Da Menschen immer nur begrenzte Ressourcen haben, müssen sie wählen, welche der zur Verfügung stehenden Vernetzungsmöglichkeiten sie nutzen. Manche sind allerdings unvermeidlich, da sie keiner Zustimmung des Einzelnen bedürfen: Unter der Voraussetzung, dass die Person vor Ort bleibt, wird ihr die Einbeziehung in den neuen Staat, der Anschluss an Infrastruktur und Kommunikationsnetze, der Zugang zu Ver- und Entsorgung (Gas, Wasser, Müll) usw. automatisch zuteil. Andere Netzwerke werden bewusst – teils auch unter sozialem Druck – gewählt, etwa Vereine, Parteien oder Gewerkschaften. Andere Vernetzungsmöglichkeiten sind womöglich aufgrund mangelnder Geld- und Zeitmittel nicht wählbar.
Angesichts der großen Vereinsfreudigkeit der Zeit waren zahllose Mitgliedschaften einer einzelnen Person keine Seltenheit. Auch im Arbeitermilieu finden sich solche multiplen Mitgliedschaften. So konnte ein Arbeiter natürlich Mitglied der SPD, einer Gewerkschaft, eines Arbeiter-Bildungsvereins, eines Arbeiter-Rudervereins und eines Arbeiter-Gesangsvereins sein. Das dürfte neben Arbeit und Familie seine Freizeit weitgehend ausgefüllt haben. Das Beispiel verdeutlicht gleichzeitig ein weniger auffälliges Phänomen: Zunehmende Vernetzung bedeutet mitunter eine tiefere Verankerung in einem bestimmten Milieu, sie bringt somit auch eine Abschottung nach außen mit sich. Da ferner viele der verfügbaren Medien auf einzelne politische und soziale Milieus zugeschnitten waren, konnten sich gesellschaftliche Blasen bilden, innerhalb derer bestimmte Überzeugungen, Lebens- und Denkweisen verabsolutiert wurden. Der Umstand, dass sich die Milieus oft sozial voneinander abgrenzten, erklärt, weshalb sich immer radikalere Interessenvertretungen und eine Intoleranz gegenüber anderen Vorstellungs- und Lebenswelten herausbilden konnten. Das hat die einschlägige historische Forschung gerade für die Zeit ab den 1880/90er Jahren immer wieder festgestellt. Da dies sich vor dem Hintergrund einer zunehmenden Globalisierung gerade der Medien vollzog, waren viele davon überzeugt, sie verdankten ihre eigene Sichtweise umfassenden Kenntnissen der Welt. Mit anderen Worten: Vermehrte Vernetzung kann eine Homogenisierung nach innen und eine Abgrenzung nach außen fördern.
In diesem Buch will ich jedoch keine neue Geschichte des Kaiserreichs vorstellen, sondern exemplarisch dessen zunehmende Vernetzung betrachten. Dazu ist es häufig notwendig, auf Statistiken zurückzugreifen und mit Zahlen zu jonglieren, die massenweise von den Zeitgenossen erhoben wurden. Wie bei allen statistischen Angaben gilt es, die teils erheblichen Fehlerquoten stets zu berücksichtigen und sich darüber im Klaren zu sein, dass Durchschnitts- oder Globalwerte immer große Differenzen verschleiern, die sich lokal, regional und auch individuell dahinter verbergen. Aber eine rein qualitative Darstellung der Vernetzungen über mehr als vier Jahrzehnte ist schwerlich möglich. Vielmehr steht die Gesamtgesellschaft im Zentrum meiner Aufmerksamkeit, sowohl was Potentiale der inneren Vernetzung als auch was die Verflechtung über Staatsgrenzen hinweg betrifft.
Das Buch ist auch kein Versuch, einen netzwerkanalytischen Zugriff auf die Epoche von 1871 bis 1914 vorzustellen. Mein Blick richtet sich auf die Voraussetzungen des Netzwerks, d. h. die massive Veränderung der Infrastruktur und der Kommunikationsmittel. Sie bestand nicht allein im Ausbau – wie anhand der Eisenbahn (deren Streckennetz zwischen 1871 und 1914 von knapp 20 000 auf über 62 000 Kilometer wuchs) schon oft beschrieben wurde –, sondern auch in der Verbilligung, Verdichtung und Beschleunigung vorhandener Verbindungsmöglichkeiten. Das Gleiche gilt für die immer effektivere Post, die 1881 insgesamt 1,4 Milliarden, 1913 aber schon über 10 Milliarden Sendungen statistisch erfasste. Pro Kopf und Jahr ist das eine Steigerung von 30 auf über 150 Sendungen. Der immens zunehmende Briefverkehr verweist zudem darauf, wie viele Menschen im Kaiserreich lesen und schreiben konnten. Der Alphabetisierungsgrad hatte schon 1870 nahe 90 Prozent gelegen und rückte bis 1914 dicht an die 100 Prozent heran. Überhaupt sind Lesefähigkeit und Bildung wichtige Voraussetzungen dafür, sich in einer vernetzten Gesellschaft zurechtzufinden und deren Möglichkeiten auch aktiv auszuschöpfen.
