Walters augenfälligste Eigenschaft, von seiner Liebe zu Patty abgesehen, war seine Nettigkeit. Walter war einer dieser guten Zuhörer, die offenbar alle anderen Menschen interessanter und eindrucksvoller finden als sich selbst. Er hatte grotesk helle Haut, ein schwach ausgeprägtes Kinn und engelhaft gelocktes Haar, und er trug seit eh und je dieselbe Drahtbrille mit den runden Gläsern. Seine Laufbahn hatte er bei 3M als Anwalt in der Rechtsabteilung begonnen, war dort jedoch nicht sehr erfolgreich gewesen und daraufhin in den Unternehmensbereich Philanthropie und Wohltätigkeit abgeschoben worden, eine Sackgasse der Firma, in der Nettigkeit als Vorzug galt. In der Barrier Street verteilte er ständig tolle Freikarten für das Guthrie-Theater und das St. Paul Chamber Orchestra und erzählte den Nachbarn von seinen Begegnungen mit Lokalmatadoren wie Garrison Keillor und Kirby Puckett und einmal sogar Prince. Erst kürzlich hatte er überraschend bei 3M gekündigt und war Referent für Landnutzung bei der Naturschutzorganisation The Nature Conservancy geworden. Niemand außer den Paulsens hatte geahnt, dass er ein solches Maß an Unzufriedenheit hegte, aber Walter begeisterte sich für die Natur keinen Deut weniger als für die Kultur, und die einzige nach außen hin sichtbare Veränderung in seinem Leben war die, dass er an den Wochenenden nun viel seltener zu Hause war.
Das mag einer der Gründe gewesen sein, warum er sich nicht, wie man vielleicht hätte erwarten können, in Pattys Streit mit Carol Monaghan einmischte. Wenn man ihn geradeheraus fragte, was er davon hielt, kicherte er nervös. «Ich bin da eine Art unparteiischer Beobachter», sagte er. Und ein unparteiischer Beobachter blieb er den ganzen Frühling und Sommer von Joeys zweitem Collegejahr hindurch bis in den Herbst, als Jessica zum Studieren an die Ostküste ging und Joey aus seinem Elternhaus aus- und bei Carol, Blake und Connie einzog.
Der Umzug war ein erstaunlicher Akt der Rebellion und ein Dolchstoß in Pattys Herz — der Anfang vom Ende ihres Lebens in Ramsey Hill. Joey hatte den Juli und den August in Montana verbracht, um auf der Hochlandfarm eines von Walters wichtigsten Nature-Conservancy-Sponsoren zu arbeiten, und war mit breiten, männlichen Schultern und fünf Zentimeter größer als zuvor zurückgekommen. Walter, der für gewöhnlich kein Angeber war, hatte den Paulsens bei einem Picknick im August anvertraut, der Sponsor habe ihn angerufen und gesagt, Joeys Furchtlosigkeit und Ausdauer beim Kälberfang und Schafbad hätten ihn «umgehauen». Patty dagegen hatte, auf demselben Picknick, schon diesen vor Kummer leeren Blick. Im Juni, bevor Joey nach Montana fuhr, hatte sie ihn noch einmal mit zum Namenlosen See genommen, damit er ihr bei Ausbesserungsarbeiten am Haus zur Hand ging, und der einzige Nachbar, der sie dort besucht hatte, beschrieb einen fürchterlichen Nachmittag, an dem Mutter und Sohn sich gegenseitig wieder und wieder, auf offener Bühne, tief verletzt hätten, bei einem Streit, in dessen Verlauf Joey Patty wegen ihrer Eigenarten verspottet und ihr schließlich ins Gesicht gesagt habe, sie sei «dumm», worauf Patty «Hahaha!» geschrien habe, «dumm! Mein Gott, Joey! Deine Reife verblüfft mich immer wieder! Die eigene Mutter vor anderen Leuten dumm nennen, das ist ja so ein sympathischer Zug! Was bist du bloß für ein großer, starker, unabhängiger Mann!»
Gegen Ende des Sommers hatte Blake die Arbeiten am Mehrzweckraum weitgehend abgeschlossen und staffierte ihn mit so Blakeschen Gerätschaften wie PlayStation, Kicker- und Air-Hockey-Tischen, gekühltem Bierfass, Großbildfernseher, verstellbaren Lehnsesseln sowie einem Vikings-Kronleuchter aus Buntglas aus. Den Nachbarn blieb nur, sich auszumalen, mit welchem Sarkasmus Patty diese Annehmlichkeiten vom Abendbrottisch aus bedachte und wie Joey seine Mutter für dumm und unfair erklärte und Walter ihm wütend Entschuldigungen gegenüber Patty abverlangte, aber den Abend, an dem Joey zur Nachbarsfamilie überlief, brauchte sich niemand auszumalen, weil Carol Monaghan ihn jedem aus der Straße, der den Berglunds gegenüber illoyal genug war, ihr zuzuhören, mit lauter und etwas hämischer Stimme gern beschrieb.
