Neues Ungemach braute sich zusammen. Das Schalten ging immer mühsamer vor sich, und mit der Zeit reagierten die Gänge gar nicht mehr. Was mochte das bedeuten? Ein Augenschein brachte bald Gewissheit. Das Übersetzungskabel hing nur noch an einem seidenen Faden. Da gerade der mittlere der drei Gänge drin war, konnte ich nur mehr in diesem Gang weiterfahren. Noch lief es wie geschmiert. Das Rhônetal ist flach, und ich hatte starken Rückenwind. Wie von unsichtbarer Hand wurde ich vorwärts gestoßen.
Endlich näherte ich mich einer kleinen Stadt, deren Fahrradmechaniker jedoch seine Werkstatt bereits dichtgemacht hatte. Also beschloss ich, die idealen Windverhältnisse zu nützen und einfach weiterzufahren. Abends um 21.00 Uhr, nach über 50 Kilometern mit nur einer Übersetzung, erreichte ich die Stadt Vienne. Doch diese mittelalterliche Touristenstadt hatte keinen Zeltplatz. Weil die billigen Hotels alle belegt waren, blieb mir nichts anderes übrig, als weiter der Rhône entlang zu fahren, um irgendwo wild zu zelten.
In Gedanken versunken merkte ich gar nicht, dass ich mit meinem Rad auf eine Schnellstraße geraten war. Nun gab es kein Zurück mehr. Nur fünf Meter trennten mich von der idyllischen Rhône, an deren Ufer ein verwachsener Feldweg entlangführte. Hinter einer Gebüschgruppe hob ich kurzerhand mein Fahrrad mitsamt dem Rucksack über die Leitplanke und stellte dort, dem Dröhnen und den Scheinwerfern der vorbeifahrenden Autos und Motorräder trotzend, mein Zelt auf. Im Schutze des Gebüsches und der Dunkelheit nahm ich zwischen Algen und Abfall noch ein Bad in der Hoffnung, dass mich weder Ratten noch Polizisten entdecken würden. In banger Erwartung eines nächtlichen Überfalls versteckte ich mein Geld unter einem nahen Baum. So war wenigstens meine Reisekassa in Sicherheit. Noch längere Zeit hielten sich im Zelt Beklemmung und Müdigkeit die Waage, aber zuletzt obsiegte die Müdigkeit, und ich schlief ein.
EIN RETTENDER ENGEL
8. Juli
Erst mit dem Aufkommen des Werksverkehrs erwachte ich. In meiner Freude, diese Nacht heil überstanden zu haben, verzichtete ich gerne auf ein Morgenbad in der Rhône, zumal die Morgensonne den Grad der Verschmutzung schonungslos ans Licht brachte. Zum Zähneputzen reichte es gerade noch.
Schnell wurde das Zelt abgebrochen. Ich stieg wieder aufs Rad und fuhr, eingeklemmt zwischen Autostraße und Rhône, auf einem unkrautübersäten Schotterweg viele Kilometer dahin, bis ich mich plötzlich mitten auf einer Wiese befand. Ein guter Bauer führte mich wieder auf den rechten Weg.
Meine Hauptsorge galt nun der Reparatur der Gangschaltung. Schon bei der kleinsten Steigung musste ich vom Sattel steigen und das Rad schieben. Endlich näherte ich mich einem Städtchen mit einem großzügigen Fahrradgeschäft. Doch meiner Freude folgte sogleich eine herbe Enttäuschung: Ich hätte das Rad erst wieder in zwei Tagen abholen können! So lange wollte ich auf keinen Fall warten. Immerhin machte man mich auf eine kleinere Werkstatt aufmerksam. Schon von Weitem konnte ich sogar das Logo meiner Radmarke entdecken. Aber es folgte eine neue Enttäuschung: wegen Todesfall geschlossen!
Nein, ich konnte nicht warten. Unaufhaltsam zog es mich weiter. Und überhaupt: Bisher war es mit nur einem Gang auch nicht schlecht gegangen. Was ich allerdings nicht wissen konnte: Ich stand vor einer Bergetappe. Es ging von 300 auf 1100 Meter hinauf. Mit einem einzigen Gang war das eine völlig unmögliche Sache.
Ahnungslos fuhr ich los und wollte den Weg Richtung Annonay einschlagen. Doch zum Glück verpasste ich die richtige Abzweigung. Ich bog in eine kleine Seitengasse und stand plötzlich vor einem völlig unscheinbaren Radgeschäft. Ein freundlicher Mann war sofort bereit, mir das Kabel auszuwechseln. Schon nach einer halben Stunde händigte er mir mein Rad für wenig Geld wieder aus. Ich gab ihm ein fürstliches Trinkgeld, worüber er sehr erstaunt war. Für ihn waren es nur ein paar Handgriffe gewesen – für mich aber hing die weitere Pilgerfahrt von seiner Hilfsbereitschaft ab.
