Noch einmal las ich die Widmung. Auf Seite sieben fand ich die erste Markierung — eine bräunliche Zeichnung, die über die Worte geschmiert war und einen sechszackigen Stern darstellte, wie sie ihn mir vor Wochen mit dem Messer in die Brust geritzt hatte. Ich begriff, dass die Zeichnung mit Blut gemacht war. Ich blätterte weiter und stieß auf immer mehr Zeichnungen. Lippen. Eine Hand. Augen. Sempere hatte sein Leben für einen elenden, lächerlichen Jahrmarktsbudenzauber hergegeben.
Ich steckte das Buch in die Mantelinnentasche und kniete neben dem Bett nieder, wo ich den Koffer hervorzog und den Inhalt auf den Boden kippte. Nichts außer Kleidern und alten Schuhen. Dann öffnete ich die Hutschachtel und fand ein Lederetui mit dem Rasiermesser, mit dem mich Irene Sabino behandelt hatte. Plötzlich breitete sich ein Schatten auf dem Boden aus, und ich wandte mich abrupt um, die Pistole im Anschlag. Der hochaufgeschossene Mieter schaute mich einigermaßen verdutzt an.
»Ich glaube, Sie kriegen Gesellschaft«, sagte er knapp.
Ich trat auf den Korridor hinaus und ging zur Wohnungstür. Als ich ins Treppenhaus hinabschaute, hörte ich schwere Schritte heraufkommen. Zwei Stockwerke tiefer wurde ein emporschauendes Gesicht erkennbar, und mein Blick traf den von Marcos. Er zog den Kopf zurück, und die Schritte beschleunigten sich. Er war nicht allein. Ich schloss die Tür, stemmte mich dagegen und versuchte gleichzeitig zu überlegen. Der Mieter beobachtete mich ruhig, aber gespannt.
»Gibt es außer dieser Tür noch einen anderen Ausgang?«, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf.
»Der Ausgang aufs Dach?«
Er zeigte auf die Tür, die ich gerade geschlossen hatte. Einen Augenblick später spürte ich, wie Marcos und Castelo sich gegen sie warfen. Ich entfernte mich rückwärts durch den Flur, die Waffe auf die Tür gerichtet.
»Ich geh für alle Fälle schon mal in mein Zimmer«, sagte der Mieter. »Es war mir ein Vergnügen.«
»Ganz meinerseits.«
Ich starrte auf die Tür, die gewaltig erbebte. Um Angeln und Schloss begann das alte Holz zu splittern. Ich ging ans Ende des Korridors und öffnete das Fenster zum Lichtschacht. Ein vertikaler Tunnel, etwa einen mal anderthalb Meter groß, verlor sich in den Schatten. Etwa drei Meter über dem Fenster war der Rand des flachen Dachs zu erkennen. An der gegenüberliegenden Wand des Lichtschachts war ein Abwasserrohr mit verrosteten Ringen befestigt. Die eiternde Feuchtigkeit hatte die Mauer schwarz gesprenkelt. Noch immer donnerten die Schläge in meinem Rücken. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass die Tür praktisch aus den Angeln gehoben war. Es blieben mir höchstens noch ein paar Sekunden. Ich hatte keine andere Wahl, kletterte durchs Fenster und sprang.
Ich schaffte es, mich an der Rohrleitung festzuhalten und einen Fuß auf einen der Ringe zu stellen. Ich streckte die Hand aus und packte das Rohr weiter oben, aber sowie ich kräftig daran zog, löste sich ein meterlanges Stück unter meinen Händen und schepperte in die Tiefe des Lichtschachts. Beinahe wäre ich mitgestürzt, aber ich konnte mich an das Metallstück klammern, mit dem der Ring in der Mauer verankert war. Jetzt war die Rohrleitung, auf die ich gesetzt hatte, um aufs Dach zu klettern, ganz außer Reichweite. Es gab nur zwei Möglichkeiten: wieder auf den Korridor zurück, wo jeden Moment Marcos und Castelo eindringen würden, oder in diesen schwarzen Schacht hinuntersteigen. Ich hörte die Tür gegen die Wand in der Wohnung krachen und ließ mich langsam an der Rohrleitung hinabgleiten, wobei ich mich, so gut es ging, festhielt und mir kräftig die linke Hand aufschürfte. Ich hatte bereits anderthalb Meter geschafft, als sich die Silhouetten der beiden Polizisten im Licht des Schachtfensters abzeichneten. Marcos’ Gesicht schaute als erstes in den Schacht. Er grinste, und ich fragte mich, ob er ohne Federlesens gleich auf mich schießen würde. Da erschien Castelo neben ihm.
»Bleib du hier. Ich geh in die Wohnung hier drunter«, befahl Marcos.