«Joey war so ruhig, so ruhig», sagte Carol. «Ich schwöre bei Gott, er sah aus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Ich bin mit Connie rübergegangen, um ihn zu unterstützen und auch um klarzumachen, dass mir die Regelung total recht ist, denn ihr kennt Walter ja, so rücksichtsvoll, wie er ist, hätte er sonst bestimmt befürchtet, ich könnte das als Zumutung empfinden. Und Joey war total verantwortungsbewusst, wie immer. Er wollte nur, dass alle auf demselben Stand sind und dass die Karten offen auf dem Tisch liegen. Er hat ihnen erklärt, er und Connie hätten alles mit mir besprochen, und ich habe Walter gesagt — weil mir nämlich klar war, dass ihm das Sorgen machen würde — , ich habe ihm gesagt, die Lebensmitteleinkäufe wären kein Problem. Blake und ich sind jetzt eine Familie, und wir füttern gern noch einen mehr durch, und außerdem ist Joey große Klasse, wenn es ums Abwaschen und Müllrausbringen und Aufräumen geht, und dann habe ich Walter noch gesagt, er und Patty wären Connie gegenüber ja auch so großzügig gewesen und hätten sie bei sich mitessen lassen und so. Ich wollte das anerkennen, denn sie waren wirklich großzügig, als ich mein Leben nicht im Griff hatte, und ich bin ihnen dafür all die Jahre unheimlich dankbar gewesen. Und Joey bleibt die ganze Zeit dermaßen ruhig und verantwortungsbewusst. Er sagt, dass er eigentlich gar keine andere Wahl hat, wenn er Zeit mit Connie verbringen will, weil Patty sie ja nicht mal mehr ins Haus lässt, und ich springe ihm bei und sage, wie total ich hinter ihrer Beziehung stehe — wenn bloß alle anderen jungen Leute auf dieser Welt so verantwortungsbewusst wären wie die beiden, dann wäre die Welt viel schöner — und wie viel besser es ist, dass sie bei mir, in Sicherheit und Verantwortung, im Haus wohnen, anstatt irgendwo draußen rumzuschleichen und sich in Schwierigkeiten zu bringen. Ich bin Joey so dankbar, er wird bei mir im Haus immer willkommen sein. Das habe ich ihnen gesagt. Und ich weiß schon, dass Patty mich nicht mag, sie hat immer auf mich herabgesehen und auch Connie hochnäsig behandelt. Das weiß ich ganz genau. Ich weiß so einiges darüber, wozu Patty fähig ist. Deshalb war mir auch klar, dass sie auf die eine oder andere Art ausflippen würde. Und tatsächlich verzieht sie das Gesicht und sagt: liebt deine Tochter? Glaubst du im Ernst, er ist in sie verliebt?> Mit dieser hohen, dünnen Stimme. Als wäre es unmöglich, dass einer wie Joey sich in Connie verliebt, weil ich nicht aufs College gegangen bin oder was weiß ich, oder weil ich nicht in so einem großen Haus wohne oder nicht aus New York komme oder was weiß ich, oder weil ich, anders als sie, einen kreuzehrlichen Vierzigstundenjob habe. Patty ist so voller Geringschätzung mir gegenüber, das glaubt man gar nicht. Aber mit Walter, dachte ich, könnte ich reden. Der ist wirklich ein Schatz. Sein Gesicht ist knallrot angelaufen, wahrscheinlich weil ihm das alles peinlich ist, und er sagt: Was ich in Ordnung finde. Ich bin doch nicht hingegangen, um Unfrieden zu stiften, so jemand bin ich nicht. Aber Joey sagt nein. Er sagt, dass er sie ja nicht um Erlaubnis bittet, sondern ihnen nur mitteilt, was er tun wird, und dass es nichts zu diskutieren gibt. Und da verliert Walter die Fassung. Komplett. Die Tränen strömen ihm übers Gesicht, so fertig ist er — und ich kann das verstehen, immerhin ist Joey sein jüngstes Kind, und es ist ja nicht seine Schuld, dass Patty so uneinsichtig und so gemein zu Connie ist und dass Joey deshalb nun nicht mehr bei ihnen wohnen möchte. Jedenfalls fängt er an, aus vollem Hals zu brüllen, so was wie DU BIST SECHZEHN JAHRE ALT, UND DU GEHST NIRGENDWOHIN, BIS DU NICHT MIT DER SCHULE FERTIG BIST. Und Joey lächelt ihn nur an, er könnte kein Wässerchen trüben. Er sagt, es ist nicht verboten, dass er auszieht, und außerdem zieht er ja nur nach nebenan. Total vernünftig. Ich wünschte, ich wäre mit sechzehn auch nur ansatzweise so klug und souverän gewesen. Im Ernst, er ist wirklich ein toller Junge. Und Walter tat mir irgendwie leid, weil er jetzt lauter so Zeug brüllte, von wegen, er bezahlt Joeys College nicht, und Joey darf nächsten Sommer nicht wieder nach Montana, und er verlangt ja nicht mehr, als dass Joey zum Abendessen kommt und in seinem eigenen Bett schläft und ein Teil der Familie ist. Und Joey daraufhin: , was er ja im Übrigen nie bestritten hat. Aber Walter stampft durch die Küche, ein paar Sekunden lang habe ich wirklich gedacht, er schlägt gleich zu, aber er ist bloß total aus der Fassung, er brüllt: RAUS HIER, RAUS HIER, ICH BIN ES LEID, RAUS HIER, und dann ist er weg, und man hört ihn oben in Joeys Zimmer Schubladen aufreißen oder so was, und Patty rennt hinterher, und sie schreien sich an, und Connie und ich nehmen Joey in den Arm, weil er der einzige Vernünftige in dieser Familie ist und uns so leidtut, und in dem Moment bin ich überzeugt, dass es das Richtige für ihn ist, bei uns einzuziehen. Walter kommt die Treppe wieder runtergestampft, und wir hören Patty schreien wie eine Irre — jetzt ist sie es, die total die Fassung verloren hat — , und Walter fängt wieder an zu brüllen: SIEHST DU, WAS DU DEINER MUTTER ANTUST? Denn es dreht sich alles nur um Patty, versteht ihr, immer muss sie das Opfer sein. Und Joey steht bloß da und schüttelt den Kopf, weil die Situation so eindeutig ist. Warum sollte er in so einem Haushalt wohnen wollen?»
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