Inzwischen schoben die Kanoniere Lafetten und Rohrwagen auf die Loren und zurrten die tonnenschweren Lasten fest. Der Batterietrupp bestieg die vorn befindlichen Personenwagen, der Chef lief am Zug auf und ab, gab hier eine Anweisung und dort einen Befehl.
Die Sonne versank hinter dem schwäbischen Forst, als der Transport verladen und zur Abfahrt bereit war.
»Essen- und Kaffee-Empfang!«, hieß es noch einmal, und die Essenholer rannten zur Lore, auf der die Feldküche stand, und wo die beiden Küchenbullen mit roten Gesichtern noch einmal Marschverpflegung und Muckefuck verteilten.
Benz holte die Fourage für die Fahrer der Lafette. Er stand in der Schlange der Essenholer neben Emmerich.
»Na«, sagte der und stieß ihn freundlich in die Seite. »Wie kommst du als Fahrer zurecht? Haut’s hin?«
Benz spürte noch den Abschiedsschmerz und hatte während des Verladens oft zu jenem Gleis hinübergeschaut, wo Stunden zuvor Gerti abgefahren war. Er war bedrückt – und nicht nur, weil Gerti fort war, sondern weil er nicht bei den Kameraden des 1. Geschützes sein durfte. Die fuhren vorn im Personenabteil, er musste im Viehwaggon, bei den Gäulen, reisen.
»Die Umstellung ist schon blöd«, sagte er zu Emmerich. »Ich muss mich erst daran gewöhnen.«
»Mach dir nichts draus, Robert. Ich bin sicher, dass du bald wieder zu uns kommst.«
Sie empfingen Brot, Büchsenwurst und die Zigarettenrationen. Plötzlich sah Benz Schimanek. Er stand etwas abseits und rauchte. Er schien getrunken zu haben. Sein Gesicht wirkte dunkel; er schwankte leicht.
»Benz! Zu mir her!« Es klang ein wenig lallend.
Benz zögerte. Der alte Hass stieg jäh wieder in ihm auf, das Bedürfnis, Schimanek die Faust zwischen die Augen zu schlagen oder ihn anzubrüllen, dass er ein Drecksack, ein Idiot sei. Aber er ging zu ihm hin.
Schimanek grinste schief. »Was … was ich noch sagen wollte, Benz. Sie … ähm … Sie haben ’n hübsches Mädchen. Sie verdienen es gar nicht, wissen Sie das!«
»Was geht Sie das an, Herr Wachtmeister?« Es klang schroff.
Schimanek grinste. »Was mich das angeht, Benz? ’ne Menge. Sie sind in meinen Augen ein Feigling! Sie haben sich hinter Ihrem Mädel verschanzt und es auf mich gehetzt. Was haben Sie ihr eigentlich über mich gesagt? Na, ’raus mit der Sprache! Sagen Sie es ruhig, Benz! Ich will es wissen!«
Benz sah, dass Schimanek betrunken war. Was sollte er ihm jetzt antworten? Es gab bestimmt einen Mordskrach, wenn er jetzt Schimanek in die Schranken wies.
»Ich habe meiner Braut nichts über Sie gesagt, Wachtmeister!«
»Das können Sie doch mir nicht weismachen, Benz!«
»Sie hat Sie gegen meinen Willen angesprochen«, knurrte Benz mit mühsamer Beherrschung.
»Das glaub ich Ihnen nicht!«
»Dann ist es mir auch egal, Herr Wachtmeister!«, gab Benz betont gleichgültig zurück.
»Wie … wie reden Sie mit mir?«, brauste Schimanek auf.
In diesem Augenblick stand Hauptmann Schröder neben ihnen. Schröder hatte seine Batterie gut in der Hand. Natürlich wusste er von dem gespannten Verhältnis zwischen Benz und Schimanek. Es schien ihm jetzt erforderlich, noch vor dem Abtransport den beiden Kampfhähnen etwas zu sagen.
»Was gibt es hier?«, fragte er. Er hatte eine angenehme, stets ruhig klingende Stimme.
Schimanek knallte die Hacken zusammen. »Nichts, Herr Hauptmann … nichts von Belang.«
»Bitte sorgen Sie dafür, dass die Essenausgabe zu Ende geht«, befahl Hauptmann Schröder. »In zehn Minuten ist Abfahrt.«
Schimanek ging, nicht ohne vorher einen ironischen Blick auf Benz zu werfen.
Benz stand stramm, unter den Armen drei Brote und drei Büchsen Blutwurst, in den Händen die Kochgeschirre mit dem schwarzen Malzkaffee.
