Die Paulsens, die selbst gerade eine lange Renovierungsphase hinter sich hatten, mochten sich über den Lärm und das Durcheinander nicht beschweren, und Walter, der Nachbar zur anderen Seite, war zu nett oder zu beschäftigt dafür, aber als Patty, nach den Monaten mit Joey am See, Ende August wieder nach Hause kam, drehte sie vor Empörung fast durch und lief mit wildem Blick straßauf, straßab von Tür zu Tür, um über Carol Monaghan herzuziehen. «Entschuldigt bitte», sagte sie, «was ist denn hier los? Kann mir mal jemand sagen, was hier los ist? Hat irgendwer den Bäumen den Krieg erklärt, ohne es mir mitzuteilen? Wer ist dieser Paul Bunyan mit dem Pick-up? Was geht da vor? Ist Carol nicht mehr bloß Mieterin? Darf man Bäume abholzen, wenn man bloß zur Miete wohnt? Seit wann kann man einfach die Rückwand eines Hauses einreißen, das einem gar nicht gehört? Hat sie das Haus vielleicht gekauft, ohne dass wir etwas davon mitgekriegt haben? Wie das denn, bitteschön? Sie kann ja noch nicht mal eine Glühbirne auswechseln, ohne meinen Mann anzurufen! Wie sollte diese Person denn wohl einen Kredit bekommen? Muss sie nicht erst ihre Victoria's-Secret-Rechnungen bezahlen? Wieso darf sie überhaupt einen Freund haben? Gibt es da nicht irgend so einen fetten Typen drüben in Minneapolis? Sollte man dem fetten Typen nicht vielleicht mal ein Licht aufstecken?»
Erst als Patty die Tür der Paulsens erreicht hatte, weit unten auf ihrer Liste aufzusuchender Nachbarn, erhielt sie ein paar Antworten. Merrie erklärte ihr, Carol Monaghan miete das Haus inzwischen tatsächlich nicht mehr. Es sei eines von mehreren hundert, die das städtische Wohnungsamt in den Jahren der Verwahrlosung des Viertels in Besitz genommen habe und nun zu Schnäppchenpreisen zu verkaufen beginne.
«Wieso weiß ich davon nichts?»
«Du hast nie nachgefragt», sagte Merrie. Und konnte nicht widerstehen hinzuzufügen: «Politik hat dich ja offenbar nie besonders interessiert.»
«Und ihr meint, sie hat es billig bekommen.»
«Sehr billig. Kann eben nicht schaden, die richtigen Leute zu kennen.»
«Und wie findet ihr das?»
«Ich finde, es ist theoretisch genauso wie finanzpolitisch eine Sauerei», sagte Merrie. «Ein Grund, warum ich für Jim Schiebel arbeite.»
«Ihr wisst ja, ich habe dieses Viertel immer geliebt», sagte Patty.
«Ich habe hier immer gern gewohnt, selbst am Anfang. Und plötzlich kommt mir alles so schmutzig und hässlich vor.»
«Nicht verzagen, Aufstand wagen», sagte Merrie und gab ihr ein paar Bücher zum Thema.
«Mit Walter würde ich im Augenblick nicht gern tauschen», sagte Seth, als Patty gegangen war.
«Das freut mich zu hören», sagte Merrie.
«Habe ich mich getäuscht, oder hast du da auch so einen Unterton ehelichen Unmuts rausgehört? Ich meine — Carol bei der Steuererklärung helfen, wusstest du das? Ziemlich interessant, finde ich, davon habe ich nie was mitbekommen. Und nun konnte er nicht mal ihren schönen Blick auf Carols Bäume retten.»
«Das Ganze hat so was reaganhaft Regressives», sagte Merrie. «Sie hat gedacht, sie könnte in ihrer kleinen Luftblase leben, sich ihre eigene kleine Welt erschaffen. Ihr eigenes kleines Puppenhaus.»
