Franziska »Nichts-ohne- meine-Töchter« Huber eingeladen. Die wog jetzt hundertzehn Kilo, davon je fünfzehn Kilo an ihren beiden Brüsten, wenn auch erstaunlicherweise nicht mehr saugend: Leni und Pipa. Franziska war Katrins beste Freundin. Die Freundschaft war so gut, dass sie die letzten drei fruchtlosen Jahre (beziehungsweise fruchtbringenden, je nachdem, wie man es sah) hatte überstehen können. So lange stand die Freundschaft nun schon unter Zwillingsgeburtenschock.
Ursprünglich wollten sie ins Kino gehen, aber das ging dann doch nicht, wegen Leni und Pipa. Nichts ging mehr wegen Leni und Pipa und schien etwas zu gehen, so ging es dann doch nicht wegen Leni und Pipa. Dabei wäre Eric beinahe allein bei den Kindern daheim geblieben. Doch buchstäblich in letzter Sekunde war ihm - zu Franziskas Erleichterung - eine Praktikanteneinschulung dazwischengekommen. Seit der Geburt seiner Töchter hatte sich die Zahl der abendlichen Praktikanteneinschulungen dramatisch erhöht. Möglicherweise war es Franziska, die diese Schulungen in geheimer Absprache mit seinem Chef organisierte.
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