Wie gesagt, all das nahm ich auf, nahm es zur Kenntnis, doch immer mit dem Gefühl, um nicht zu sagen, schon fast mit der Einschränkung, dass ich währenddessen die ganze Zeit auf etwas wartete, und wenn ich auch nicht wusste, worauf eigentlich, so eben doch auf die Wende, darauf, dass das Geheimnis sich lüftete, auf das Erwachen sozusagen. Am nächsten Tag zum Beispiel, als er während seiner Arbeit einen Augenblick Zeit hatte, zeigte der Arzt mit dem Finger zu mir herüber. Man zog mich von meinem Platz und setzte mich vor ihn auf den Tisch. Er ließ ein paar freundliche Kehllaute erklingen, berührte mit seinem kalten Ohr, der stacheligen Spitze seines Schnurrbärtchens meinen Rücken und meine Brust, bedeutete mir, tief einzuatmen, zu husten. Dann legte er mich hin, ließ durch eine Art Gehilfen die Papierverbände entfernen und nahm sich meine Wunden vor. Er besah sie sich, zuerst nur aus einer gewissen Entfernung, dann betastete er sie vorsichtig, worauf sofort etwas von ihrer inneren Substanz zum Vorschein kam. Darauf machte er «hm, hm» und schüttelte besorgt den Kopf, als bedrückten ihn die Wunden ein wenig, als hätten sie ihm ein wenig die Laune verdorben, so schien mir. Dann hat er sie rasch wieder verbunden, so als wollte er sie aus seinen Augen verschwinden lassen, und ich hatte das Gefühl: Sie schienen nicht seinen Beifall zu finden, ihn nicht gerade zu befriedigen; er schien sich mit ihnen ganz und gar nicht abfinden zu können.
Aber auch sonst bin ich bei der Prüfung in dem einen oder anderen Punkt nicht gut weggekommen, wie ich nicht umhinkonnte festzustellen. Mit den Jungen neben mir zum Beispiel konnte ich mich in keiner Weise verständigen. Sie hingegen plauderten ungestört miteinander, über mich hinweg oder an mir vorbei, aber so, als sei ich bloß irgendein Hindernis, das ihnen einfach im Weg war. Zuvor noch hatten sie wissen wollen, was ich für einer sei. Ich sagte «Ungar» und hörte, wie sich die Neuigkeit in Windeseile links und rechts verbreitete: wengerski, wengrija , magyarski , matjar , ongroa und was sonst noch alles. Einer sagte auch: «Khenjir!», das heißt kenyér , Brot, und die Art, wie er und gleich der ganze Chor dazu lachten, ließ bei mir keinen Zweifel darüber, dass er meinesgleichen schon kannte, und zwar gründlich. Es war unangenehm, und ich hätte ihnen gerne irgendwie zu verstehen gegeben, dass da ein Irrtum war, weil die Ungarn ja mich wiederum gar nicht für ihresgleichen hielten, und dass ich ihre Meinung über sie im Großen und Ganzen einfach teilen und es kurios, ja vor allem ungerecht finden würde, wenn man mich hier nun ausgerechnet ihretwegen schief ansah – doch dann ist mir die dumme Behinderung eingefallen, dass ich ihnen das eben nur auf Ungarisch hätte erzählen können, oder allenfalls vielleicht auf Deutsch, was aber die Sache noch schlimmer gemacht hätte, das fand ich selbst auch.
Dann war da noch ein anderes Manko, ein weiterer Makel, den ich schließlich – es ging schon Tage – mit keiner Anstrengung mehr verbergen konnte. Ich hatte bald gelernt, dass es hier üblich war, bei Bedarf einen nur wenig älteren Jungen, so eine Art Hilfspfleger, zu rufen. Er erschien bei dieser Gelegenheit mit einem flachen und dem Zweck entsprechend langstieligen Geschirr, das unter die Decke geschoben wurde. Dann musste man ihn erneut rufen, «Bitte! Fertig! Bitte!» , bis er es holen kam. Nun konnte niemand, auch er nicht, diesem Bedürfnis eine ein-, zweimalige Berechtigung täglich absprechen. Nur konnte ich nicht umhin, ihn täglich dreimal, wenn nicht viermal zu bemühen, und das, so bemerkte ich, ärgerte ihn nun doch – ganz und gar verständlicherweise übrigens, das war nicht zu bestreiten, durchaus nicht. Einmal hat er das Geschirr sogar dem Arzt gebracht, etwas dazu erklärt und argumentiert und immer wieder auf den Inhalt gezeigt, bis der Arzt angesichts des Beweisstücks dann auch ein wenig nachdenklich wurde, wenngleich der Wink seines Kopfes, seiner Hand unmissverständlich eine Zurückweisung bedeutete. Am Abend blieb auch der Zucker nicht aus: also alles in Ordnung – ich durfte mich von neuem fest zwischen den Steppdecken und zwischen den wärmenden Körpern einnisten, in einer Sicherheit, die unanfechtbar, wenigstens heute noch andauernd und nicht erschütterbar zu sein schien.