Der Anbau, der während der nächsten neun Monate Wochenende für Wochenende aus Carols Garten-Schlammloch emporwuchs, glich einem gigantischen Bootsschuppen, dessen mit Acryl verkleidete Außenwände von drei schlichten Fenstern durchbrochen waren. Carol und Blake bezeichneten den Anbau als «Mehrzweckraum», ein Konzept, das in Ramsey Hill bis dato keine Vorläufer hatte. Nach der Zigarettenkippenkontroverse hatten die Paulsens einen hohen Zaun gezogen und eine Reihe von Zierfichten gepflanzt, die inzwischen groß genug geworden waren, um Merrie und Seth von dem Anblick abzuschirmen. Nur die Berglund'schen Sichtachsen blieben unverstellt, und Patty war schon bald derart auf den von ihr so genannten «Hangar» fixiert, dass die anderen Nachbarn dem Gespräch mit ihr aus dem Weg gingen, was sie vorher nie getan hatten. Sie winkten ihr von der Straße aus zu und riefen einen Gruß, hüteten sich aber, stehenzubleiben und sich in eine Diskussion verwickeln zu lassen. Die berufstätigen Mütter waren sich einig, dass Patty zu viel Zeit hatte. Früher, im Umgang mit den kleinen Kindern, denen sie Sportunterricht gegeben und Haushaltsfertigkeiten beigebracht hatte, war sie phänomenal gewesen, aber jetzt waren fast alle Kinder in der Straße groß. Ganz gleich, womit Patty ihre Tage auszufüllen suchte, immer blieb sie in Sicht- oder Hörweite der Bautätigkeiten nebenan. Alle paar Stunden kam sie aus ihrem Haus, lief im Garten auf und ab und spähte zum Mehrzweckraum hinüber wie ein Tier, das in seinem Nest gestört worden ist, und manchmal ging sie am Abend hinüber und klopfte an die provisorische Sperrholztür.
«Hallo, Blake, wie geht's, wie steht's?»
«Danke, bestens.»
«Das hört man! Also ehrlich, weißt du was — die Skilsäge da ist für halb neun Uhr abends ziemlich laut. Was hältst du davon, für heute Schluss zu machen?»
«Nicht sehr viel, offen gesagt.»
«Und was ist, wenn ich dich darum bitten würde?»
«Keine Ahnung. Wie wär's, wenn du mich meine Arbeit machen lässt?»
«Das würde mir überhaupt nicht passen, weil der Lärm uns nämlich enorm stört.»
«Tja, also, weißt du was? Pech.»
Patty gab ein lautes, unwillkürliches, wieherndes Lachen von sich. «Hahaha! Pech?»
«Ja. Also, hör mal zu, das mit dem Lärm tut mir leid. Aber Carol sagt, ihr habt bei der Renovierung eures Hauses ungefähr fünf Jahre lang Lärm gemacht.»
«Hahaha. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich je beklagt hätte.»
«Ihr habt getan, was ihr tun musstet. Jetzt tue ich, was ich tun muss.»
«Aber was du da tust, ist richtig hässlich. Tut mir leid, aber es sieht grauenhaft aus. Einfach — scheußlich und grauenhaft. Im Ernst. Anders kann man es nicht nennen. Aber darum geht's hier gar nicht. Es geht um die Skilsäge.»
«Du stehst auf einem Privatgrundstück und solltest jetzt besser gehen.»
«Na schön, dann werde ich wohl die Polizei rufen.»
«Meinetwegen, nur zu.»
Danach konnte man sie, zitternd vor Wut, den Gartenweg auf und ab laufen sehen. Sie rief tatsächlich wiederholt die Polizei, und ein paarmal kamen die Beamten auch und knöpften sich Blake vor, aber bald waren sie es leid, von ihr zu hören, und tauchten erst im folgenden Februar wieder auf, als jemand die schönen neuen Winterreifen von Blakes F-25oer zerstochen hatte, alle vier, und Blake und Carol die Beamten an ihre Nachbarin verwiesen, von der telefonisch so oft Beschwerden eingegangen waren. Das wiederum führte dazu, dass Patty erneut straßauf, straßab von Tür zu Tür ging und Schimpftiraden vom Stapel ließ. «Die offenkundige Verdachtsperson, ja? Die Mutter zweier halbwüchsiger Kinder von nebenan, ich, eine Schwerverbrecherin, ja? Ich, eine Verrückte! Er hat den größten, hässlichsten Wagen in der ganzen Straße, mit Aufklebern dran, die so ungefähr jeden beleidigen, der kein weißer Bassist ist, aber mein Gott, wie mysteriös, wer außer mir könnte ihm wohl die Reifen zerstochen haben wollen?»
Merrie Paulsen war davon überzeugt, dass der Reifenzerstecher Patty war.
«Ich kann mir das nicht vorstellen», sagte Seth. «Klar, offensichtlich leidet sie, aber sie ist doch keine Lügnerin.»
«Mag sein, aber ich habe sie auch nie ausdrücklich sagen hören, dass sie es nicht gewesen ist. Hoffentlich hat sie einen guten Therapeuten. Brauchen könnte sie's. Das und einen Ganztagsjob.»
«Ich frage mich nur: Wo ist Walter?»
«Walter schuftet sich halb tot, um genug Geld zu verdienen, damit sie den ganzen Tag zu Hause hocken und die durchgedrehte Hausfrau spielen kann. Er ist für Jessica ein guter Vater und für Joey so etwas wie ein Realitätsprinzip. Ich würde sagen, er hat alle Hände voll zu tun.»
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