Das Kaiserreich erlebte eine Reihe bedeutsamer Harmonisierungsprozesse, die teils nach innen gerichtet waren, teils aber auch auf internationale Vereinbarungen zurückgingen. Viele dieser Standardisierungen betrafen technische Maßeinheiten: Das metrische System war vom Norddeutschen Bund 1868 eingeführt worden und wurde mit der Reichsverfassung von 1871 auf den gesamten neuen Staat ausgedehnt. Meter, Kilogramm und Liter – deren Ursprung in der Französischen Revolution liegt – wurden nun verbindliche Messgrößen, die für Wissenschaft, Technik und Handel wichtig waren und es bis heute sind. Um die Vergleichbarkeit und Sicherheit von Maßangaben zu gewähren, mussten Messinstrumente geeicht werden, wofür im Kaiserreich staatliche Stellen zuständig waren. Regionale Gewichtseinheiten blieben zwar noch im Alltagsgebrauch gängig, wurden jedoch auch in metrischen Äquivalenten ausdrückbar; damit konnte man wesentlich einfacher überregionale Vergleiche anstellen.
Nationale Regelungen, wie die Vereinheitlichung von Maßen, waren maßgeblich durch internationale Übereinkommen angestoßen worden. Und staatenübergreifend wurden sie auch fortentwickelt, wie etwa auf der Internationalen Meterkonvention ( Convention internationale du mètre ) 1875 in Paris. Alternative Systeme blieben zwar bestehen, wie das englische und das russische, verloren aber global an Boden.
Eine weitere Standardisierung betraf die Zeit. Wenngleich Sekunde, Minute und Stunde schon lange die global vorherrschende Zeiteinteilung waren (jedenfalls dort, wo Europäer und Amerikaner großen Einfluss besaßen), waren die Zeitrechnungen der einzelnen Regionen noch nicht aufeinander abgestimmt. Für die Fahrpläne von Fernzügen war allerdings eine einheitliche Bestimmung der Zeit vonnöten. Solche einheitlichen Zeiten wurden oft als »Eisenbahnzeit« eingeführt und wichen von der Ortszeit teils noch erheblich ab. Während die Ortszeiten sich anhand des Sonnenumlaufs bestimmten, setzte die Eisenbahnzeit (später die »Einheitszeit«) für ein Staatsgebiet bzw. größere geographische Region eine mittlere Zeit fest, die dann überall gleichermaßen galt.
Die Grundlage bildete eine Vereinbarung, die auf einen Vorstoß der nordamerikanischen Eisenbahngesellschaften zurückgeführt werden kann. Auf einer internationalen Konferenz 1884 in Washington wurde eine geographische Einteilung des Globus in 24 Zeitzonen in Ausdehnung von je 15 Längengraden vorgeschlagen. Dabei sollte der Längengrad von Greenwich bei London als Anfangslinie dienen, wie es in der Schifffahrt schon länger üblich war. Je 7 ½ Grad westlich wie östlich davon sollte eine einheitliche Zeit gelten.
Diese Vereinbarung wurde im Kaiserreich mit Inkrafttreten des Gesetzes betreffend die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung am 1. April 1893 verbindlich und schloss auch jene Gebiete innerhalb der Staatsgrenzen mit ein, die eigentlich außerhalb der Zeitzone zwischen 7°30' und 22°30' östlicher Länge lagen – das betraf eine Reihe von Städten im Westen, unter anderem Aachen, Köln und Straßburg. Nun galt zwischen Aachen und Memel die gleiche Uhrzeit, die Mitteleuropäische Zeit (MEZ).
Maße, Gewichte, Währung, Zeit wurden vereinheitlicht und harmonisiert. Zeit und Währung waren zwar primär innerhalb des Kaiserreichs homogenisiert, fügten sich aber doch in eine europäische und tendenziell globale Ordnung ein. Maßeinheiten wie Meter und Kilogramm sowie die davon abgeleiteten Größen – wie später auch andere physikalische und chemische Einheiten – entsprangen hingegen transnational ausgehandelten Regelungen, die freilich europäisch-amerikanisch dominiert waren. Sie vereinfachten den wirtschaftlichen wie wissenschaftlichen Austausch, erleichterten Vergleiche und sind sowohl Ausdruck als auch Antrieb der Vernetzung.
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