Und trotz alledem vermochten die Leute vom Fluß eine dunkle Ahnung nicht zu bannen, daß ihr Leben, die Existenz des Stammes in jedem Augenblick bedroht sei. Der Mensch sah sich allein im Mittelpunkt einer feindlichen Welt. Unter den Tieren zählte er nicht eines als Freund. Er kannte sie nur, um sie zu töten. Zwischen ihnen und ihm war ewiger Krieg, ein Kampf, der bald mit offener Kraft, bald mit Heimtücke und List geführt wurde. Sobald er seine Behausung verließ, setzte der Mensch sich tausend Gefahren aus. Hinter den Bäumen und den Felsen lauerten stumme Feinde auf ihn, und der Gedanke, daß es immer so bleiben werde, solange es Menschen und Tiere geben würde, bedrückte ihn an manchen Tagen.
Und was gab es außerdem noch für schwer zu ertragende Leiden und Plagen!
Krankheiten kamen über den Stamm, von unsichtbaren Feinden gesandt, über die man ganz im unklaren war. Sie dezimierten die Söhne des Bären. Wohl vermehrten die Weisen ihre versöhnenden Riten, doch die Widersacher waren geschickt genug, sich auch dem mächtigsten Zauber zu entziehen. Wie die Fliegen beim ersten Frost, so starben die Leute vom Fluß.
Eine noch gefährlichere Plage kam über sie. Die Furcht zog in das Tal ein und nahm von ihren Seelen Besitz. Eine Katastrophe, die man herannahen fühlte, ohne zu wissen, von welcher Art sie sein werde, würde in naher Zeit den ganzen Stamm vollkommen vernichten. Angstbeklommen zitterte man in den Hütten, man wagte sich nicht vor die Türen, ja, man litt lieber Hunger, als den Gefahren entgegenzutreten, die draußen warteten. Und wieder bemühten sich die Weisen, die unseligen Ursachen dieses Zaubers zu entdecken. Dieser Zustand währte manchmal einen ganzen Monat, manchmal auch zwei. Erst allmählich kehrte die Ruhe zurück, grundlos, wie Sonnenschein nach Regenwetter, und die Leute vom Fluß verloren selbst die Erinnerung an den Schrecken, der sie in ihre Wohnstätten gebannt hatte.
Einige blieben aber ständig durch Gesichte und Angst geplagt. Sie sahen Dinge, die alle anderen nicht wahrnehmen konnten; sie hörten Worte und Geräusche, die allen rings um sie entgingen. Untätig blieben sie die ganzen Tage, aber trotzdem behandelte man sie mit Güte, und sie nahmen an der Nahrung ihrer Stammesbrüder teil, ohne bei deren Erwerb mitgeholfen zu haben.
Manchmal packte einen dieser Besessenen ein Anfall. Er sank wie hingemäht zu Boden; rötlicher Schaum entquoll seinen Lippen. Mit Armen und Beinen stieß er im Krampf um sich. Lange Zeit blieb er wie leblos. Die Weisen begannen den Unglücklichen zu behandeln. Sie berührten ihn mit einem Renntierhuf und gaben ihm einen Trank, aus Pflanzen bereitet, deren Mischung nur ihnen bekannt war. Dann versuchten sie durch Beschwörungsformeln den Geist zu verjagen, der ihn quälte. In ernsten Fällen, wenn alles vergeblich war, wurde zur Operation geschritten. Es blieb nichts übrig, als eine Öffnung in den Schädel des Besessenen zu bohren, durch die der böse Geist zu entweichen vermochte. Man verfuhr dabei auf folgende Weise:
Die drei Weisen ließen zuerst die vorgeschriebene Beschwörung ergehen. Wenn die Wirkung nicht so war, wie man erhoffte, nahm einer von ihnen einen hierfür besonders zugespitzten Stein und setzte ihn, während die beiden anderen den Kranken festhielten, mit aller Kraft auf den Schädel des Unglücklichen, wo er ihn dann zwischen seinen Händen so rasch als möglich drehte, während ein anderer Tropfen auf Tropfen heißen aromatischen Wassers auf die Haut fallen ließ, nachdem auch darüber die notwendigen Formeln gesprochen waren. Diese heikle Operation wurde mit der äußersten Langsamkeit durchgeführt. Sobald sich das Loch in der Schädeldecke zu formen begann, hielt der Weise inne, um erst am nächsten Tage fortzufahren. Er stillte das Blut mit Hilfe gewisser Kräuter, mit denen die Jäger ihre Wunden verbanden. Es brauchte oft sechs bis acht Tage, bevor die Schädeldecke durchbohrt war.
