In diesem Moment hörte ich hinter mir die Tür aufgehen und drehte mich um. Auf der Schwelle stand der Inspektor und beobachtete mich. Auf ein Zeichen von ihm knipste jemand das Licht an und schloss die Tür. Die harte, metallische Helligkeit blendete mich für einen Moment. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich mich einem Inspektor gegenüber, der fast so elend aussah wie ich.
»Müssen Sie auf die Toilette gehen?«
»Nein. Angesichts der Umstände habe ich beschlossen, schon mal zu üben und in die Hose zu pissen, wenn Sie mich dann in die Schreckenskammer der Inquisitoren Marcos und Castelo schicken.«
»Freut mich, dass Sie Ihren Sinn für Humor noch nicht verloren haben. Sie werden ihn brauchen. Setzen Sie sich.«
Wir nahmen wieder dieselben Plätze wie einige Stunden zuvor ein und schauten uns schweigend an.
»Ich habe die Einzelheiten Ihrer Geschichte überprüft.«
»Und?«
»Wo soll ich anfangen?«
»Sie sind der Polizist.«
»Als Erstes habe ich die Praxis von Dr. Trías aufgesucht, in der Calle Muntaner. Das war eine kurze Angelegenheit. Dr. Trías ist vor zwölf Jahren gestorben, und seit acht Jahren führt ein Zahnarzt namens Bernat Llofriu die Praxis, der, unnötig es zu erwähnen, noch nie von Ihnen gehört hat.«
»Unmöglich.«
»Warten Sie, es wird noch besser. Danach bin ich zur Hauptfiliale der Bank Hispano Colonial gegangen. Eindrucksvolles Dekor und untadelige Bedienung. Am liebsten hätte ich gleich ein Sparbuch eröffnet. Dort habe ich herausgefunden, dass Sie bei diesem Unternehmen nie irgendein Konto hatten und dass man dort nie von jemandem namens Andreas Corelli gehört hat und dass derzeit kein Kunde ein Devisenkonto mit einem Betrag von hunderttausend französischen Francs besitzt. Soll ich fortfahren?«
Ich presste die Lippen zusammen und nickte.
»Nächster Halt war die Kanzlei des verstorbenen Anwalts Valera. Dort habe ich feststellen können, dass Sie zwar ein Bankkonto haben, nicht aber bei der Hispano Colonial, sondern bei der Bank von Sabadell, von wo aus Sie vor etwa sechs Monaten zweitausend Peseten auf das Konto der Anwälte überwiesen haben.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Ganz einfach. Sie haben Valera anonym engagiert, oder so dachten Sie wenigstens, denn Banken haben ein Gedächtnis wie Dichter, und wenn sie einmal einen Centimo haben davonfliegen sehen, vergessen sie es nie wieder. Ich gestehe, an diesem Punkt fand ich Geschmack an der Sache und beschloss, der Steinmetzwerkstatt Sanabre und Söhne einen Besuch abzustatten.«
»Sagen Sie nicht, Sie hätten den Engel nicht gesehen…«
»Doch, doch, und ob ich ihn gesehen habe. Beeindruckend. Ebenso wie der von Ihnen persönlich unterschriebene, vor drei Monaten datierte Brief, mit dem Sie die Arbeit in Auftrag gegeben haben, und die Quittung über die Vorauszahlung, die der gute Sanabre bei seinen Papieren aufbewahrt hat. Ein entzückender Mensch und überaus stolz auf seine Arbeit. Er hat gesagt, das sei sein Meisterwerk, er habe eine göttliche Eingebung gehabt.«
»Haben Sie ihn nicht nach dem Geld gefragt, das ihm Marlasca vor fünfundzwanzig Jahren gezahlt hat?«
»Das habe ich. Er hatte die Quittungen immer noch. Zahlungen für die Instandhaltung und Renovierung des Familiengrabes.«
»In Marlascas Grab liegt jemand, der nicht Marlasca ist.«
»Das sagen Sie. Aber wenn ich ein Grab schänden soll, müssen Sie mir schon stichhaltigere Argumente liefern. Erlauben Sie mir, meinen Gang durch Ihre Geschichte fortzusetzen.«
Ich musste schlucken.