Castelo nickte und ließ mich nicht aus den Augen. Sie wollten mich lebendig, wenigstens für ein paar Stunden. Ich hörte Marcos’ Schritte davoneilen. Im nächsten Augenblick würde ich ihn knapp einen Meter unter mir aus dem Fenster schauen sehen. Ein Blick nach unten zeigte mir, dass aus den Fenstern der ersten beiden Stockwerke Licht drang, während das des dritten dunkel war. Langsam ließ ich mich weiter hinabgleiten, bis mein Fuß auf dem nächsten Ring Halt fand. Vor mir lagen das dunkle Fenster des dritten Stocks und ein leerer Korridor, an dessen Ende Marcos an die Tür klopfte. Um diese Zeit war das Konfektionsatelier bereits geschlossen und niemand mehr da. Die Schläge an die Tür verstummten, und ich begriff, dass Marcos in den zweiten Stock hinuntergelaufen war. Ich sah nach oben, wo mich Castelo weiterhin beobachtete und sich wie eine Katze die Lippen leckte.
»Fall nicht runter — wir wollen uns noch mit dir amüsieren«, sagte er.
Ich hörte Stimmen im zweiten Stock — man hatte Marcos also geöffnet. Ohne lange zu überlegen, warf ich mich mit aller Kraft gegen das Fenster des dritten. Gesicht und Hals mit den Mantelärmeln schützend, stürzte ich durch die Scheibe und landete in einem See aus Scherben. Mühsam rappelte ich mich auf, und im Halbdunkel sah ich, dass sich auf meinem linken Ärmel ein dunkler Fleck ausbreitete. Eine Scherbe scharf wie ein Dolch ragte mir oberhalb des Ellbogens aus dem Arm.
Als ich sie herauszog, wich die Kälte einer Lohe aus Schmerz, die mich in die Knie zwang. In dieser Haltung sah ich, dass mir Castelo durch den Lichtschacht gefolgt war und mich jetzt von dort beobachtete, wo ich abgesprungen war. Noch bevor ich die Waffe ziehen konnte, machte er einen Satz aufs Fenster zu. Seine Hände klammerten sich am Rahmen der zerbrochenen Scheibe fest, und in einer Reflexbewegung warf ich mich mit meinem ganzen Gewicht gegen diesen Rahmen. Mit einem trockenen Knacken brachen seine Fingerknochen, sodass er vor Schmerz aufheulte. Ich zog die Pistole und zielte auf sein Gesicht, aber er hatte bereits gemerkt, dass seine Hände vom Rahmen glitten. Ein schreckerfüllter Blick, dann stürzte er in den Schacht, wobei er gegen die Wände prallte und in den Lichtflecken vor den Fenstern der unteren Stockwerke Blutspuren hinterließ.
Ich schleppte mich durch den Korridor zur Tür. Die Wunde am Arm pochte heftig, und ich merkte, dass ich auch an den Beinen mehrere Schnitte hatte. Ich wankte weiter. Links und rechts taten sich im Halbdunkel Räume mit Nähmaschinen, Fadenspulen und großen Tuchrollen auf Tischen auf. Als ich die Tür erreichte, legte ich die Hand auf den Knauf. Eine Zehntelsekunde später spürte ich, wie er sich unter meinen Fingern drehte. Ich ließ ihn los. Auf der anderen Seite stand Marcos und versuchte, die Tür zu öffnen. Ich zog mich ein paar Schritte zurück. Da schüttelte ein Krachen die Tür, und in einer Wolke von Funken und blauem Rauch flog ein Teil des Schlosses in die Luft. Marcos versuchte, es aufzuschießen. Ich flüchtete mich in den ersten Raum, der voll mit arm- und beinlosen Figuren war aneinandergelehnte Schaufensterpuppen. Ich glitt zwischen die im Dämmerlicht glänzenden Torsi. Dann hörte ich einen zweiten Schuss. Die Tür sprang auf. Das gelbliche, im Pulverdampf gefangene Licht des Treppenabsatzes fiel in die Wohnung. Marcos’ Körper erschien als scharf gezeichneter Schattenriss in der Helligkeit. Seine schweren Schritte hallten durch den Korridor. Hinter den Puppen verborgen, drängte ich mich an die Wand, die Pistole in den zittrigen Händen.
»Kommen Sie raus, Martín«, sagte Marcos ganz ruhig, während er langsam weiterging. »Ich tu Ihnen nichts. Ich habe Anweisung von Grandes, Sie ins Präsidium zu bringen. Wir haben diesen Kerl gefunden, Marlasca. Er hat alles gestanden. Sie haben eine saubere Weste. Machen Sie jetzt keine Dummheiten. Kommen Sie raus, und im Präsidium besprechen wir alles.«
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