Mit neuem Elan schwang ich mich auf mein geduldiges Stahlross. Dass es nun stundenlang aufwärts ging und der Schweiß nur so dahinrann, störte mich überhaupt nicht. Hauptsache war, dass alles perfekt funktionierte!
Bei einer kleinen Poststelle kaufte ich einige Briefmarken. Der freundliche Postbeamte ließ mich Platz nehmen und offerierte mir großzügig Orangensaft und Mineralwasser. Einfach so. Ich muss wohl wie ein Verdurstender ausgesehen haben. Als ich endlich auf der Anhöhe ankam, öffnete sich mir eine bezaubernde Landschaft, die mich an das Einsiedler Hochmoor erinnerte. Die folgende Abfahrt ließ dann alle Strapazen vergessen und animierte mich zu lautem Gesang. Und bald wartete ein einfacher Campingplatz auf mich. In großem Frieden schlief ich ein, diesmal ganz ohne Angst vor Ratten, Polizisten und Räubern.
Als ich am Morgen das Zelt öffnete, saß bereits die junge Elster, mit der ich schon am Vorabend Bekanntschaft gemacht hatte, beim Zelteingang und bettelte. Sie zeigte ein fachmännisches Interesse für alle Teile meines Fahrrads. Geschwisterlich teilten wir unser bescheidenes Frühstück. Daraufhin wich sie keinen Zentimeter mehr von meiner Seite und folgte mir überallhin.
Als für die Weiterreise alles bereitstand, lockte ich meine kleine Freundin hinter eine Baracke und gab ihr dort ein Stück glitzernde Alufolie. Das lenkte sie für einen kurzen Moment ab. Schnell rannte ich zum Rad und machte mich aus dem Staub. Ich ließ ein leicht frustriertes Elsterchen zurück.
Schon näherte ich mich Le Puy, einer der bedeutenden Etappen am Jakobsweg. Ich besuchte die Basilika, die hoch über der Stadt thront, und war überrascht, da oben eine Quelle mit Trinkwasser zu finden. Als verwöhnter Schweizer musste ich lernen, dass es in vielen Gegenden Frankreichs kaum Brunnen gibt. Die Suche nach dem lebensnotwendigen Nass wurde zu einer der Hauptsorgen auf dem Weg, besonders bei meiner Fahrt durch das französische Zentralmassiv, wo man selbst in größeren Ortschaften vergeblich nach Wasser sucht.
Bald nach Le Puy folgte eine böse Überraschung. Meine Landstraße mutierte unversehens zu einer Schnellstraße. Das Radfahrverbot war unübersehbar, aber niemand hatte an uns Radfahrer gedacht. So fuhr ich einfach weiter, als ob nichts wäre.
Aber nach 20 Kilometern war endgültig Schluss. Die Schnellstraße mündete nämlich in eine mehrspurige Autobahn. Nur mit größter Mühe hob ich mein schwer beladenes Rad über die Leitplanken. Nach Überquerung einer hässlichen Baustelle kam ich auf einen kleinen Feldweg. Der Sonne nach zu schließen führte er nach Westen, und so vertraute ich mich ihm blind an.
Doch schon bald wurde ich missmutig. Es war heiß und staubig, und ich hatte viel Zeit verloren. Am liebsten hätte ich mich flach auf den Boden gelegt, die Augen geschlossen und alles vergessen!
Da bog der Weg in eine Straße ein, und nach kurzer Zeit fuhr das Rad wieder wie von selber. Es ging unaufhaltsam bergab, die Abfahrt wollte und wollte nicht enden. Ich wähnte mich schon bald unter dem Meeresspiegel.
Aber es kam keine rechte Freude auf. Eine dunkle Ahnung sagte mir, dass es auf der anderen Talseite ebenso unaufhörlich wieder bergauf gehen könnte. Und so war es auch. Nur mit größter Mühe schaffte ich den Aufstieg. Mein ursprünglicher Plan, auch den Rückweg der Pilgerreise mit dem Rad zurückzulegen, bekam einen ersten Dämpfer. Und es sollten noch weitere folgen! Für den Moment stand fest: Das werde ich mir, koste es, was es wolle, kein zweites Mal antun.
Bei Sonnenuntergang erreichte ich eine verträumte Kleinstadt. Ich war am Ende meiner Kräfte. Nichts wies auf einen Zeltplatz hin. Doch ein Hotel kam für meinen Geldbeutel nicht in Frage. In meinem verschwitzten und armseligen Outfit hätte man mich wohl auch gar nicht aufgenommen.
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