Vor etwas mehr als zwei Jahren war es, als Dora plötzlich ohne Vorwarnung erkrankte – Speiseröhrenkrebs war die alles vernichtende, niederschmetternde Todesdiagnose der behandelnden Ärzte. Wie oft wünschte sich Hans-Peter, dass seine Dora, die er mehr liebte als alles andere auf der Welt, das für ihn so sehr verhasste Rauchen endlich aufgeben würde. Doch alle seine Versuche waren umsonst, für Dora war das Rauchen ein Genuss, ein Lebensgefühl, auf das sie nicht verzichten wollte, unter gar keinen Umständen. Das kam für sie überhaupt nicht in Frage. Es war ihr, ganz einfach gesagt, zu wichtig um aufgegeben zu werden. Für Hans-Peter waren Doras Ansichten über das Rauchen schlichtweg unverständlich. «Wie kann denn Rauchen ein Genuss sein? Du nimmst eine stinkige Zigarette in den Mund und der Rauch bahnt sich unaufhaltsam einen Weg durch deinen lieblichen sinnlichen Mund, deinen Hals, deine Lunge und deine Nase. Überall hinterlässt der verdammte Rauch seine Spuren. So etwas kann man doch nicht geniessen, Dora! Das ist unmöglich!»
Doch Dora hielt Hans-Peters Angst um ihre Gesundheit, aber auch den Ekel, den er vor dem Gestank hatte, als masslos übertrieben. Immer und immer wieder versuchte Hans-Peter seiner Frau die Gründe seines Abscheus, seines fast schon abgrundtiefen Hasses auf das Rauchen zu erklären. In vielen, fast schon unzähligen Gesprächen, bat er seine Frau darum, die Sucht zu bekämpfen. Es war mehr als nur ein Bitten, es war ein stetes Flehen, er hätte alles getan als Gegenleistung. Alles, wirklich alles? Nun, alles kann ein Mensch eigentlich gar nicht tun, das geht gar nicht, das war Hans-Peter selbstverständlich auch bewusst. Aber auf alle Fälle hätte er versucht alles zu tun, was ihm möglich gewesen wäre. Doch je mehr er bei Dora flehte, umso trotziger und widerwilliger reagierte sie auf seine unzähligen Versuche. So blieb Hans-Peter am Schluss nichts Anderes übrig, als das Ganze resigniert, zermürbt und hoffnungslos zu akzeptieren. Dora schien es gar nicht zu bemerken, wie Hans-Peter sich von ihr distanzierte, da er sich so sehr vor dem Geruch ekelte, obwohl er sie doch mehr liebte, als alles andere auf der grossen weiten Welt. Für Hans-Peter schien es oft wie ein Teufelskreis zu sein, aus dem er und Dora nicht mehr herausfanden. Wie oft dachte Hans-Peter daran seinem Leben ein Ende zu machen, weil er mit der ganzen Situation überfordert war. Und doch schaffte er es nicht, seine Dora alleine zu lassen.
Nur gerade sieben Monate dauerte es von der Diagnose bis zur Beerdigung. Es waren sieben unendlich lange Monate, die Hans-Peter wie sieben Jahre oder noch länger vorkamen. Unerdenklich waren die Schmerzen, an denen seine Dora in den letzten Wochen litt, ihr Tod war schlussendlich wie eine Erlösung für sie, aber auch für ihn. Die ersten paar Wochen nach Doras Tod waren für den plötzlich einsamen Hans-Peter fast nicht auszuhalten. Zu sehr vermisste er die Frau, mit der er über vierzig Jahre Seite an Seite zusammenlebte und die ihn nun alleine liess. Ein Herz und eine Seele waren sie zwar nicht immer, aber richtigen Streit gab es während dieser Zeit auch keinen, ab und zu die zum Leben gehörenden Differenzen und Meinungsverschiedenheiten. Aber sonst, sonst herrschte eigentlich eine recht harmonische Beziehung, wenn nur das Problem mit dem Rauchen nicht gewesen wäre. Es dauerte einige Monate bis sich Hans-Peter in seinem neuen Leben als Wittwer richtig orientieren konnte und sich wieder zurechtfand.
Und auch wenn die Ärzte keinen direkten Zusammenhang von Doras Rauchgenuss und dem Speiseröhrenkrebs bestätigten, so war und ist für Hans-Peter auch heute noch eindeutig klar, dass seine geliebte Frau vor allem durch das Nikotin krank geworden war. Seit dieser Zeit hatte sich sein Hass auf das Nikotin als Ganzes noch um ein Vielfaches verschärft.
