Dann machte er sich doch eines Morgens ziemlich früh auf den Weg zur Ortsgruppe, und zwar deshalb so zeitig, wie er Marianna bei der vorzeitigen Beendigung des Frühstücks erklärt hat, weil er so bei der Begrüßung des Ortsgruppenleiters am ehesten um dieses ‚Heil Hitler‘ herumkomme, das gelinge mit keinem Gruß zuverlässiger als mit einem betont freundlich und aufmunternd gesprochenen ‚Guten Morgen!‘, kein Vergleich zu ‚Guten Tag‘. Manchmal würde er in solchen Fällen sogar ‚Ja, guten Morgen, Herr Soundso!‘ mit fast übertrieben starker Betonung des ‚Mor- gen‘ sagen, dann klappe das Weglassen des Hitlergrußes immer. Natürlich hätte es Fellgiebel keine besondere Schwierigkeit bereitet, mit ‚Heil Hitler‘ zu grüßen – wie oft antwortete er doch in der Sprechstunde einem eifrigen oder vielleicht auch nur eingeschüchterten Patienten, der allzu stramm mit ‚Heil Hitler‘ grüßte, ebenfalls mit ‚Heil Hitler‘, wobei er jedoch die beiden Worte betont ruhig und deutlich aussprach, viel deutlicher als die meisten der eintretenden Patienten, was dann alle möglichen Deutungen zuließ. Überhaupt lohne es sich bei jeglicher Begegnung, stets auf den Tonfall und die sprachliche Sorgfalt beim Hitlergruß zu achten, das sei für eine erste grobe Einordnung des Gegenübers stets von Vorteil. Dem Ortsgruppenleiter jedenfalls wollte er die zweifelhafte kleine Aufmerksamkeit eines korrekten Hitlergrußes auf keinen Fall zukommen lassen, obwohl dieser schon vor Jahren einmal als Patient bei ihm gewesen war.
Der Ortsgruppenleiter traf erst ein paar Minuten nach ihm ein, Fellgiebel saß in einem Sessel in der Halle und rief ihm im bewährt frohen Ton sein ‚Guten Morgen, Herr Ortsgruppenleiter!‘ zu.
Es klappte, und der Ortsgruppenleiter tat überraschter, als er war, und rief: „Sieh da, der Herr Doktor Fellgiebel!“, und dann, nicht mehr so theatralisch: „Komm, lassen Sie uns geschwind in mein Büro gehen!“
Dort fuhr er dann in einem gar nicht einmal so unfreundlichen Ton fort: „Was hört man da von Ihnen so alles in der letzten Zeit, Doktor?“
„Von mir?“, fragte Fellgiebel überrascht und tat so, als denke er nach. „Ich habe weder telefoniert noch geschrieben noch sonst etwas, weder auf dem Dienstweg noch direkt.“
„Nein, ich meine doch nicht, was man von Ihnen, sondern was man über Sie hört, Doktor.“
„Ach so“, antwortete Fellgiebel und tat erleichtert, „nun ja, wer weiß, was da die Leute so daherreden! Da fragen Sie am besten mich direkt!“
Fellgiebel freute sich, dass er den Ortsgruppenleiter da hatte, wo er ihn haben wollte, und dieser wohl einräumen musste, dass es hier doch offenbar nur um Gerede ging; der Ortsgruppenleiter dagegen ärgerte sich über Fellgiebels gespielte Begriffsstutzigkeit.
„Sie hatten“, fuhr er in schärferem Ton fort, „im Gegensatz zu Ihren Kollegen lange Zeit in Ihrer Praxis kein Bild des Führers hängen. Trotz immer wieder neuer Anstöße durch die Ärztekammer. Jetzt sind Sie endlich dem Wunsch Ihrer Kollegenschaft nachgekommen, aber mit was für einem entsetzlichen Bild! Dass es den Führer darstellen soll, sei nur am rechteckigen Oberlippenbart und an der Tolle über der Stirn zu erkennen“, er fuhr sich durchs Haar, „und am Braunhemd mit der Krawatte. Von welchem Stümper haben Sie –“
Da unterbrach ihn Fellgiebel heftig. „Was sagen Sie da? Um Gottes willen, nein!“, rief er bestürzt aus, als ob er dem Ortsgruppenleiter beim Bewältigen seines Irrtums beispringen wollte. „Das ist eines der bedeutendsten Werke von Friedhelm Büngener, ein Original-Aquarell! Friedhelm Büngener, übrigens ein Alt-Parteigenosse, hat durchaus einen Namen und nimmt auch, soviel ich weiß, in der Reichskammer für bildende Künste eine wichtige Funktion wahr.“
Der Ortsgruppenleiter war für einen Augenblick unsicher geworden. „Ein Alt-Parteigenosse? Also ein Alter Kämpfer mit dem goldenen Parteiabzeichen?“
Da stimmte Fellgiebel dem Ortsgruppenleiter zum ersten Mal in diesem Gespräch zu, aber zugleich verbesserte er ihn auch: „Ja, gewiss! Sie meinen mit dem goldenen Parteiabzeichen sicherlich das Goldene Ehrenzeichen der NSDAP . – Und wenn Sie wissen wollen, warum ich so lange überhaupt kein Hitlerbild in der Praxis hängen hatte: Weil ich auf eben dieses Bild gewartet habe, das den Führer trifft wie kein anderes. Ihn nicht vordergründig abbildet wie irgendein Foto – davon haben wir genug –, sondern weil es sein innerstes Wesen erfasst und es dem Kenner offenbart. – Ich vermute“, fügte er in höhnischem Pathos noch hinzu, „dass Ihr feiner Gewährsmann – gewiss kein Beurteiler mit einem geschulten Auge! – den Rang dieses Bildes nicht zu erfassen vermochte und seiner Wucht einfach nicht gewachsen war.“
Der Ortsgruppenleiter schwieg für einen Augenblick, Fellgiebel spürte, wie er zwischen Wohlwollen und gefährlicher Angriffslust schwankte.