Der Hauptmann sah ihn an, sehr lange und prüfend. Dann sagte er nicht unfreundlich, aber bestimmt:
»Benz, Sie wissen, ich schätze Sie. Ich schätze es aber nicht, wenn sich ein Gefreiter einem Vorgesetzten gegenüber ausfallend und im höchsten Grad unmilitärisch benimmt. Sie waren mir zum Rapport gemeldet. Dieser Rapport ist nur aufgeschoben, verstanden!«
»Jawohl, Herr Hauptmann.«
»Sie sind jetzt Fahrer bei der 1. Lafette?«
»Jawohl, Herr Hauptmann.«
»Sie bleiben es vorläufig. Ist das klar?«
Benz schluckte. Er wusste plötzlich, dass nicht Schimanek die Versetzung verfügt hatte, sondern Hauptmann Schröder. Statt Bau! Statt Bestrafung!
»Herr Hauptmann … ich wäre lieber …«
»Es ist mir gleich, was Ihnen lieber wäre«, fuhr ihn der Hauptmann an. »Sie bleiben Fahrer, verstanden!«
»Jawohl, Herr Hauptmann.«
»Wegtreten!«
Der Gefreite Benz knallte die Absätze zusammen, machte eine exakte Kehrtwendung, ging an der Wagenreihe entlang zum Viehwaggon. Er stieg ein. Hirtz und Berger nahmen ihm die Brote und die Wurstkonserven ab.
»Was war los, Robert?«, fragte Berger. »Haste vom Chef ’ne Zigarre verpasst bekommen?«
»Nicht direkt«, murmelte Benz.
»Mach dir nix draus, Robert«, lachte Hirtz. »Das verwächst sich alles. Und jetzt werd ich euch sagen, wohin wir kommen! Nach Ungarn! Ich weiß es ganz sicher!«
Zehn Minuten später ruckte der Zug an und fuhr langsam in Richtung Ulm. In den Personenwaggons sangen die Kanoniere Ein Heller und ein Batzen, die waren beide mein … Die Stahlräder rollten dumpf und hastig über den Schienenstrang. Draußen zog das schwäbische Land vorüber – Felder, Wiesen, Wälder und kleine Dörfer. Im rumpelnden Viehwaggon standen die Pferde und fraßen das vorgeworfene Heu.
Benz streichelte den Kopf des Wallachs Toni, schmiegte das Gesicht dagegen und war voller Bitternis und heimlicher Niedergeschlagenheit. Gerti, dachte er, du hast mir keinen guten Dienst erwiesen, aber ich danke dir trotzdem.
Die Lokomotive pfiff anhaltend. Der lange Transportzug fuhr immer schneller und verschwand in der Dämmerung des Juniabends.
Militärische Operationen verbergen sich gewöhnlich unter irreführenden Vorbereitungen. Strategische Entscheidungen werden vernebelt und im Zuge taktischer Instruktionen der Truppe auf Umwegen bekannt gegeben. Ein wichtiges Verschleierungsmittel ist die »Parole«, das nicht zu greifende Flüstergespräch, das Wort von Mund zu Mund. Niemand kennt die Quelle, aus der die Parole, das rätselhafte Satzgefüge, das Schleichgespräch, kommt. Es ist einfach da. Es regt die Meinungen an und lässt sich dennoch nicht konkretisieren. Es taucht beim Marschieren auf, auf den Stuben, bei einer Zigarette, in der Kantine oder auf der Latrine. Dort am ausgiebigsten – »Latrinenparolen« eben. Aber sie sind Vorläufer meist folgenschwerer Entscheidungen, die Ahnungen von Not und Tod.
Wer hatte das Gerücht in die Welt gesetzt, dass die Transporte, die nachts aus allen Windrichtungen die Schienenstränge entlangrollten, gen Osten rumpelten, und dass die Züge von der europäischen Normal- auf russische Breitspur verladen würden? Wer hatte den erstaunlichen Unsinn geprägt, dass das verbündete Japan einen erneuten Waffengang mit China antreten würde und dass deutsche Streitmächte quer durch Russlands Weiten eilen sollten, um irgendwo in Wladiwostok oder Chabarowsk an einem fernöstlichen Kriegsabenteuer teilzunehmen? Schon eher glaubhaft hörte sich die Parole an, dass es in den südöstlichen Raum ginge, und dass man in den Balkankrieg eingreifen würde, der die Engländer aus dem Peloponnes verjagte.
Die Stimmung in den Viehwaggons und Personenwagen war gut. Man sang und schaute zum Fenster oder zur weit offenen Schiebetür hinaus, wenn eine Station vorbeizog: Augsburg … Ingolstadt … Nürnberg.
»Jungs, es geht doch gen Norden! Nach Dänemark!«
Ja, nach Norden! Ins Land, wo Milch und Honig flossen!
»Du meine Fresse – guckt doch mal! Berlin! Unser Berlin!«
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