Unvermittelt prasselte der starke Frühjahrsregen auf den Waldweg, aus dem Städtchen Laufenburg herauf waren die Glocken der reformierten sowie der römisch-katholischen Kirche zu vernehmen, aber auch die Glocken der Heilig Geist Kirche ennet des Rheins, aus dem deutschen Laufenburg, waren überaus deutlich zu hören. Seit seiner Geburt lebte Hans-Peter immer in Laufenburg, er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass er je an einem anderen Ort der Welt hätte leben können. «Einmal Laufenburg, immer Laufenburg, von der Geburt bis zum Tod, von der Wiege bis zur Bahre», pflegte er jeweils voller Überzeugung zu sagen, wenn er daraufhin angesprochen wurde. Er liebte diesen malerischen Ort am Rhein, seine idyllische Altstadt, die alten Türme aus längst vergangenen Zeiten, wie die Menschen die hier lebten. Auch die Geschichte der Stadt hatte es ihm angetan. Die Stadt, die durch die Französische Revolution getrennt wurde, denn, der am 9. Februar 1801 unterzeichnete Friede von Lunéville, teilte Laufenburg in zwei Hälften. Der von der Einwohnerzahl her kleinere rechtsrheinische Teil gelangte zum Grossherzogtum Baden, umfasste aber etwa zwei Drittel des Gemeindebanns. Am 20. Februar 1802 wurde der linksrheinische Teil Laufenburgs Hauptort des gleichnamigen Distrikts im Kanton Fricktal, der sich im August der Helvetischen Republik anschloss, damit war dieser Teil Laufenburgs schweizerisch geworden.
Trotz Wind und Regen waren die Glockenschläge sehr gut hörbar, zehn Uhr abends war es, als Hans-Peter sich mit Flurin dem Waldhaus näherte. «Dort bei der Hütte machen wir eine kleine Pause, Flurin. Das haben wir uns nun wahrlich verdient, meinst du nicht auch? Wir müssen ja bescheuert sein, bei diesem Wetter einen Spaziergang zu machen. Ich werde wohl nur noch älter und dümmer. Oder was meinst du? Du sagst natürlich wieder nichts, so wie immer. Na egal, auf alle Fälle gibt’s jetzt erst mal eine Pause. Vielleicht hört der Regen ja doch noch auf.» Der Hund spitzte seine Ohren; Pause , dieses Wort kannte und liebte er. Schnellen Schrittes eilten die beiden durchnässten Gestalten dem langsam nahenden Waldhaus entgegen.
Vielleicht noch fünfzig Meter trennte die beiden bis zum schützenden Dach. Aber was war denn jetzt bloss mit Flurin los? Wie angewurzelt blieb der Vierbeiner urplötzlich stehen, sein aufgeregter Blick richtete sich zu einigen alten grossen Tannen hin. Der Schäferhund fletschte die Zähne, er knurrte und liess alsbald ein kräftiges drohendes Bellen ertönen. «Was soll denn das? Flurin, spinnst du denn? Hör auf zu bellen und komm endlich. Ich will mir hier wegen dir nicht den Tod holen. Ich will eigentlich noch ein paar Jahre leben. Hörst du nicht, jetzt komm endlich!» Hans-Peter zerrte mit all seiner vorhandenen Kraft an der ledernen dunkelbraunen Leine, die er seinem Hund erst vor wenigen Tagen gekauft hatte. In einem Schweizer Fachgeschäft natürlich, denn Qualität darf auch etwas kosten, das war Hans-Peters Meinung. Doch wie sehr sein Meister auch zerrte, so liess Flurin sich nicht dazu bewegen, den Weg gemeinsam in Richtung des vor der Nässe schützenden Waldhauses fortzusetzen. «Na gut, du störrischer alter Bock was du bist», sagte sich Hans-Peter und liess sich von seinem Hund zu den mächtigen Tannen führen, die ihm einen beängstigenden Eindruck machten.
Was ist denn das? Ein Schuh? Das kann doch gar nicht sein, ich muss mich irren . Doch Hans-Peters Blick schien ihn nicht getäuscht zu haben. Da lag wirklich ein roter Schuh, ein Stöckelschuh um genau zu sein. «Jaja, ist ja schon gut Flurin, führ dich nicht so auf wie ein wild gewordener bockiger Esel.» Schnell bückte sich nun der Hundehalter und wollte schon den Stöckelschuh ergreifen und an sich nehmen, als sein Blick durch etwas anderes abgelenkt wurde. Das schon nicht mehr ganz junge Herz von Hans-Peter Huber blieb einen Sekundenbruchteil stehen, sein Blick starrte auf etwas Ungeheuerliches, nicht mal im schlimmsten Traum hätte Hans-Peter daran gedacht, dass ihm jemals so etwas passieren würde.
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