Das Telefon läutete, der Ortsgruppenleiter nahm ab und wirkte schon nach wenigen Sekunden äußerst konzentriert, wahrscheinlich eine wichtige dienstliche Angelegenheit von oben. Fellgiebel nutzte den Augenblick und sagte, als wolle er nicht länger stören, fast triumphierend ‚Heil Hitler!‘, nickte dem Ortsgruppenleiter dabei freundlich zu und schickte sich an zu gehen, und der Ortsgruppenleiter stimmte zu, indem er ihn kurz anblickte und für einen Moment, kaum merklich nickend, die Augen schloss.
Auf dem Heimweg war Fellgiebel zunächst recht vergnügt gewesen und zufrieden mit sich und mit dem Theater, das er dem Ortsgruppenleiter vorgespielt hatte. Er war gewiss kein böser Mensch, aber er liebte es eben, andere Leute – ohne ihnen freilich ernsthaft zu schaden – ein bisschen hereinzulegen, mit ihnen zu spielen und schlauer zu sein als sie, vor allem dann, wenn es Leute waren, die mächtiger waren als er und die glaubten, auch über ihn Macht zu haben. Aber dann fiel ihm ein, dass ihm am Schluss des Gespräches dieses ‚Heil Hitler‘ nicht hätte herausrutschen dürfen, obwohl es als Schlusspunkt ja gar nicht schlecht gepasst hatte. Aber solche Fehler unterlaufen einem nun einmal, erst zieht man alle Register, um diesen Hitlergruß zu vermeiden, und dann wirft man ihn freiwillig hinterher, das ärgerte ihn.
Als ihn dann plötzlich die Sorge befiel, dass sein Gespräch mit dem Ortsgruppenleiter vielleicht doch noch üble Folgen für ihn haben könnte, trübte sich seine Stimmung weiter ein. Er versuchte, an etwas anderes zu denken, weil er spürte, wie die ängstliche Unruhe, die mit dieser Sorge verbunden war, sein ganzes Befinden vergiftete. Aber die Sorge sprang ihn auf seinem Heimweg immer wieder aufs Neue an, und die Gefahr, die ihm vom Ortsgruppenleiter drohte, erschien ihm von Mal zu Mal größer. Er wurde immer kleinmütiger, und sein Gespräch mit dem Ortsgruppenleiter kam ihm jetzt gar nicht mehr so souverän geführt vor, und als er schließlich zu Hause angekommen war, da war er, entgegen seinem sonstigen Verhalten, eingeschüchtert und kleinlaut geworden. Im Büro der Ortsgruppe, wo er noch groß getönt hatte, da hatte er im Ortsgruppenleiter noch ganz seinen ehemaligen Patienten gesehen, aber jetzt war der Ortsgruppenleiter plötzlich zum verlängerten Arm, zum Tentakel eines krakenhaften Systems geworden, das unbarmherzig nach ihm griff.
Zum ersten Mal hatte Fellgiebel Angst vor dem Regime. Vielleicht bin ich manchmal doch ein bisschen ein Maulheld, dachte er, und dann wieder ein bisschen ein Angsthase, beides in einem. –
Fellgiebels Adoptivsohn lebte sich nur langsam in seiner neuen Umgebung in Mannheim ein. Jan war ein stiller Junge, der zwar stets freundlich, aber immer auch mit einer leisen Distanz seine Umgebung beobachtete. ‚Wenn ich nur wüsste, wie er tatsächlich ist‘, sagte Fellgiebel hin und wieder, der an der Eingewöhnung seines Adoptivsohns regen Anteil nahm, ‚oder wie er eigentlich ist‘, doch Marianna sah das ganz anders. ‚Jan ist so, wie er ist – so ist er, da gibt es kein eigentlich und kein tatsächlich . Und wie er sein wird, wenn er sich vollständig eingelebt hat, das liegt ganz bei uns.‘
Читать дальше