Schon im Bereich der neuronalen Verschaltung auf frühen Ebenen der visuellen Verarbeitung haben wir gesehen, dass es wechselseitige neuronale Verbindungen zwischen Strukturen gibt, die im Laufe der visuellen Verarbeitung früher rekrutiert werden und es gibt Strukturen, die später rekrutiert werden (beschrieben wurden bereits die wechselseitigen Verbindungen zwischen den Neuronen auf den Sehbahnen und dem primären visuellen Kortex). Allerdings sind solche wechselseitigen Verbindungen nicht nur auf relativ frühen und basalen Ebenen der Verarbeitung zu finden, sondern es gibt auch im Kontext der Objekterkennung Beispiele von wechselseitigen Verbindungen zwischen unterschiedlichen neuronalen Strukturen und kognitiven Komponenten. Evidenz für diese Wechselseitigkeit zeigt sich in sogenannten Adaptationseffekten der visuellen Objektwahrnehmung auf Gedächtnisrepräsentationen dieser Objekte. Ein früher Befund solcher Adaptationseffekte zeigt, dass (1) das Betrachten einer horizontalen (Adaptations-)Ellipse zum subjektiven Eindruck einer vertikalen Ellipse führt, wenn nachfolgend ein (Test-)Kreis präsentiert wird. (2) Das Betrachten einer linksorientierten (Adaptations-)Linie führt dagegen zum subjektiven Eindruck einer rechtsorientierten Linie, wenn nachfolgend eine vertikale (Test-)Linie präsentiert wird (
Abb. 2.11; Köhler & Wallach, 1944). Allerdings gibt es neuere Befunde, die solche Adaptationseffekte von einfachen auf komplexere Formen übertragen konnten:
1. Betrachten Versuchspersonen bekannte Gesichter mit stark reduzierten Auge-Mund-Abständen, dann werden nachfolgend nicht veränderte Gesichter als Gesichter mit erweiterten Auge-Mund-Abständen eingeschätzt (
Abb. 2.11; der umgekehrte Fall nach Adaptation mit stark erweiterten Auge-Mund-Abständen ist analog).
2. Betrachten Versuchspersonen ältere Gesichter, dann werden nachfolgend neutrale Gesichter als jüngere Gesichter eingeschätzt (auch hier ist ebenfalls der umgekehrte Fall nach Adaptation mit jüngeren Gesichtern möglich; Strobach & Carbon, 2013; Webster & MacLeod, 2011).
Obwohl in allen Fällen von Adaptationseffekten in einfachen und komplexen Objekten der Adaptationseffekt im Testbild nicht dasselbe Ausmaß erreicht wie im Adaptationsbild, zeigen solche Effekte, dass Wahrnehmungen nicht nur von Objektrepräsentationen beeinflusst werden. Diese Befunde zeigen auch, dass sich Objektrepräsentationen flexibel an veränderte Wahrnehmungseindrücke in der sich dynamisch verändernden Umwelt adaptieren können.
Abb. 2.11: Illustrationen von Adaptationsbildern, Testbildern und den resultierenden Adaptationseffekten am Beispiel der Form und Orientierung einfacher Objekte (erste Zeile) und konfiguralen Informationen in komplexen Objekten (d. h. bekannten Gesichtern; zweite Zeile)
Zusammenfassung und Ausblick
Sensorische Informationen werden über ein komplexes physiologisches System wahrgenommen. Für die visuelle und auditive Wahrnehmungsdomäne wurden in diesem Kapitel die unterschiedlichen Verarbeitungsschritte von einer wahrnehmungsnahen Verarbeitung mit der Verarbeitung einzelner Objektelemente (z. B. Farbe von visuellen Objekten oder Tonhöhe in auditiven Objekten) zur Verarbeitung in komplexen Zusammenhängen (z. B. die Verarbeitung von komplexen Objekten wie Gesichter) nachgezeichnet. Neben dieser physiologischen Perspektive auf Wahrnehmung wurden die Psychophysik und die Gestaltpsychologie in der beschreibenden Perspektive behandelt. Vor allem im Kontext der physiologischen Perspektive gibt es zukünftig ein hohes Potential, die erklärenden Mechanismen und Beiträge der physiologischen Verarbeitung zu spezifizieren. Diese Erklärungen wurden von kognitiven Theorien zur Objekterkennung, z. B. Marrs algorithmischer Ansatz, Biedermans Recognition-by-components-Theorie und den Theorien zur Gesichtserkennung im Kontext der erklärenden Perspektive demonstriert. Allerdings bieten auch diese Theorien zukünftige Potentiale ihrer Spezifizierung und ihrer Integration in physiologische Perspektiven. Des Weiteren wird sich sehr wahrscheinlich der Trend zu einer Integration von Betrachtungen einer Wahrnehmung in Kombination mit motorischen Handlungen fortsetzen (Kunde, 2017).
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