»Weil Herr Rothlauf, sein Vater, gesagt hat, sein Sohn hätte noch geröchelt, als er ihn fand.«
»Ich glaube, das können Sie ausschließen, allenfalls ist durch eine Bewegung des Leichnams Restluft aus der Lunge entwichen, das kann passieren, wenn man den Körper bewegt oder hochnimmt. Nach solchen Stichen röchelt man nicht mehr, höchstens ein paar Sekunden, aber nach denen in den Rücken überhaupt nicht mehr. Zwei davon gingen ins Herz. Allerdings muss es ziemlich gespritzt haben, könnte ich mir denken. Ich weiß ja nicht, ob da eine Wand in der Nähe war, aber Blutspritzer sollten bis in eine Entfernung von ein, vielleicht sogar zwei Metern zu finden sein.«
»Sehr appetitlich, danke. Das wird die Spurensicherung feststellen.«
»So viel einstweilen zu Max. Mehr morgen.«
Behütuns bedankte sich, doch dann fragte er noch: »Sagen Sie, können Sie denn nach so einer Untersuchung überhaupt schlafen?« Immerhin ging es schon auf ein Uhr zu, und er selber schob gerade wieder aktiv die Bilder vom Nachmittag beiseite. Klappte aber nicht.
Da lachte sie schon wieder. »Schlafen? Kann ich sowieso nicht. Ich habe einen Säugling im Haus, der kommt alle zwei bis drei Stunden – und jetzt hat er eh Hunger, wenn ich heimkomme.«
Behütuns war ehrlich erstaunt. »Sie sind Mutter geworden? Meinen Glückwunsch! Davon hatte ich ja gar keine Ahnung.«
»Ist ja auch kein Wunder, Sie melden sich ja bloß, wenn es Schreckliches zu tun gibt.«
Behütuns überging die Spitze, sie hatten ohnehin nur beruflich miteinander zu tun. Aber er rechnete schnell nach. Wie lange hatte er sie nicht mehr gesehen? Ja, schon über ein Jahr. Also hatte er zumindest die Schwangerschaft nicht übersehen. Oder vielleicht doch?
»Wie alt ist denn die Kleine schon ... oder ist es ein Er?«, fragte er schnell.
»Ein Er. Regulär vier Monate, aber eigentlich schon sechs.«
»Wie ...« Behütuns verstand nicht.
»Unser kleiner Paul kam zwei Monate zu früh.«
Behütuns wusste nicht, was antworten. Mit Kindern kannte er sich nicht aus, da hatte er keine Erfahrung. Er wollte nicht wissen, wie hilflos er ausgesehen hätte, hätte ihm jemand einen Säugling auf den Arm gelegt. So etwas Kleines und Zerbrechliches. Das dann vielleicht auch noch sabberte. Nein, er wollte das überhaupt nicht wissen. »Ja, dann noch einmal meinen herzlichen Glückwunsch – und jetzt gehen Sie heim zu Ihrem Kleinen, und zwar auf der Stelle. Das ist ein Befehl.« Das war der Ton, den er beherrschte. Leicht burschikos, ein bisschen künstliche Distanz, aber immer mit einer Spur Humor; und doch spürbar auch einer Portion Herzlichkeit. So, dass ihm keiner böse sein konnte.
»Ja, danke. Ich melde mich dann, sobald ich Genaueres habe. Gute Nacht.« Es klackte am anderen Ende.
•
Die Nacht war kurz gewesen, und Behütuns hatte nur flach geschlafen. Kein erholsamer Schlaf. Um sechs Uhr beendete er das Bemühen und schaute noch vor sieben im Klinikum Nord vorbei, sprach mit Dr. Kinkel, dem Stationsarzt der Not- und Unfallchirurgie. Sah ziemlich verorgelt aus, dieser Doc, war aber auch schon sechsundfünfzig Stunden am Stück im Dienst, wie Behütuns erfuhr. Personalmangel, Einsparungen. Auch hier führten längst die Kaufleute das Regiment, es ging nur noch um das Wohl der Finanzen, längst nicht mehr um das der Menschen. Diktat der Wirtschaftlichkeit, kranke Welt. Da wünscht man sich die Verantwortlichen sofort unters Messer der Übernächtigten. Er selber hatte ja wenigstens ein paar Stunden geruht.