Es kam vor, daß der Kranke gesundete. Es kam häufiger vor, daß er starb. In diesem zweiten Falle war es den Leuten vom Fluß klar – selbst die Schwerfälligsten und Stumpfesten begriffen es – daß die Zaubersprüche nicht in vorgeschriebener Weise gesprochen worden waren.
So verliefen durch Jahrhunderte die Tage für die Menschen am Flusse, rauhe Tage voll Mühsal und Kampf, an denen die Jäger des Stammes immer wieder unter Gefährdung ihres Lebens und unter unsäglichen Anstrengungen und Opfern Nahrung für Frauen, Kinder und Greise erbeuten mußten.
Seit einigen Generationen aber zeigten sich kaum wahrnehmbare Änderungen in der Temperatur, die dennoch so aufmerksamen, geduldigen und geübten Beobachtern, wie es die Söhne des Bären waren, nicht entgehen konnten. Die Winter verloren immer mehr an Kälte, und die Sommer wurden heißer.
Einst – so lauteten die Berichte der Greise, in deren schwachem Gedächtnis sich allerdings die eigenen Erinnerungen unentwirrbar mit den mündlichen Überlieferungen des Stammes vermengten, so daß es nachgerade unmöglich war, die Erlebnisse ihrer eigenen Jugend von der unbewußten Wiederholung dessen zu unterscheiden, was ihnen von ihren Vorfahren erzählt worden war – einst sollte das Land fast während der Hälfte des Jahres von einer schimmernden Schicht Schnee bedeckt gewesen sein. Damals in diesem für sie günstigen Klima wimmelte es von Renntieren. Vier bis fünf große Herden hielten sich ständig im Tale auf. Die Jäger verfolgten sie mit Schneereifen an den Füßen. Überfluß herrschte in den Wohnstätten. Aber jetzt war Regen an Stelle des Schnees getreten. Der Winter verlief in eisiger Feuchtigkeit, unter der die Renntiere furchtbar leiden mußten.
So klagten die alten Männer, während sie ihre erstarrten Glieder am Feuer wärmten. Ungeduldig hörten die jungen Leute zu. Die Greise faselten; glaubten sie denn, daß die Welt mit ihnen zu Ende sei?
Die Weisen jedoch schüttelten den Kopf. Wie konnte man leugnen, daß das Leben ringsum sich änderte. Die Tiere merkten es ebenso wie die Menschen; sie waren ständig in Unruhe. Das Wild mit schönem Pelz wurde immer seltener. Wie viele Zobel wurden jetzt noch während eines Jahres vom ganzen Stamm erlegt? Silberfüchse und Blaufüchse gab es nur noch in verschwindender Menge. Warum verließen die einen und die anderen das Land? Neue Arten tauchten auf. Man jagte jetzt den Hirsch, der früher unbekannt gewesen war. Doch, war der Hirsch ein Ersatz für die gewohnte Beute? Seine Haut war unverwendbar und sein Geweih zu weich, um bearbeitet zu werden.
Und das Renntier verschwand. Das war eine Tatsache. Schon seit langem erbeutete man so wenige, daß sich nur mehr die Jäger in ihr vorzügliches Fell kleiden konnten. Ohne Zweifel wechselten die Renntiere oft, aber sie waren noch nie, wie diesmal, ein ganzes Jahr fortgeblieben. Man begann schon zu glauben, daß man sie niemals wiedersehen würde.
Dieser Gedanke verursachte eine wahre Panik im Stamme. Die bei erbitterten Frauen natürliche Ungerechtigkeit führte sie dahin, ihren Männern vorzuwerfen, daß sie sich nicht mehr auf die Jagd verstünden. Man sollte es nur wissen, ohne die Felle der Renntiere konnten sie sich nicht behelfen! Die Männer ihrerseits wandten sich an Rahi, den Häuptling, und an die Weisen. Ihnen oblag der Schutz des Wildes. Ihre Pflicht war es, die feindlichen Geister zu hindern, es zu entführen. Besaßen sie denn nicht Mittel genug, um die Tiere, die zu flüchten versuchten, an eine Stelle zu bannen und jene, die geflüchtet waren, zurückzurufen? Wenn ihre Zauberkräfte nicht mehr ausreichten, wie konnten sie es dann wagen zu behaupten, daß sie das geistige und körperliche Wohl des Stammes zu sichern vermochten? Der Häuptling wurde jeden Tag unbeliebter. Nur noch die Furcht, die er um sich verbreitete, weil er viele Geheimnisse der unsichtbaren Welt kannte, hinderte die Männer, sich offen gegen ihn zu erheben.
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