Am nächsten Tag, irgendwann zwischen dem Kaffee und der Suppenzeit, trat ein Mensch aus der Welt draußen herein, ein ganz hoher Würdenträger, wie ich gleich bemerkte. Die große Künstlermütze war aus schwarzem Filz, seine Kleidung ein makellos weißer Umhang, darunter eine Hose mit rasiermesserscharfer Bügelfalte, an den Füßen glänzend polierte Halbschuhe, und vor seinem Gesicht erschrak ich ein bisschen, nicht nur vor den irgendwie grob ausgeprägten, irgendwie allzu männlichen, wie mit dem Meißel herausgehauenen Zügen, sondern auch vor seiner auffällig violetten, fast wie geschunden wirkenden Haut, die gleichsam das rohe Fleisch durchscheinen ließ. Außerdem kennzeichneten ihn eine hohe, schwere Gestalt, schwarzes, an den Schläfen schon leicht ergrautes Haar, eine Armbinde, die von meinem Platz aus nicht zu entziffern war, da er die Hände auf dem Rücken verschränkt hielt, aber vor allem ein rotes Dreieck ohne weiteres Zeichen: das heißt also die unheilverkündende Tatsache unverfälschten deutschen Blutes. Im Übrigen konnte ich jetzt zum ersten Mal in meinem Leben jemanden sehen, dessen Sträflingsnummer nicht eine Zehntausender, nicht eine Tausender, ja nicht einmal eine Hunderter war, sondern im Ganzen nur aus zwei Zahlen bestand. Unser Arzt eilte gleichhin, um ihn zu begrüßen, ihm die Hand zu schütteln und ein bisschen den Arm zu tätscheln, mit einem Wort: sein Wohlwollen zu erregen, wie bei einem sehr willkommenen Gast, der endlich mit seinem Besuch das Haus beehrt – und zu meiner größten Verblüffung musste ich plötzlich sehen, dass er allem Anschein nach ohne Zweifel von mir sprach. Er zeigte sogar auf mich, mit einem schwungvollen Bogen seiner Hand, und aus der schnellen, dieses Mal deutschen Rede drangen deutlich die Worte «zu dir» an mein Ohr. Dann fuhr er fort, beteuerte, redete auf ihn ein, und das fortwährend mit erklärenden Gebärden, als würde er eine Ware anpreisen, die er so schnell wie möglich loswerden wollte. Und der andere, der es sich zunächst schweigend angehört hatte wie der gewichtigere Partner, um nicht zu sagen der schwierige Kunde, schien am Schluss, als er wegging, schon ganz überzeugt – so empfand ich es wenigstens, denn da war der kurze, stechende, schon jetzt irgendwie besitzergreifende Blick seiner winzigen, dunklen, auf mich gerichteten Augen, sein kurzes Kopfnicken, sein Händedruck, seine ganze Art – nun und dann war da auch die sich aufhellende, befriedigte Miene unseres Arztes.
Ich brauchte nicht lange zu warten, bald öffnete sich die Tür erneut, und auf den ersten Blick erfasste ich bei dem Mann, der eintrat, das rote Dreieck auf dem Sträflingsanzug, darin ein P – Kennzeichen der Polen, wie allgemein bekannt –, und auf seiner schwarzen Armbinde das Wort «Pfleger» . Er schien jung, etwas über zwanzig ungefähr. Auch er hatte eine schöne blaue, allerdings kleinere Mütze, darunter weich über Ohren und Nacken fallendes kastanienbraunes Haar. In seinem langen, aber vollen, rundlichen Gesicht waren alle Züge so regelmäßig, so angenehm wie nur möglich, die rosige Farbe der Haut, der Ausdruck seines etwas großen, weichen Mundes außerordentlich sympathisch: Mit einem Wort, er war schön, und ich hätte mich wohl noch länger an seinem Anblick ergötzt – wenn er nicht gleich den Arzt gesucht, wenn dieser nicht gleich auf mich gezeigt und wenn er nicht eine Decke auf dem Arm gehabt hätte, in die er mich sogleich wickelte, nachdem er mich von meinem Platz heruntergezogen hatte, um mich dann in der hier offenbar üblichen Art über die Schulter zu nehmen. Er konnte nicht ganz unbehindert arbeiten, weil ich mich mit beiden Händen an der Querlatte festklammerte, die die Boxen voneinander trennte und gerade in meiner Griffweite war – ich tat es einfach so aufs Geratewohl, instinktiv sozusagen. Ich schämte mich auch ein bisschen dafür: Da machte ich wieder die Erfahrung, wie sehr bereits ein paar Tage Leben unseren Verstand irrezuführen, wie sehr sie uns die Sache zu erschweren vermögen. Doch erwies er sich als der Stärkere, ich hieb und hämmerte vergeblich mit beiden Fäusten auf seine Hüften, seine Nierengegend ein, auch darüber lachte er bloß, wie ich an der Erschütterung seiner Schultern spürte; da hörte ich auf und ließ zu, dass er mich trug, wohin es ihm beliebte.
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