»Wie es Frau Rothlauf geht? Sie liegt auf Intensiv im künstlichen Koma.«
»Wird sie es schaffen?«
Der Arzt machte ein skeptisches Gesicht. »Das kann zum jetzigen Zeitpunkt keiner sagen. Und«, er überlegte einen Moment, als suche er nach der richtigen Formulierung, »es kann auch keiner sagen, ob es für die Frau gut ist, wenn sie wieder zurückkommt. Oder für ihre Lieben. Sie hat Verletzungen im Bereich des Stirnlappens sowie am Hinterkopf im Bereich der Wirbelsäule. Ein Stich ging schräg durchs Auge ins Hirn, einer hat ihr das Gesicht aufgeschlitzt. Der Täter muss getobt haben, wie von Sinnen. Vermute, ein Rechtshänder, aber ich bin kein Gerichtsmediziner. Wir haben Splitterbildung und Einblutungen ins Hirn. Die Splitter haben wir ihr heute Nacht entfernt, aber welche Auswirkungen die Verletzungen auf die Funktionsweise des Gehirns haben, wissen wir noch nicht.«
Der Arzt sah auf die Uhr, er schien es eilig zu haben, trotzdem ließ er Behütuns davon nichts spüren und nahm sich Zeit. Bewundernswert. »Wissen Sie«, fuhr er fort, »im Bereich der Stirn verortet man im Allgemeinen die Emotionen, Empathie und so. Sozialverhalten. Wir haben schon Verletzungen hier gehabt, die waren bei Weitem nicht so gravierend, aber in ihrer Folge katastrophal. Die Menschen waren überhaupt nicht mehr zu sozialen Beziehungen fähig. Allerdings hatten wir auch schon Patienten mit intensiveren Verletzungen, bei denen hinterher gar nichts war, die waren wieder völlig normal. Kann man also nichts sagen. Ich zumindest nicht.«
»Und die anderen Verletzungen?«
»Einzelheiten oder nur grob?«
»Wenn Sie mir die Einzelheiten ersparen können ...?« Die Schilderungen von heute Nacht blubberten schon wieder aus der brüchigen Versenkung, und die konkrete Vorstellung eines Stichs ins Auge verkrampfte Behütuns den Magen, sein Kaffee begann bereits zu rebellieren.
Dr. Kinkel zuckte nur mit den Schultern. »Vielleicht hat die Frau Glück –, aber sie wird zeitlebens entstellt sein. Im Gesicht und an einer Hand.«
»An der Hand?«
»Die Knochen der Finger einer Hand sind teilweise zersplittert. Damit haben wir heute Nacht noch gar nicht begonnen. Erst einmal muss sie mit den übrigen Verletzungen einigermaßen fertigwerden. Aber wenigstens ist der Zustand der Patientin jetzt halbwegs stabil.«
In Behütuns keimte eine Vermutung auf, er wollte jedoch abwarten, was der Arzt dazu sagte. »Wie erklären sich diese Handverletzungen?«
Dr. Kinkel musste nicht überlegen. »Ich bin kein Gerichtsmediziner, aber ich tippe auf Abwehrverhalten. Allerdings«, es entstand erneut eine kurze Pause, »die anderen Verletzungen, Stiche in Schulter, Rücken und Bauch, waren für uns gravierender. Wir mussten Venen flicken, auch den Darm, ein Stich ging in die Leber, mit immensen Blutungen in den Bauchraum. Sie wäre uns zweimal fast weggeknickt, allein schon wegen des Blutverlustes. Wollen Sie eigentlich einen Kaffee?«
Behütuns winkte ab, er war froh, dass der, den er schon hatte, dort blieb, wo er war.
»Wissen Sie, meine Kolleginnen und Kollegen, die bei der OP dabei waren, und ich, wir erklären uns das so: Die Frau hat den Angreifer gesehen und ist auf ihn zu. Deshalb trifft sie der erste Stich mit voller Wucht. Sie sieht ihn mit dem Messer auf sich zukommen, sieht, dass er zustechen will, und nimmt zum Schutz instinktiv die Hände vors Gesicht. Dieser Stich zertrümmert ihr die Finger der Hand, dringt hindurch und tief ins Auge ...«
Behütuns winkte ab, sein Magen. Kinkel konnte sich ein leises Lächeln nicht verkneifen.
»Nur eines noch: Wie viele Stiche waren es insgesamt?«
»Sieben oder acht. Zum Teil bis zu dreißig Zentimeter tief.«
Behütuns sah auf die Uhr, ein reiner Fluchtreflex. »Sagen Sie, kriegen wir das alles auch noch schriftlich?«
Der Arzt schaute recht skeptisch. »Zu den Verletzungen kriegen Sie einen medizinischen Bericht, zu meinen Vermutungen nicht, dazu sind wir hier die Falschen. Aber wenn Sie mir einen Gerichtsmediziner vorbeischicken, die können so etwas viel besser, ja, mit dem kooperiere ich gern. Außerdem lerne ich dann noch etwas.«
Behütuns bedankte sich und fuhr hinüber zum Jakobsplatz ins Präsidium, berichtete den Kollegen, die auch schon weit vor der Zeit im Büro aufgetaucht waren. Sie teilten sich auf. Dick wollte sich auf die Suche nach dem Taxifahrer machen, die Angaben von Rothlauf überprüfen, und P. A. wollte mit Rothlauf selbst sprechen, falls dieser schon dazu in der Lage war. Am besten im Beisein eines Arztes oder Psychologen, wenn ihn einer betreute. Ihn befragen zu eventuellen familiären oder privaten Hintergründen. Verbrechen im Familienkreis waren oft durch Beziehungsgeschichten motiviert, sagte das Lehrbuch. P. A. wollte versuchen, das auszuloten. Und auch herausfinden, ob sich im Haus Wertgegenstände befanden bzw. befunden hatten. An den Tatort zurück konnten sie mit ihm noch nicht. Die Spurensicherung hatte zwar die Nacht durchgearbeitet, aber ob die schon fertig waren, wussten sie nicht, und dann käme erst noch der Reinigungstrupp. Dessen Arbeit mussten sie in jedem Fall noch abwarten, bevor sie mit Rothlauf ins Haus konnten, um zu überprüfen, ob eventuell etwas entwendet worden war. Auch das konnte ja ein Motiv sein.
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