»Da ich schon mal da war, bin ich auch gleich zum Strand von Bogatell gegangen, wo ich für einen Real mindestens zehn Personen gefunden habe, die bereit waren, mir das schreckliche Geheimnis der Hexe von Somorrostro zu enthüllen. Ich habe es Ihnen heute Morgen nicht gesagt, als Sie mir Ihre Geschichte erzählt haben, um das Drama nicht zu ruinieren, aber tatsächlich ist das Weibsbild, das sich so nannte, schon vor Jahren gestorben. Die Alte, die ich heute Morgen gesehen habe, vermag nicht einmal Kinder zu erschrecken, sie ist an den Stuhl gefesselt. Ein Detail, das Sie entzücken wird: Sie ist stumm.«
»Inspektor…«
»Ich bin noch nicht fertig. Sie sollen nicht sagen können, ich nehme meine Arbeit nicht ernst. Ich nehme sie so ernst, dass ich von dort zu dem alten Kasten am Park Güell gegangen bin, den Sie mir beschrieben haben, der seit mindestens zehn Jahren leer steht und in dem es, wie ich Ihnen leider sagen muss, weder Fotografien noch sonst irgendwelche Bilder noch irgendetwas außer Katzenscheiße gibt. Wie finden Sie das?«
Ich gab keine Antwort.
»Sagen Sie, Martín, an meiner Stelle — was hätten Sie in einer solchen Situation getan?«
»Aufgegeben, nehme ich an.«
»Genau. Aber ich bin nicht Sie und habe nach dieser einträglichen Rundreise wie ein Blödmann beschlossen, Ihrem Rat zu folgen und die fürchterliche Irene Sabino zu suchen.«
»Haben Sie sie gefunden?«
»Bitte etwas mehr Vertrauen in die Ordnungskräfte, Martín. Natürlich haben wir sie gefunden. Zu Tode gelangweilt in einer elenden Pension im Raval, wo sie seit Jahren wohnt.«
»Haben Sie mit ihr gesprochen?«
Grandes nickte.
»Lange und ausführlich.«
»Und?«
»Sie hat nicht die leiseste Idee, wer Sie sind.«
»Das hat sie gesagt?«
»Unter anderem.«
»Was da wäre?«
»Sie hat mir erzählt, sie habe Diego Marlasca bei einer von Roures organisierten Sitzung in einer Wohnung in der Calle Elisabets kennengelernt, wo sich 1903 die spiritistische Gesellschaft ›Die Zukunft‹ versammelte. Sie hat mir erzählt, sie habe einen Mann angetroffen, der, vollkommen vernichtet durch den Verlust seines Sohnes und gefangen in einer sinnentleerten Ehe, in ihren Armen Zuflucht gesucht habe. Sie hat mir erzählt, Marlasca sei ein guter, aber verwirrter Mann gewesen, der geglaubt habe, irgendetwas sei in ihn gefahren, und von seinem baldigen Tod überzeugt gewesen sei. Sie hat mir erzählt, vor seinem Tod habe er einen Fonds eingerichtet, damit sie und der Mann, den sie wegen Marlasca verlassen habe, Juan Corbera alias Jaco, etwas bekämen, wenn er nicht mehr da wäre. Sie hat mir erzählt, Marlasca habe sich das Leben genommen, um dem Schmerz ein Ende zu setzen, der ihn aufgezehrt habe. Sie hat mir erzählt, sie und Juan Corbera hätten von Marlascas Barmherzigkeit gelebt, bis das Geld aufgebraucht gewesen sei, und der Mann, den Sie Jaco nennen, habe sie kurz darauf verlassen und sie habe erfahren, er sei einsam und im Alkoholrausch gestorben, während er als Nachtwächter in der Fabrik Casaramona gearbeitet habe. Sie hat mir erzählt, sie habe Marlasca tatsächlich zu dieser Frau gebracht, die die Hexe von Somorrostro genannt werde, weil sie gedacht habe, sie würde ihn trösten und ihn davon überzeugen können, dass er im Jenseits seinen Sohn wiederfände… Soll ich fortfahren?«
Ich knöpfte mein Hemd auf und zeigte ihm die Schnitte, die mir Irene Sabino an dem Abend in die Brust geritzt hatte, als sie und Marlasca mich auf dem Friedhof von San Gervasio angegriffen hatten.
»Ein sechszackiger Stern. Bringen Sie mich nicht zum Lachen, Martín. Diese Schnitte können Sie sich selbst beigebracht haben. Sie bedeuten gar nichts. Irene Sabino ist bloß eine arme Frau, die sich ihren Lebensunterhalt als Angestellte in einer Wäscherei in der Calle Cadena verdient, sie ist keine Hexe.«
»Und was ist mit Ricardo Salvador?«
»Ricardo Salvador wurde 1906 aus dem Polizeidienst entlassen, nachdem er zwei Jahre lang im Todesfall Marlasca herumgestochert hatte, während er eine unerlaubte Beziehung mit der Witwe des Verstorbenen unterhielt. Das Letzte, was man über ihn hat in Erfahrung bringen können, ist, dass er nach Südamerika ausgewandert ist, um dort ein neues Leben anzufangen.«
Читать дальше